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ASIEN
Wolfgang Hirn
Alte gegen neue Weltmacht

Im südchinesischen Meer ringen die USA und China um geostrategischen Einfluss - eine gefährliche Rivalität

Plötzlich sind die Geschäfte in den deutschen Einkaufsstraßen gespenstisch leer. In den Läden der omnipräsenten Bekleidungsketten hängen keine Klamotten mehr. In den Elektrogroßmärkten und den Telefonläden gibt es keine Smartphones mehr, in den Shops der großen Sportartikler keine Schuhe. Und die Lücken in den Regalen der Warenhäuser werden von Tag zu Tag größer.

So trist könnte es aussehen, wenn rund
10.000 Kilometer entfernt von Berlins Kudamm, Stuttgarts Königstraße, Frankfurts Zeil oder Münchens Kaufinger Straße etwas passiert, was niemand will, aber trotzdem nicht unrealistisch ist: ein militärischer Konflikt im südchinesischen Meer.

Durch dieses Gewässer fließt ein Großteil des globalen Handels. Fast alle Waren aus China - der Fabrik der Welt - werden per Schiff nach Europa und den Rest der Welt verfrachtet und müssen auf ihrem Wege durch dieses Meer. Aber auch die meisten Produkte aus Vietnam, Indonesien, Taiwan, Korea und Japan werden per Container hindurch transportiert.

Ein militärischer Konflikt im südchinesischen Meer? Die deutsche Politik und Öffentlichkeit schaut verstört nach Europas Osten und in den Nahen Osten - dort herrscht Krieg. Aber im Fernen Osten? Dort wird - noch nicht - geschossen, bislang gibt es nur Wortgefechte. Aber das südchinesische Meer hat sich in den vergangenen Monaten durch diverse Aktionen zu einem gefährlichen Konfliktherd entwickelt, der jederzeit entflammen kann. Die Sorge darüber wurde sogar im Abschlusskommuniqué des G7-Gipfels auf Schloß Elmau dokumentiert.

Im südchinesischen Meer, das rund eineinhalb Mal größer ist als das Mittelmeer, befinden sich viele, meist unbewohnte Riffs und Inselchen. Oft sind sie nur ein paar Quadratmeter groß. Sie gruppieren sich hauptsächlich um die beiden Inselgruppen der Spratlys und Paracels. Wem sie gehören - das ist die große Streitfrage. Mehrere Anrainer-Staaten reklamieren zumindest Teile für sich: Brunei, Malaysia, Taiwan, die Philippinen und Vietnam - und vor allem China. Das Riesenreich zieht rund um das Meer eine - historisch sehr umstrittene - Neun-Punkte-Linie und behauptet, alles innerhalb dieser Linie gehöre zu China. Nach dieser Lesart wäre fast das ganze südchinesische Meer das "mare nostrum" der Chinesen. Dieses Anspruchsdenken provoziert die Anrainerstaaten, allen voran die Philippinen und Vietnam.

Fisch und Rohstoffe Aber warum streiten sich so viele Nationen um diese auf den ersten Blick so unscheinbaren Inselchen? Ein Argument, das immer wieder genannt wird: Dort gibt es viel Öl und Gas. Beides können alle Anrainerstaaten gebrauchen, allen voran die energiehungrigen Chinesen. Die Crux allerdings: Keiner weiß, wie viel Öl und Gas im Meeresboden schlummern. Die Bandbreite an vermuteten Vorkommen ist enorm.

Gesicherter ist die Erkenntnis, dass das südchinesische Meer - und das ist der zweite Grund für den Nationenzwist - reich an Fischen ist. Rund zehn Prozent des globalen Fischbestandes sollen sich in diesen tropischen Gewässern tummeln. Aber Öl und Gas sowie Fisch sind nicht die wichtigsten und entscheidenden Gründe, warum der Streit in der Region zu eskalieren droht. Der Konflikt hat nämlich eine geostrategische Komponente, was ihn vor allem so gefährlich macht. Hier im Westpazifik - und nirgendwo anders - treffen die alte Weltmacht USA und die aufstrebende Weltmacht China unmittelbar aufeinander.

Die USA sind zwar kein Anrainerstaat des südchinesischen Meeres, aber sie fühlen und gerieren sich seit über 150 Jahren als pazifische Macht. Immer wieder intervenierten sie in der Region. Zum ersten Mal 1853 in Japan, als sie den bis dato abgeschotteten Inselstaat zur Öffnung zwangen. Es folgten der Spanisch-Amerikanische Krieg (1898) um die Philippinen, der Zweite Weltkrieg und anschließend die Kriege in Korea und Vietnam.

