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Claus Peter Kosfeld
»Fakelaki« und andere Probleme im griechischen Gesundheitswesen

Viele Griechen haben ihren Job und auch ihre Krankenversicherung verloren. Deutschland will bei Reformen helfen

Die bedenkliche Schieflage im griechischen Gesundheitssystem besteht nun schon seit Jahren, und noch immer ist die Not groß. Versorgungsmängel in allen Sektoren, Korruption und vor allem Geldmangel machen einem System zu schaffen, das schon vor der Finanzkrise wenig effektiv schien und längst die Grenze der Belastbarkeit erreicht hat. Deutschland hat den Griechen vor Jahren Hilfe zugesagt bei den dringend nötigen Reformen, aber die Neuwahl in Athen zu Beginn dieses Jahres hat erst einmal ein politisches Vakuum entstehen lassen. Kontakte müssen neu geknüpft, Vereinbarungen aktualisiert werden. Und vor allem muss Vertrauen gefestigt werden, nachdem Gesundheitsexperten die drastischen Sparauflagen der "Troika" mitverantwortlich machen für den Niedergang des Gesundheitswesens in dem Land, das gegen die Staatspleite kämpft.

Versorgungsmängel Wolfgang Zöller (CSU), 2014 von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) als Beauftragter zur Begleitung der Gesundheitsreformen in Griechenland eingesetzt, schilderte vergangene Woche kurz vor einer geplanten Reise in das europäische Krisenland im Gesundheitsausschuss seine bisherigen Erfahrungen. Demnach ist die Versorgung der griechischen Bevölkerung mit Medikamenten und Medizinprodukten völlig unzureichend. Einsparungen würden zu
60 Prozent durch drastische Kürzungen im Arzneimittelbereich und nicht durch Strukturreformen erreicht, heißt es in einem Lagebericht, den Zöller an den Ausschuss übermittelte. Die griechische Arzneimittelbehörde (EOF) könne wegen Personalmangels und unzureichender regulatorischer Kompetenzen die Arzneimittelzulassung, -überwachung und Preisregelung nur lückenhaft wahrnehmen. Die Impfquote sei niedrig, die Primärversorgung der rund 30 Prozent Unversicherten werde derzeit im Wesentlichen von Nichtregierungsorganisationen (NGO) übernommen. Das auf EU-Mitteln basierende Gutscheinsystem für eine Mindestversorgung decke nur einen geringen Teil der Not ab, heißt es.

Hilfe für Arbeitslose Mit der Finanzkrise und der immensen Arbeitslosigkeit in Griechenland haben in den zurückliegenden vier Jahren mehr als eine Million Menschen ihre Versicherungsbeiträge nicht bezahlt und damit den Anspruch auf Behandlung in Kliniken und Arztpraxen sowie auf Medikamente verloren. Arbeitslose können aber inzwischen wieder mit kostenloser ärztlicher Hilfe rechnen. So wurde über einen Ministerialerlass vom Juni 2014 geregelt, dass Arbeitslose im Krankheitsfall Ärzte und Krankenhäuser aufsuchen können, die mit den staatlichen Krankenkassen zusammenarbeiten. Für die Krankenversicherung der Arbeitslosen habe der Staat insgesamt rund 340 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.Wie Zöller sagte, sind bereits viele "richtige Schritte" gegangen worden, um das Gesundheitssystem besser und effizienter zu machen. In der Folge kämen Ärzte, die das Land zuvor aus wirtschaftlichen Gründen verlassen hätten, wieder zurück. Als positives Beispiel nannte Zöller auch die elektronische Verschreibung von Arzneimitteln. Jedoch würden in Griechenland zu rund 95 Prozent Originalpräparate verschrieben und nur zu fünf Prozent die preiswerteren Generika
(Nachahmerpräparate). Es gebe somit Möglichkeiten, Geld einzusparen, ohne den Menschen wichtige Arzneimittel vorzuenthalten. Sorge bereite allerdings weiter die stark gestiegene Kindersterblichkeitsrate.

Schmiergelder Ein besonderes Problem ist zudem die verbreitete Korruption. Ohne "Fakelaki", also Bestechungsgelder, sind zeitnahe Operationen offenbar kaum noch zu bekommen. Nicht selten, so ist zu hören, legen Familienmitglieder zusammen, um die verlangten hohen Beträge aufzubringen. In den Kliniken ist nach Angaben griechischer Ärzte das ausgedünnte Personal überfordert, zumal es an Material fehlt und die Zahl der Betten drastisch reduziert wurde. Die griechischen Ärzte gelten als gut ausgebildet, werden aber schlecht bezahlt. Insofern ist der Druck groß, Geld woanders oder auf andere Weise zu verdienen. Rund 4.000 Mediziner sollen zwischenzeitlich abgewandert sein, viele nach Deutschland, ein Desaster für die Griechen.

Auch unter der neuen Regierung bleibe die Gesundheitspolitik "ein wichtiger Bestandteil der Reformprozesse", heißt es in dem Bericht. Offen sei aber, mit welcher technischen Unterstützung und mit welchen Ressourcen die Regierung die angestrebte hochwertige Gesundheitsversorgung erreichen wolle. Welche Reformen die neue Regierung konkret ergreifen wolle, sei noch unklar. Immerhin gebe es eine Bereitschaft zum Dialog. Das Angebot von deutscher Seite zur Zusammenarbeit bleibe bestehen. Der neue Gesundheitsminister Panagiotis Kouroumplis will sich um alle Probleme rasch kümmern und die, wie er sagt, "katastrophalen Auswirkungen" der Troika-Reformen auf den Gesundheitssektor beenden. Aus Patientensicht ist Zeit mindestens so knapp wie Geld.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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