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MIETRECHT
Susanne Kailitz
Mieter hoffen, Makler bangen

Wohnungsvermittler sehen sich zu Unrecht in der Kritik. Wohnungsknappheit bleibt zunächst

Was der Deutsche Bundestag in Berlin in diesen Tagen berät und beschließt, ist Susann Forner (Name geändert) gerade ziemlich egal. Die junge Frau zieht um. „Bis das nicht abgeschlossen ist, habe ich keinen Nerv für andere Dinge“, sagt die Dresdnerin. Dabei könnte die Mietrechtsnovelle, die vergangene Woche beschlossen wurde, die 26-Jährige durchaus interessieren. Mehr als ein Jahr hat sie mit ihrem Freund nach einer Wohnung gesucht. Eine ernüchternde Erfahrung: „Zum Schluss dachten wir zeitweise, wir könnten nie mehr zusammenziehen“, berichtet Forner.

Dabei waren die Ansprüche der Friseurin und des Technikers gar nicht so hoch: Drei Zimmer sollten es sein, kein Plattenbau und höchstens 700 Euro Warmmiete. Doch Forner hat Pech: Sie lebt in Dresden. Das ist eigentlich eine wunderschöne Stadt an der Elbe, der Wohnungsmarkt aber hier ist für Mieter im Moment alles andere als traumhaft. Zwar stehen an jeder freien Ecke Kräne und Baufahrzeuge. Häuser schießen wie Pilze aus dem Boden. Doch auch etwas anderes ist in die Höhe geschossen: die Mieten. Um satte 27 Prozent sind die Mietpreise in Dresden zwischen 2004 und 2014 nach Erhebungen eines Immobilienportals gestiegen. Und nicht nur Dresden ist betroffen: In Berlin waren es sogar 45 Prozent. Deutlich teurer wurde es auch in Nürnberg (+25 %), Frankfurt am Main (+18 %), Leipzig (+10 %) und vielen anderen deutschen Großstädten.

Ahnungslose Vermittler Dass ihre neue Wohnung im südlichen Stadtteil Löbtau mit 780 Euro Warmmiete über dem liegt, was sie eigentlich als Höchstsumme angesetzt hatten, haben Forner und ihr Freund hingenommen. „Wir waren echt zermürbt. Als wir beschlossen haben, zusammenzuziehen, dachten wir, es geht ganz schnell. Und dann haben wir gemerkt, dass es kaum Wohnungen gibt, die für uns bezahlbar sind. Und die, die es gibt, die sind begehrt“, sagt die Dresdenerin.

Forner hatte irgendwann aufgehört, die Nachrichten zu zählen, die sie Maklern auf Anrufbeantwortern und per E-Mail hinterließ. „Wir waren eigentlich davon ausgegangen, dass wir keinen Makler brauchen. Aber wir haben in den Onlineportalen kein einziges Angebot gefunden, für das keine Provision fällig geworden wäre.“

Sie habe sich häufig gefragt, wofür sie und ihr Freund eigentlich mehr als 1.000 Euro Courtage an den Vermittler zahlen sollten. „Wir hatten eigentlich nie den Eindruck, als Kunden überhaupt erwünscht zu sein. Den meisten Maklern mussten wir mehrmals hinterhertelefonieren, um überhaupt mal einen Termin oder auch nur die Unterlagen zur Wohnung zu bekommen.“ Mehrfach habe sie dann mit dem Wohnungsvermittler in der Wohnung gestanden und sei dann doch ziemlich verblüfft gewesen. „Der eine hatte keine Ahnung, wie hoch die Decken in der Wohnung waren. Und die nächste Maklerin konnte uns nicht sagen, mit welchem Wert der Balkon auf die Wohnfläche angerechnet wurde. Wir hatten da schon einige Male das Gefühl, dass die Makler eigentlich gar keine Ahnung hatten, was sie da genau für eine Wohnung vermitteln wollten. Bei der hohen Provision hätten wir uns das aber schon gewünscht“, kritisiert die Friseurin. Die letzte Maklerin dann sei aber nett und auch kompetent gewesen. „Mit der hatten wir dann ja auch Glück.“ Wirklich gern habe sie die Provision trotzdem nicht überwiesen, sagt Forner. „Aber wenigstens haben wir dafür eine Leistung bekommen und haben endlich eine gemeinsame Wohnung.“ Dass es nun auch ein Gesetz gibt, nach dem Makler von dem bezahlt werden, die sie beauftragt haben, findet die junge Frau gut. „Das ist doch nur fair. Ich wäre ja schließlich auch zu Besichtigungsterminen mit dem Vermieter selbst gegangen und hätte mit ihm alle Fragen rund um den Mietvertrag geklärt. Jemanden, der mir die Wohnung aufschließt und dann doch nicht richtig Bescheid weiß, hätte ich nicht gebraucht.“

Makler mit Leib und Seele Dirk Wohltorf weiß um die Vorurteile, die seinem Berufsstand entgegengebracht werden. Er sei trotzdem „mit Leib und Seele Makler“, sagt der Berliner. Er ist davon so überzeugt, dass er sich als Vorstandsvorsitzender des Immobilienverbands Deutschland, Region Berlin Brandenburg, für seine gesamte Branche als Interessenvertreter engagiert. Nebenbei ist er auch noch Wohnungsbesitzer und Vermieter. Und in all diesen Funktionen ärgert er sich gewaltig über Mietpreisbremse und Bestellerprinzip in dem neuen Gesetz. Es handele sich um einen gravierenden Eingriff in den freien Markt und werde sowohl Vermietern als auch Mietern langfristig schaden. Wenn Vermieter bei Neuvermietungen künftig nur noch „nach planwirtschaftlichen Vorgaben“ die Miete erhöhen könnten, „dann macht doch keiner seine Wohnung mehr schön. Warum sollte ich denn in eine neue Einbauküche investieren oder schicke Böden?“, fragt sich Wohltorf. Damit sei „der Verfall der Wohnungen besiegelt“. Er ärgere sich auch über das Vorurteil, Makler hätten mit der Vermittlung der Wohnungen aus ihrem Bestand keine Arbeit. „Ich kenne das Klischee: Die Leute stehen vor der Wohnungstür bis in den Vorgarten hinein Schlange. Der Makler schließt nur auf und sucht sich dann die angenehmsten Kandidaten raus, denen er zum Schluss eine Rechnung stellt.“ Das aber stimme nicht.

