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ISLAM
Lamya Kaddor
Zwei Seiten einer Medaille

Salafismus und Islamfeindlichkeit bedingen sich und müssen gleichzeitig bekämpft werden

Wir können es fast jeden Tag und fast überall sehen: Der Islam ist in Deutschland und in Europa angekommen. Muslime begegnen uns im Alltag, Moscheen werden aus den Hinterhöfen ausgelagert und in repräsentativen Gebäuden eingerichtet. Von dieser zunehmenden Sichtbarkeit der Religion gehen zwei unterschiedliche Botschaften aus. Zum einen bekundet sie eine gelungene Integration: Denn nur wo man dauerhaft bleiben will, richtet man sich gemütlich ein und zeigt es auch. Zum anderen besagt sie deutlicher als alles andere, dass sich die deutsche Gesellschaft verändert. Das macht vor allem den Alteingesessenen Angst, denn manche davon wollen diese Veränderungen partout nicht. Einige stehen offen zu dieser Haltung, andere versuchen sie zu kaschieren.

Beide Botschaften, die von der zunehmenden Sichtbarkeit des Islams ausgehen, kulminierten schon vor Jahren in der Sarrazin-Debatte. „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt […] und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“ So äußerte sich der SPD-Politiker Thilo Sarrazin 2009. In großen Teilen der Bevölkerung hieß es: „Endlich jemand, der sich traut, die Wahrheit auszusprechen.“ Auch zahlreiche Journalisten und Politiker lobten Sarrazin für seine „mutigen“ Worte. Und das war fatal. Es hat mit dazu beigetragen, dass die Feindlichkeit gegenüber Fremden im Allgemeinen und Muslimen im Speziellen immer weiter in die Mitte der Gesellschaft vordringen konnte, wie inzwischen alle Studien in diesem Bereich belegen. Und der Beifall für Sarrazin hat noch mehr bewirkt: Er hat den Weg für die islamfeindlichen Massenproteste der Pegida in Dresden frei geräumt und er hat auch den Weg nach Tröglitz mit dem erzwungenen Rücktritt des Bürgermeisters und dem Feuer in einer Flüchtlingsunterkunft geebnet.

Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU), meinte, Tröglitz sei überall. Er hat Recht. 2014 gab es etwa 153 Attacken auf Flüchtlingsunterkünfte, darunter 35 Brandstiftungen, und 77 Übergriffe auf Flüchtlinge. In diesen Vorfällen kommen die altbekannten Ausländer- und Fremdenfeindlichkeiten in Deutschland wieder zum Vorschein. Lange ließen sie sich verstecken – unter dem Deckmantel einer vermeintlichen Islamkritik. Spätestens seit den islamistischen Terroranschlägen in den USA vom 11. September 2001 griffen Fremdenfeinde verstärkt darauf zurück. Nach den Angriffen von Solingen, Mölln oder Rostock-Lichtenhagen Anfang der 1990er Jahre waren die rechtsradikalen Parolen außerhalb einschlägiger Kreise verpönt. Abwertende Äußerungen über Türken oder Asylanten ließen sich der bürgerlichen Mitte nicht mehr verkaufen. „Islamkritik“ dagegen war zum neuen Trend geworden – sie fand zur Primetime im Fernsehen statt, in den Feuilletons renommierter Zeitungen und in Beraterkreisen von Politikern. Man konnte beinahe ohne Hemmungen über Muslime und ihre Religion herziehen. Im Zweifel ließ sich immer darauf verweisen, dass man bloß die gewaltbereiten Islamisten im Sinn habe, was ja wohl legitim sei. So konnte sich die Fremdenfeindlichkeit gesellschaftlich ausbreiten. Auch Pegida verlief nach diesem Muster: Anfangs bemühte man sich, sich bürgerlich-mittig zu geben, inzwischen haben die Radikalen offen das Ruder übernommen.

Abwehrreflexeder MehrheitIch habe es schon vor Jahren gesagt und geschrieben: Ich bin Muslimin, Tante, Tochter, spreche mehrere Sprachen, habe dunkle Haare, schaue gern Fußball und kämpfe dafür, endlich muslimisch und deutsch sein zu dürfen. Ich kämpfe dafür, nicht mehr als Fremde im eigenen Land betrachtet zu werden. Ich kämpfe dafür, dass man Menschen wie mich nicht länger „Migranten“ oder „Ausländer“ nennt. Ich bin nie in dieses Land immigriert. Für mich ist es völlig selbstverständlich, dass ich deutsche Staatsbürgerin bin, die die Demokratie und die damit verbundenen Aufgaben schätzt. Doch genau das wird mir nach wie vor von manchen Deutschen streitig gemacht.