Als Relikte dieser Zeiten haben die USA bis heute eine starke militärische Präsenz in der Region. Die kleine Insel Guam, vier Flugstunden von Hongkong entfernt und seit 1899 amerikanisches Territorium, ist Amerikas westlichster Posten im Pazifik. Dort ist zum Teil die Siebte Flotte, die größte der US-Flotten, stationiert. Außerdem befinden sich starke US-Truppen in Südkorea (28.000 Mann) und Japan (38.000). An dieser mächtigen Präsenz soll sich auch nichts ändern. Die USA verstehen sich weiterhin als pazifische Macht. Präsident Barack Obama hat das in seiner berühmten Canberra-Rede im November 2011 nochmals deutlich gemacht. "Die USA sind eine pazifische Macht, und wir sind hier, um zu bleiben." Auch bleibt die Region von den Sparmaßnahmen des Pentagons verschont. "Die Kürzungen der Verteidigungsausgaben werden nicht - ich wiederhole, werden nicht - zu Lasten der Aufgaben in dieser Region gehen". In diesem Sinne verstärken die Amerikaner derzeit ihre pazifische Flotte. Sie wird um Schiffe, die aus dem Atlantik abgezogen werden, erweitert. Die USA erneuern zudem die Militärabkommen mit ihren alten Verbündeten Japan (Chinas Erzfeind), Südkorea, den Philippinen und Australien. Und sie knüpfen neue Kontakte mit ihrem ehemaligen Feind Vietnam und Chinas großem asiatischen Rivalen Indien. Nicht zufällig reiste US-Verteidigungsminister Ash Carter soeben nach Indien und Vietnam, wo er als erster Pentagonchef das Marine-Hauptquartier in Haiphong besuchen durfte.

Außerdem stärken Amerikas alte und neue asiatischen Freunde untereinander ihre militärische Zusammenarbeit. Die indische Marine kooperiert mit der vietnamesischen, Australier machen mit Japanern gemeinsame Manöver, Japaner bilden die philippinische Küstenwache aus - nur ein paar Beispiele aus dem immer dichter werdenden Netz der militärischen Verflechtungen. China reagiert auf diese amerikanische Bündnispolitik gereizt und wittert eine Eindämmungspolitik der Amerikaner, was diese allerdings heftig dementieren. So sagt Vizepräsident Joseph R. Biden: "Ich weise die Ansichten einer Umzingelung entschieden zurück."

Aber es ist genau dieses Aufeinanderklaffen von Worten und Taten, das die Lage in Fernost so unberechenbar macht. Auch die chinesische Führung betont permanent, wie friedfertig sie sei, und dass sie keinerlei Expansionsgelüste hätten. Partei- und Staatschef Xi Jinping sagt: "China strebt niemals eine Hegemonie an."

Doch was tut Peking im südchinesischen Meer? Sie schütten dort - wie amerikanische Satellitenfotos aus den vergangenen Wochen entlarvend zeigen - Riffs auf, vergrößern mit Tonnen von Beton und Sand ihre Inselchen, bauen auf ihnen Landebahnen, Hafenanlagen und Wohnblöcke. Das Außenministerium in Peking betont, dass all diese Aktivitäten hauptsächlich zivilen Zwecken, wie Forschung, Wetter und Fischfang, dienen sollen, aber eben auch "notwendig militärischen", was immer das heißen mag. Fairerweise muss aber erwähnt werden, dass auch die Filipinos und Vietnamesen ihre Riffs und Inselchen ausbauen, aber bei weitem nicht in dem Maße, wie es in den vergangenen Monaten die Chinesen getan haben.

Peking will dadurch Fakten schaffen. Es will sich im Westpazifik festsetzen und dort möglicherweise - so zumindest die Befürchtung der Amerikaner und ihrer Verbündeten - die See- und Luftwege kontrollieren. Zu dieser Strategie passt die Modernisierung des chinesischen Militärs in den vergangenen Jahren. China hat massiv aufgerüstet. Jahrhundertelang eine Landstreitmacht, hat es vor allem seine Marine ausgebaut. Es besitzt inzwischen einen Flugzeugträger, weitere sind in Planung oder in Bau. Die U-Boot-Flotte wird ständig vergrößert, ebenso steigt die Zahl der Fregatten und Zerstörer. Chinas Militär hat inzwischen außerdem ein umfangreiches Arsenal an so genannten Anti-Access/Area-Denial (A2/AD)-Waffen, mit denen es den Amerikanern den Zugang zu "seinen" Gewässern - dazu zählt neben dem südchinesischen auch das ostchinesische Meer zwischen China und Japan - verwehren will. Im soeben veröffentlichten neuen Verteidigungsweißbuch präsentiert sich China als maritime Macht, die auch weit von seinen Küsten entfernt operieren will und das auch zunehmend kann.