„Über den Service, den die meisten Makler anbieten, spricht doch keiner. Wir suchen den Interessenten Angebote heraus, informieren sie, wo sie im Umfeld Kitas oder Supermärkte finden, und helfen bei der Vermittlung der Finanzierung.“ Und schon längst sei es nicht mehr so, dass es nur einen Termin brauche, um eine Wohnung an den Mann zu bringen: Da seien in der Regel mehrere Treffen vonnöten. Und künftig könne er Mietinteressenten, die ihn beauftragen, weil sie etwa von Hamburg nach Berlin ziehen wollten, keine Angebote mehr machen: „Ich darf denen ja nur Wohnungen vermitteln, die ich vorher nicht im Bestand hatte. Wenn dann jemand kurzfristig einen Termin haben will, ist das gar nicht machbar“, kritisiert der Wohnungsvermittler.

Mangelnde Ehrlichkeit Wohltorf glaubt, dass die Politik seine Zunft bewusst so beschneidet. „In den Großstädten sind 80 Prozent der Wähler Mieter. Was hier passiert, ist doch rein populistischer Wahlkampf.“ Er würde leichter damit leben können, „wenn man uns sagen würde: euren Berufsstand wollen wir eigentlich nicht mehr, das wäre wenigstens ehrlich“. Sein Verband werde nun nach Karlsruhe ziehen, um gegen das gerade beschlossene Bestellerprinzip zu klagen (s. „Stichwort“). Man sehe darin „gravierende verfassungsrechtliche Probleme“ und einen „schwerwiegenden Eingriff in die Berufsfreiheit“.

Ganz anders als bei den Maklern ist die Stimmung dagegen bei den Mietervereinen. Mit dem Gesetz werde nun endlich „Recht zu Recht gemacht“, sagt Peter Bartels, Vorstandsvorsitzender des Dresdner Mietervereins, mit Blick auf das Bestellerprinzip. Und auch die Mietpreisbremse werde in der Elbmetropole sehnlichst erwartet. „Nach einem aktuellen Gutachten liegt die Wiedervermietungsmiete in Dresden 23 Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete“, sagt Bartels. „Da bringt das eine Menge.“ Schon jetzt könnten sich vor allem Familien und Geringverdiener die schönsten Lagen in der Innenstadt nicht mehr leisten. Sollte der Freistaat Sachsen Dresden als „angespannten Wohnungsmarkt“ ausweisen, darf die Miete künftig nur noch zehn Prozent über der Vergleichsmiete liegen. Dazu komme: „Wir haben in Dresden inzwischen einen echten Wohnungsmangel. Ich würde da teilweise schon von Wohnungsnot sprechen. Die Zahl der neuen Wohnungen liegt schon lange deutlich unter der der Zuzüge – und das, obwohl wir spätestens seit 2008 ganz genau wissen, dass Dresden eine wachsende Stadt ist“, sagt Bartels.

Genau hier liegt auch ein Problem, das weder Mietpreisbremse noch Bestellerprinzip trotz aller Erleichterung, die sie für Mieter bringen könnten, lösen werden: Überall im Land fehlt es an Wohnungen. Er würde zwar nicht von Wohnungsnot sprechen, sagt Günter Vornholz, Professor für Immobilienökonomie an der EZB Business School Bochum, aber in bestimmten Gegenden, vor allem in den großen Metropolen, spüre man „durchaus Wohnungsknappheit“. Dessen Ursache liege auch darin, dass der Bund sich aus dem Sozialen Wohnungsbau zurückgezogen habe. Dazu sei eine Wohnungsbaupolitik gekommen, die vor allem auf Geschäfte und Büros in den Innenstädten gesetzt habe. Man sei davon ausgegangen, die Menschen würden lieber aufs Land ziehen. „Das ist heute anders“, sagt Vornholz. All das führt dazu, dass der Mietmarkt in den meisten deutschen Großstädten vermutlich noch länger angespannt bleiben wird. Auch Reiner Wild, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, geht davon aus, dass ihm eine Beobachtung der vergangenen Jahre erhalten bleiben wird: „Wer nicht unbedingt umziehen muss, der bleibt in seinen vier Wänden.“ Wirklich unter der Situation leiden würden dagegen Familien, die wegen Nachwuchses dringend die Wohnung wechseln müssten, oder Senioren, die sich verkleinern wollten.

Auch Susann Forner und ihr Freund bleiben jetzt erstmal da, wo sie gerade die Kisten auspacken. „Nochmal tue ich mir den Stress so schnell nicht an“, sagt sie erschöpft. Dass ihre Wohnung in einem halben Jahr mit der Mietpreisbremse vielleicht ein bisschen günstiger gewesen wäre, interessiere sie im Moment nicht. „Klar wäre es schön, weniger bezahlen zu müssen. Aber für kein Geld der Welt hätte ich jetzt noch länger gewartet mit dem Zusammenleben.“

Die Autorin ist freie Journalistin in Dresden

Aus Politik und Zeitgeschichte

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