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Parlamentarisches Profil
Götz Hausding
Der Heimatlose: Wolfgang Gehrcke

Wolfgang Gehrcke hat die Isaf-Einsätze der Bundeswehr in Afghanistan von Anfang an abgelehnt. Wenig verwunderlich also, dass der Linken-Abgeordnete dem Plan der Bundesregierung, im Anschluss an das ISAF-Mandat bis zu 850 deutsche Soldaten im Land zu belassen, nichts abgewinnen kann. „Das ist eine höchst bedenkliche Entscheidung“, sagt der Fraktionsvize und Linken-Obmann im Auswärtigen Ausschuss. Deutsche Soldaten zu belassen innerhalb eines Nato-Kontingentes von 12.000 Soldaten in Afghanistan, lasse bei der afghanischen Bevölkerung den Eindruck entstehen, „der Krieg ist nicht zu Ende und unser Land nach wie vor von ausländischen Truppen besetzt“. Erschwerend hinzu komme noch, dass es keinen UN-Beschluss für eine Fortführung des Engagements am Hindukusch gebe. „Und dabei hat die Bundesregierung gesagt, ohne einen solchen Beschluss würde kein deutscher Soldat geschickt“, gibt er zu bedenken.

Außerdem würden die deutschen Kräfte seiner Ansicht nach eben nicht nur zu Ausbildungszwecken im Land verbleiben. „Liest man den Antrag der Bundesregierung gründlich durch, entdeckt man, dass die Bundeswehrkräfte mit dem USA-Kontingent gekoppelt sind, welches eine klare Kampffunktion hat“, sagt er. Auch sei ein Einsatz des KSK-Einsatzkommandos laut Mandat nicht ausgeschlossen.

Kein Militär, sondern zivile Aufbauhilfe brauche das Land, findet hingegen Gehrcke. „Wir brauchen ein realistisches Aufbauprogramm für Afghanistan.“ Beruhen müsse dies auf den Vorstellungen der Afghanen. „Die müssen sagen, was sie wollen und was sie brauchen. Dann können wir sagen, das machen wir und das nicht“, lautet seine Vorstellung von einem gangbaren Weg. Am Geld dürfe es dabei nicht scheitern. „Es sind so viele Milliarden in Afghanistan in den Krieg gesteckt worden. Jetzt zu sagen, wir haben kein Geld für den zivilen Wiederaufbau, würde uns völlig unglaubwürdig machen“, sagt Gehrcke.

Bildung, Frauenförderung und Infrastruktur sind seiner Ansicht nach drei Schwerpunktgebiete, die gefördert werden müssten, „damit das Land aus eigener Kraft aus seinem Elend herauskommt“. Wichtig dabei: Man müsse sich mit den Leuten besprechen, die jetzt die Macht ausüben. „Außerdem müssen wir die im Land aktiven Entwicklungsorganisationen nach ihren Erfahrungen befragen“, verlangt der 71-Jährige, der sich zuletzt auch einen Ruf als „Russland-Versteher“ gemacht hat. Ehrenrührig findet er diese Bezeichnung nicht. Eher witzig und irgendwie auch zutreffend. „Ja, ich will verstehen, warum jemand tut, was er tut. Dafür muss man im konkreten Fall mit den Menschen in Russland reden – innerhalb und außerhalb der Parlamente.“ Aus seiner Sicht hat Deutschland moralische und rationale Gründe, dem Verhältnis zu Russland besondere Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen. „Das rationale Argument ist: Einen solchen Riesen wie Russland sollte man nicht zum Feind haben.“ Der andere Grund ergebe sich aus den 27 Millionen im Zweiten Weltkrieg getöteten Sowjetbürgern, von denen viele Russen waren. Deutschland, so Gehrcke, müsse anerkennen, „dass wir unsere Demokratie auch der Roten Armee zu verdanken haben“.

Es sind sicherlich auch Sichtweisen wie diese, die die „Frankfurter Allge- meine Zeitung“ bewogen hat, Gehrcke in den Kreis der vier Radikalen in der Linksfraktion aufzunehmen, die eine Regierungsbeteiligung der Linken im Bund unmöglich machen würden. Gehrcke amüsieren solche Eingruppierungen eher als dass sie ihn ärgern. „Ich galt schon als das Sprachrohr Gorbatschows in Deutschland und auch schon als der Reformer schlechthin“, sagt er. Und meint auch, in keine Schublade hineinzupassen. „Die Nichtausrechenbarkeit schafft nämlich auch jede Menge Freiraum“, hat er über die Jahre erkannt.

Erkennen durfte Wolfgang Gehrcke auch, dass sich Geschichte wiederholt – auch im persönlichen Bereich. Auf die Frage, wie oft er sich denn in seiner Vergangenheit im Westen Deutschlands als langjähriger DKP-Funktionär bis zur Wende habe anhören müssen: ,Dann geh doch rüber‘, sagt er: „Im Grunde bei jeder politischen Diskussion.“ Doch es geht auch andersherum. Als sich Gehrcke anschickte, 2004 seinen Wahlkreis Ostprignitz bei der Brandenburger Landtagswahl zu gewinnen, hätte es von seinen Kontrahenten ebenfalls geheißen: ,Geh doch rüber‘. „Es ist das Trauma der Linken – heimatlos zu sein“, sagt er und schmunzelt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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