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BIOGRAFIE
Julian Burgert
Der späte Held

Thomas Kielinger über Winston Churchill

„Im Grunde war Winston Churchill ein Anachronismus“, schreibt Thomas Kielinger in seiner lesendswerten Biografie des britischen Staatsmanns. Einer der letzten Vertreter des britischen Imperiums, der zugleich der atlantischen Welt des 20. Jahrhunderts den Weg bahnte. Sein Todestag jährt sich 2015 zum 50. Mal, weshalb der langjährige London-Korrespondent der „Welt“ eine neue Biografie der, laut einer englischen Umfrage, „größten Figur der britischen Geschichte“ vorgelegt hat.

Kielinger beschreibt Churchill darin als Getriebenen, der sich jeder Eindeutigkeit verweigerte. Politiker aus Leidenschaft, bekleidete er fast jedes Ministeramt seines Landes und hatte doch nie eine eigene Hausmacht. Seinen Lebensunterhalt bestritt der begeisterte Maler hauptsächlich durch journalistische Arbeit. Ausgebildeter Soldat, forderte Churchill mal mehr Geld für die Armee, mal kürzte er ihr den Haushalt. Der Spross eines der ältesten Adelsgeschlechter Englands war ein großer Gegner der Labour-Partei und radikaler Sozialreformer zugleich. Kielinger schildert Churchill als Menschen, der von „der Dauerinszenierung seines Egos“ lebte, als ehrgeiziger Exzentriker mit unbändigem Vorwärtsdrang, auch aufgrund einer Neigung zur Depression.

In seinem Buch orientiert sich Kielinger an den politischen Etappen in Churchills Leben. Die erste Hälfte des Buches widmet sich Churchill als Schüler, Soldat, Jungpolitiker und Autor. Die andere Hälfte der Zeit des Zweiten Weltkriegs und Nachkriegszeit. Hier hält sich Kielinger mit der Beschreibung des Kriegsverlaufs angenehm zurück, hebt stattdessen Churchills diplomatisches Ringen, Großbritannien als Weltmacht zu erhalten, hervor. Dabei tritt allerdings das Psychologische in den Hintergrund, was die Stärke der ersten Buchhälfte ausmacht. Durch den Fokus auf die persönlichen Stärken und Schwächen des Mannes Churchill erlaubt Kielinger den Lesern einen persönlichen Zugang zur großen historischen Figur Churchill. Das macht es interessant und lesenswert, denn es verdeutlich noch einmal, dass hinter jeder großen Person auch nur ein Mensch steckt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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