Diese Beobachtungen lehren: Je mehr sich Muslime integrieren, gesellschaftlich partizipieren, selbstbewusst auftreten und die üblichen Grundrechte einfordern, desto stärker werden die Abwehrreflexe in der Mehrheitsgesellschaft. Daraus kann man nur einen Schluss ziehen: Wir müssen viel stärker in Fragen der Integration die Mehrheitsbevölkerung in den Blick nehmen. Ihnen zum einen offen erklären, dass sich die deutsche Gesellschaft verändern wird. Dass neue Menschen kommen und diesem Land auch einen Stempel aufdrücken werden. Dass dies in der Geschichte schon immer der Fall gewesen ist und keine Bedrohung darstellt. Alle Teile der Bevölkerung müssen verstehen, was es bedeutet, eine Einwanderungsgesellschaft zu sein. Die Forderung an Migranten und deren Nachkommen, sich einzufügen, die Sprache zu erlernen, sich an Recht und Gesetz zu halten, sind richtig. Aber sie sind seit langem auf dem Tisch. Sie werden von Politikern aller Parteien vertreten. Was sich kaum einer traut, ist, Forderungen an die Mehrheitsgesellschaft zu artikulieren. Integration sei keine Einbahnstraße, heißt es zwar immer. Bislang sind solche Äußerungen aber nicht mehr als Sonntagsreden. Die Auseinandersetzung mit der Mehrheitsgesellschaft ist eine der wichtigsten Aufgaben der Integrationspolitik. Da muss man ran. Sonst machen sich andere daran, die Versäumnisse und deren Folgen zu instrumentalisieren. Die Salafisten zum Beispiel. Und das kann uns in keinem Fall recht sein.

Karriere des Salafismus-BegriffsEs gibt wenige Begriffe, die in Deutschland so schnell Karriere gemacht haben wie der des „Salafismus“. Das Wort war vor wenigen Jahren vielleicht ein paar Experten bekannt. Salafismus ist Teil des fundamentalistischen Spektrums im Islam. Wir haben es somit mit einem sehr neuen Phänomen des Extremismus zu tun, das neben die bekannten Formen des Rechts- und des Linksextremismus getreten ist. Anders als viele glauben, ist der Auslöser für das Abgleiten in die Szene aber nicht etwa das Streben nach irgendeinem gottgefälligen Verhalten. Die Auslöser sind vornehmlich ganz weltlich. Die Radikalisierung hat primär mit den Familien zu tun und mit dem Alltag in Dörfern und Städten. Interviews mit Mitgliedern und ehemaligen Mitgliedern der Szene weisen oft in eine Richtung: Die zumeist jungen Mitläufer sind gefrustet von ihrem Leben, von mangelnden Zukunftschancen, von Ablehnung durch die Mehrheitsgesellschaft. Jede Sarrazin-Debatte, jede Pegida-Demonstration bestätigt ihnen: Ihr gehört
nicht zu Deutschland. Verstärkt wird das Gefühl, wenn bekannte Politiker wie der SPD-Vorsitzende und Vizekanzler Sigmar Gabriel sich mit den Pegida-Sympathisanten zusammensetzt und öffentlichkeitswirksam nach deren Ängsten fragt. Das wirft bei den angefeindeten Gruppen zwangsläufig die Frage auf: „Und wer fragt nach meinen Ängsten, wer setzt sich mit mir zusammen?“ Die meisten Muslime ignorieren solche Aspekte und schauen weg. Doch nicht alle können das. Bei ein paar Leuten bleibt das Gefühl von Ohnmacht und Wut. Sie treibt der Wunsch an, Rache zu nehmen, es dieser Gesellschaft heimzuzahlen. Und die salafistischen Vordenker bieten ihnen dafür eine Möglichkeit an.

Wir haben es also im Hinblick speziell auf Muslime als ein Teil der Integrationspolitik mit einem ernsten Problem zu tun. Und darin liegt gehöriger gesellschaftlicher Sprengstoff. Weil der Salafismus natürlich etwas mit dem Islam zu tun hat, nutzen Teile der Gesellschaft diese Verbindung aus, um die Islamfeindlichkeit weiter zu schüren. So wie die Salafisten islamfeindliche Tendenzen nutzen, um sich zu radikalisieren, nutzen die Islamfeinde salafistische Bestrebungen, um ihre Stimmungsmache gegen muslimische Einheimische und Einwanderer zu rechtfertigen.

Islamfeindlichkeit und Salafismus sind mithin zwei Seiten derselben Medaille. Sie fördern und bedingen sich gegenseitig. Die übrige Gesellschaft muss daher aufpassen, dass sie zwischen diesen beiden extremen Polen künftig nicht zerrieben wird. Das geht nur, indem beides gleichzeitig bekämpft wirft.

Die Autorin ist Islamwissenschaftlerin und Lehrerin für islamische Religion. Sie hat syrische Eltern. Im Februar erschien ihr Buch „Zum Töten bereit. Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen“ (Piper Verlag).

Aus Politik und Zeitgeschichte

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