Zum ersten Mal in einem Weißbuch kritisiert China auch "einige Staaten, die chinesischen Riffs und Inseln illegal besetzt hätten". Klar, wer damit gemeint ist: die Philippinen und Vietnam. Weil diese beiden, aber auch die anderen Anrainerstaaten des südchinesischen Meeres, Chinas Militärmacht fürchten, rüsten sie alle auf. So hat sich eine gefährliche Rüstungsspirale entwickelt. Südostasien ist laut Berechnungen des Stockholmer Sipri-Instituts inzwischen die Region mit den höchsten Waffenimporten. Trotzdem fühlen sich die meisten südostasiatischen Staaten der chinesischen Übermacht nicht gewachsen. Sie flüchten deshalb gerne unter den militärischen Schutzschirm der USA, die zum Beispiel den Philippinen beistehen müssten, sollten diese in ein Konflikt mit China geraten.

Bellizistisches Getöse Es läuft also immer auf die Konstellation China versus USA hinaus. Und es scheint, dass auf beiden Seiten die mäßigenden Stimmen abnehmen. In den USA meldeten sich in den vergangenen Wochen immer mehr Politiker und Experten zu Wort, die ein härteres Vorgehen gegenüber China fordern. Umgekehrt geschieht es genauso.

Flankiert wird diese Haltung von bellizistischem Getöse einiger Scharfmacher in beiden Ländern. Das Wort Krieg geistert durch Köpfe und Medien. Das mögen übertriebene Apokalypsen sein. Realer ist die Angst, dass es zu einem unbeabsichtigten Zwischenfall im südchinesischen Meer kommt. In der Region sind inzwischen viele militärische Schiffe und Flugzeuge unterwegs, weil jeder jeden überwacht. Dazu kommen Tausende von Booten der Küstenwachen und der Fischer. Da kann schon mal ein Zusammenstoß zu Wasser oder in der Luft geschehen. Das muss nicht gleich der casus belli sein, aber wir wissen leider aus der Geschichte, aus welch scheinbar nichtigen Anlässen große Kriege entstehen können.

Diplomatie gefragt Deeskalation ist daher dringend nötig. Eigentlich wäre jetzt die Stunde der Diplomatie. Aber schon da fängt der Zwist an. Wer soll mit wem über was verhandeln? Die Amerikaner wollen nur multilateral verhandeln, die Chinesen dagegen bilateral, und zwar nur mit den Anrainerstaaten, nicht mit den Amerikanern, denn die haben nach chinesischer Ansicht dort nichts verloren. Zudem machen die Chinesen klar, dass es eigentlich nichts zu verhandeln gibt. Die Inselchen innerhalb der Neun-Punkte-Linie gehören ihnen. Basta. Deshalb werden sie - das haben sie längst angekündigt - auch einen möglichen Spruch des Internationalen Schiedsgerichtshofs in Den Haag nicht akzeptieren. Die Philippinen - erbittertster Gegner der chinesischen Expansionspolitik im südchinesischen Meer - haben China vor dieses "Gericht" gezerrt, das in der zweiten Juli-Woche mit den Anhörungen beginnen wird, aber freilich keine bindenden Urteile fällen kann.

Jetzt rächt sich, dass in Asien eine Sicherheitsarchitektur fehlt. Es gibt schon einige Fundamente, auf denen sich aufbauen ließe. Zum Beispiel das Asean Regional Forum (ARF) oder das Asean Defense Ministers Meeting plus (ADMM+). Aber es gibt keine vergleichbare Institution wie einst die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), die dort zu Zeiten des Kalten Krieges mäßigend und deeskalierend zwischen den Fronten wirkte. Solange in Asien kein adäquates multilaterales Instrument zur Verfügung steht, wird entscheidend für den Frieden in der Region (und letztendlich für die ganze Welt) sein, ob und wie sich die beiden großen Rivalen USA und China arrangieren werden.

Alte gegen neue Weltmacht - das ist eine stets wiederkehrende Konstellation in der Weltgeschichte, die häufig eine kriegerische Auseinandersetzung zur Folge hatte. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls der Harvard-Historiker Graham Allison. Er untersuchte im Zeitraum nach dem Jahr 1500 alle Fälle, in denen eine aufstrebende eine herrschende Macht herausforderte. Sein ernüchterndes Ergebnis: In elf von 15 Fällen kam es zum Krieg. Wie wird es dieses Mal enden?

Der Autor ist Reporter beim manager magazin und hat mehrere Bücher über Asien geschrieben.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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