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USA
Dirk Hautkapp
Stille Kehrtwende

Präsident Obama will nun doch mit mehr Militär in Afghanistan bleiben. Taliban verstärken ihren Terror

Nach dem Kampf ist vor dem Kampf: Anders als bislang von US-Präsident Barack Obama angekündigt, wird sich Amerika ab 2015 in Afghanistan nicht auf eine reine Trainings- und Beratungsmission („Resolute Support“) zugunsten der afghanischen Armee beschränken. Um ein Wiedererstarken der Taliban und anderer radikal-islamischer Terrornetzwerke zu verhindern, hat der US-Präsident dem Militär grünes Licht für Kampfeinsätze mit Flugzeugen, Bomben und Drohnen gegeben, wenn die afghanische Seite darum bitten sollte. Die Autorisierung geschah mittels eines geheimen Befehls Obamas ohne vorherige Unterrichtung oder Debatte im Kongress. Regierungsoffizielle bestätigten unlängst entsprechende Medienberichte.

Trotz des Truppenabbaus – ab Januar werden nur noch 9.800 US-Soldaten in Afghanistan stationiert sein – ändert sich damit nach Einschätzung von Experten verschiedener Denkfabriken in Washington am militärischen Ist-Zustand nach 13 Jahren Kriegseinsatz de facto nicht viel. Die Kurskorrektur stellt gleichwohl einen substanziellen Strategiewechsel dar. Noch im Frühjahr hatte Obama für Ende dieses Jahres das definitive Auslaufen der Kampfhandlungen und die komplette Übertragung der Verantwortung für die innere Sicherheit an die afghanische Regierung angekündigt. Er folgte damit einem politischen Versprechen bei seiner ersten Wahl 2008 und der weit verbreiteten Kriegsmüdigkeit in der amerikanischen Bevölkerung, die laut Umfragen US-Engagement an Brandherden in Übersee überaus kritisch sieht. Dass ab 2017 nur noch 1.000 US-Soldaten in Afghanistan bleiben sollen, um die Botschaft in Kabul zu sichern, traf darum weitgehend auf Zustimmung.

Unklare Schlagkraft Der Militärführung im Pentagon missfielen diese Festlegungen seit langem. Hinter vorgehaltener Hand hegt man dort erhebliche Zweifel an der Schlagkraft der afghanischen Streitkräfte, obwohl zweistellige Milliardenbeträge in den Aufbau der Armee gesteckt wurden. Generäle befürchten eine zunehmende Destabilisierung des Landes, falls sich die USA zu früh auf eine „reine Beifahrer-Rolle“ zurückzögen, sagte kürzlich ein ehemaliger Kommandeur am Rande einer Tagung in Washington. Er verwies auf einen „beunruhigenden Anstieg der Attentate“ durch die Taliban in jüngster Zeit.

Nach Recherchen des renommierten Terrorismus-Analyse-Zentrums Jane’s in London ist die Zahl der Anschläge in diesem Jahr allein in Kabul mit bisher über 85 doppelt hoch wie 2013 – und die höchste seit 2009. Weil sich das internationale Isaf-Bündnis seit Monaten immer weiter aus ländlichen Gebieten zurückzieht und Dutzende Standorte aufgibt, rückten die Taliban mit ihren Kommandos nun häufiger in die Hauptstadt ein. Aber auch fern der Stadt geht das demonstrative Morden weiter. Zuletzt sorgte ein verheerender Selbstmordanschlag bei einem Volleyballspiel in der Ost-Provinz Paktika mit über 50 Toten für Entsetzen. Dennoch hält das Verteidigungsministerium in den USA in offiziellen Verlautbarungen die afghanische Armee für befähigt, ab Januar 2015 „die volle Verantwortung zu übernehmen“.

Terror der Taliban Obamas stille Kehrtwende, anders als zentrale Weichenstellungen bisher nicht offiziell vom Weißen Haus erklärt oder bestätigt, hat nach Angaben von Regierungskreisen ursächlich mit den Geländegewinnen der Terror-Organisation „Islamischer Staat“ in Syrien und im Irak zu tun. In Washington ist in Militärkreisen inzwischen Allgemeingut, dass Obamas radikaler Truppenabzug im Irak Ende 2011 den Aufstieg der Dschihadisten um den selbst ernannten Kalifen Bagdadi mindestens begünstigt hat und zudem die Annahme verfrüht war, dass die mit Unsummen alimentierte irakische Armee dem Feind aus dem Inneren gewachsen sein würde. Auf afghanische Verhältnisse übertragen lautet Washingtons große Sorge darum: Wie standhaft sind die rund 300.000 afghanischen Sicherheitskräfte, wenn die Taliban spätestens im kommenden Frühjahr ihre Angriffe verstärken sollten?

Die Fortsetzung eines wehrhaften Einsatzes am Hindukusch über 2015 hinaus mittels einer präsidialen Mandatsausweitung war im Weißen Haus alles andere als unumstritten. Von mehreren zivilen Beratern Obamas ist überliefert, dass sie sich für eine vollständige Einstellung der Kampfhandlungen ausgesprochen haben. So müsse Afghanistan endlich unter Beweis stellen, dass es die innere Sicherheit aus eigener Kraft gewährleisten könne. Die US-Generalität sprach sich dem Vernehmen nach dagegen aus und forderte ein robustes Mandat, um – an der Seite afghanischer Kräfte – weiter mit Spezialtruppen gegen Taliban und El Qaida vorgehen zu können. Nach Angaben von US-Oberbefehlshaber John F. Campbell hatte der afghanische Präsident Ashraf Ghani um ein größere Rolle der US-Truppen in seinem Land auch in Zukunft gebeten. Laut „New York Times“ bekam das Militär am Ende „weitgehend“ das, was es wollte.

Die bis zuletzt gültige Marschroute, US-Kampftruppen allenfalls zum Schutz eigener Einrichtungen und westlicher Zivilisten einzusetzen, ist damit Makulatur. Wie lange, darauf nimmt in Washington derzeit niemand Wetten an. Zwar wird das Verhältnis zu Ghani im Vergleich zu Vorgänger Karsai als „konstruktiv“ beschrieben. Andererseits hat man in der US-Hauptstadt registriert, dass der neue Mann im Kabuler Präsidentenpalast neun Wochen nach Amtseinführung noch nicht einmal ein Kabinett berufen hat, um die dringenden Reformen voranzutreiben.

Die Auswirkungen des Kurswechsels der Amerikaner auf die übrigen Truppensteller in Afghanistan sind noch nicht absehbar. Neben knapp 10.000 US-Soldaten sollen 3.000 weitere ausländische Kräfte aus rund 20 Ländern das Rückgrat von „Resolut Support“ bilden. Den 850 Bundeswehr-Soldaten kommt dabei die Aufgabe zu, am Standort Masar-i-Scharif afghanische Sicherheitskräfte zu unterstützen. Wie sich die Lage für sie im Falle erhöhter Taliban-Aktivität militärisch darstellen wird, bleibt abzuwarten.

Der Autor ist USA-Korrespondent der Funke-Mediengruppe.

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