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Aufgekehrt
Alexander Weinlein
Die ewig gleichen Bilder

An diese Bilder hat sich das Fernsehvolk inzwischen gewöhnt: Horden von Journalisten irren in den frühen Morgenstunden noch völlig verschlafen über verwaiste Bahnsteige, um ebenso verschlafene Berufspendler vor die Kameras und Mikrofone zu zerren, damit diese ihrem Unmut über die streikenden Lokführer, den Bahnvorstand, die Politik oder ganz allgemein "die da oben" freien Lauf lassen. Doch nach einer Woche beginnen die ewig gleichen Bilder zu langweilen. Selbst das Alternativprogramm - Horden verschlafener Journalisten irren in den frühen Morgenstunden über völlig überfüllte Bushaltestellen, um ebenso verschlafene Berufspendler vor die Kameras und Mikrofone zu zerren - verliert mit jedem Streiktag an Unterhaltungswert. Vom Informationswert ganz zu schweigen. Und auch noch so knackige Interviews noch so ausgeschlafener Journalisten mit dem noch so bissigen GDL-Chef Weselsky versprechen auf Dauer keine hohen Einschaltquoten.

Fernsehdeutschland aber muss nicht verzagen. Zwischen dem vergangenen und dem nächsten Bahnstreik haben sich dankenswerterweise die Kita-Betreuerinnen bereit erklärt, in die Bresche zu springen. Ab jetzt irren Horden von Journalisten in den frühen Morgenstunden noch völlig verschlafen durch verwaiste Kindergärten, um ebenso verschlafene Mütter und Väter mit ihren heulenden Zöglinge vor die Kameras und Mikrofone zu zerren. Dazwischen verteilt CSU-Chef Seehofer selig lächelnd bündelweise Betreuungsgeld an junge Mütter, die ihren Job gekündigt haben. Zu ihrem Arbeitsplatz kämen sie eh nicht, weil die Bahn auch schon wieder streikt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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