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EDITORIAL
Jörg Biallas
Eine harte Nuss


Die Vorstellung ist ebenso beeindruckend wie unbehaglich. Wasser, Sand und Chemikalien werden mit so viel Hochdruck in die Erde gepresst, dass in tausenden Metern Tiefe im Gestein gebundenes Gas gelöst und zu Tage gefördert wird. "Hydraulic Fractioning", also "hydraulisches Aufbrechen", kurz Fracking, ist dafür der Fachbegriff, der für eine von Emotionen geprägte Umweltschutz-Diskussion sorgt.

Diese Debatte wird auch in den Parteien und Bundestagsfraktionen ungewöhnlich kontrovers geführt. Wie immer, wenn es um die Angst vor gesundheitlicher Belastung geht, übertüncht geografische Betroffenheit mitunter politische Grundsatzprogrammatik. Besorgte Bürger in denjenigen Wahlkreisen, die für Fracking in Frage kommen, erwarten von ihren Abgeordneten eine kritische Haltung, damit die eigene Heimat von dieser Form der Energiegewinnung möglichst verschont bleibt. Die Menschen befürchten, mit Fracking könnten giftige Chemikalien ins Grundwasser gelangen oder Erdrutsche ausgelöst werden. Das ist verständlich und als potenzielle Gefahr wohl auch nicht auszuschließen.

Befürworter des Frackings hingegen verweisen auf überwiegend gute Erfahrungen anderer Nationen, besonders in den USA. Vor allem aber sei der Ertrag lohnend; das vermutete Gasvorkommen in Deutschland könnte den Bedarf der Nation jahrelang decken. Diese Aussicht ist in Zeiten, in denen der Export fossiler Energieträger zunehmend als Trumpfkarte im außenpolitischen Machtpoker gezogen wird, nicht unerheblich.

Auch lässt sich das von der Energiewirtschaft ins Feld geführte Argument, die deutsche Wissenschaft müsse beim Fracking technologisch auf internationaler Augenhöhe bleiben, nachvollziehen. Ohne eigene Erfahrungen wird das nicht gehen. Freilich dürfen weder Mensch noch Natur einem Risiko ausgesetzt werden. Wenn nach diesem Experiment ehrlich bilanziert wird, könnte das die Grundlage für eine dauerhafte Lösung sein.

Die dem Parlament zur Entscheidung vorliegenden Gesetzentwürfe beinhalten weitreichende Einschränkungen, Auflagen und Haftungspflichten für Fracking-Unternehmen. Während die Industrie Gängelung beklagt, fordern Umweltschützer weiterhin, die umstrittene Methode gar nicht erst freizugeben. Aufgebrochen ist die harte Nuss Fracking also wohl noch lange nicht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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