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KURZ REZENSIERT
Alexander Weinlein
Libertalia von Daniel Defoe

Libertalia – so soll jene Piratenrepublik geheißen haben, die Seeräuber an der Schwelle vom 17. zum 18. Jahrhundert auf Madagaskar gründeten. Fast 100 Jahre vor der Französischen Revolution und der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung sollen die maritimen Outlaws dort bereits basisdemokratische Ideale gelebt haben. Ihre Kapitäne wählten sie selbst, über alle wichtigen Entscheidungen wurde gemeinschaftlich abgestimmt, die Beute brüderlich geteilt nach klaren und transparenten Regeln, Verwundeten wurden Entschädigungen je nach Verletzung gezahlt, schwarze Sklaven befreit und als gleichwertige Mitglieder in die Gemeinschaft aufgenommen.

So ist es in der „Allgemeinen Geschichte der Piraterie“ nachzulesen, die 1724 und 1728 in England unter dem Pseudonym Captain Charles Johnson in zwei Bänden erschien. Doch während der erste Band schon sehr früh auch ins Deutsche übersetzt wurde, lagen die Kapitel über „Libertalia“ im zweiten Band bislang nur im Original vor. Diese Lücke hat Helge Meves jetzt geschlossen und nach 300 Jahren erstmals eine deutsche Übersetzung, abgefertigt von David Meienreis und Arne Braun, herausgegeben und mit einer hervorragenden Einordnung zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte versehen.

Der Wahrheitsgehalt der Geschichte von „Libertalia“ ist ebenso umstritten wie seine Autorenschaft. Lange Zeit wurde sie dem Schriftsteller Daniel Defoe, bekannt als Verfasser von „Robinson Crusoe“ zugeschrieben. Historisch weitgehend belegt ist aber, dass auf vielen Piratenschiffen dieser Epoche basisdemokratische Spielregeln galten. Und Fakt ist, dass auf Madagaskar ebenso wie auf der Bahama-Insel New Providence Piratengesellschaften existierten.

Vor allem aber bietet die Libertalia-Geschichte einen spannenden Einblick in die Welt politisch-gesellschaftlicher Utopien vor 300 Jahren. Aber sie bietet auch ein Korrektiv zum vorherrschenden Piratenbild, das bis heute vor allem durch „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson und unzählige Hollywoodfilme geprägt ist.

Libertalia. Die utopische Piratenrepublik.
Matthes & Seitz
Berlin 2014
240 S., 22,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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