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Ortstermin: Verhüllter Reichstag
Sören Christian Reimer
Zeugnisse des »ästhetischen Ausnahmezustandes«

Wenn Christo spricht, muss man Jeanne-Claude dazu denken. Die Künstlerin, die am 18. November 2009 verstarb, ist in fast jedem Satz ihres Ehemannes noch präsent. Spricht er wie vergangene Woche im Reichstag über aktuelle und die zahlreichen vergangenen Projekte, so spricht er im Plural. Es ist immer ein "wir", ein "wir wollten", ein "wir haben". Ein "ich" gestattet sich der jüngst 80 Jahre alt gewordene Künstler kaum; nur ihr, seiner Partnerin von rund 50 Jahren, gesteht er ein "sie" zu. Sie, Jeanne-Claude, wäre eigentlich auch die viel bessere Rednerin, um über das, was Christo nun in einem Saal des Reichstags vorstellt, zu sprechen, sagt er beispielsweise. Sie würde es genießen, meint er.

1995 realisierte das Künstlerpaar eine extravagante Idee. Sie packten das Reichstagsgebäude, damals noch ohne Foster-Kuppel, vom 24. Juni bis zum 7. Juli komplett in Stoff ein. Dafür brauchten sie rund 109.400 Quadratmeter Polypropylengewebe, was umgerechnet etwa einer Fläche von 15 Fußballfelder entsprach. Zirka fünf Millionen Besucher kamen nach Berlin, um sich das in dieser Form einzigartige Verhüllungsprojekt anzuschauen.

20 Jahre nach der Aktion wird nun im Reichstag an diese Aktion erinnert. Eine Sammlung von rund 380 dokumentarischen Stücken soll als Dauerausstellung auf der Präsidialebene des Reichstags zu sehen sein. Unter den Objekten befinden sich Entwürfe, Materialien und Dokumente zu dem Projekt. Ermöglicht hat diese Ausstellung der Unternehmer Lars Windhorst, der die komplette Sammlung erwarb, und dem Bundestag kostenlos für zunächst
20 Jahre als Leihgabe zur Verfügung stellt.

Für Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) ist der Reichstag der passende Ort für die Dokumentation der Verhüllung. Die Leihgabe sei die "denkbar ehrgeizigste und authentischste Ergänzung der Kunstsammlung der Deutschen Bundestages". Die Reichstagsverhüllung sei ein Ereignis gewesen, an das sich alle, die damals dabei gewesen wären, ihr Leben lang erinnern würden. Berlin habe sich für 14 Tage in einem "ästhetischen Ausnahmezustand" befunden.

Der Weg dahin war aber langwierig. Christo, der für die Ersteinrichtung der Ausstellung verantwortlich zeichnen wird, erinnerte an die jahrelangen Vorarbeiten. Seit den 1970er Jahren hatte sich das Künstlerduo erfolglos um eine Genehmigung bemüht, das damals noch im geteilten Berlin, direkt an der Mauer stehende Gebäude zu verhüllen. Anfang der 1990er Jahre intensivierten sie die Bemühungen mit Unterstützung der damaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU). Zahlreiche Gespräche mit Parlamentariern, deren Unterstützung notwendig war, folgten. Mit einem Modell, das auch in der Ausstellung zu sehen sein wird, versuchten die Künstler, die Politiker zu überzeugen. Schließlich stand, damals noch in Bonn, Anfang 1994 die Abstimmung an. Eigentlich sah es nicht gut für die Befürworter aus, berichtete Lammert, der selbst zu den Unterstützern der Aktion gehörte. Doch am Ende entschied sich der Bundestag mit 292 zu 223 Stimmen für die Kunst.Sören Christian Reimer

Die Ausstellung wird voraussichtlich nach der parlamentarischen Sommerpause im Rahmen der Kunstführung des Deutschen Bundestages zu sehen sein. Weitere Informationen dazu auf der Webseite: www.bundestag.de

Aus Politik und Zeitgeschichte

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