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IRAK
Birgit Svensson
Aus dem Schattendasein

Trotz IS-Bedrohung und Terror gehen immer mehr Frauen in die Politik oder machen in Unternehmen Karriere

Wer sät, der erntet. Dieser Satz steht in der Bibel und auch im Koran. Sabah al-Tamemy hat ihn zu ihrem Slogan auserkoren. Seit Jahren sät die Bagdaderin die Überzeugung, dass Frauen in die Politik gehören und es ebenso gut machen wie Männer. Die 41-Jährige hat ihr persönliches Ziel erreicht: Sie ist Abgeordnete im irakischen Parlament und mit ihr weitere 81 Frauen. Selbstbewusst posiert sie vor einem riesigen Foto von sich selbst im Empfangszimmer ihres Hauses. Daneben hängt ein Kupferstich der Krönungszeremonie der französischen Kaiserin Josephine, gegenüber die Mona Lisa. Es sind berühmte Frauen wie diese, die Tamemy faszinieren, denen sie nacheifert und die ihr Mut machen. "Ich bin zwar gegen die Quote", sagt sie im Hinblick auf die vorgeschriebenen 25 Prozent Frauenanteil im Parlament, "aber aufgrund der patriarchalischen Gesellschaft, die wir immer noch haben, brauchen wir sie." Irak ist das einzige arabische Land mit einer in der Verfassung verbrieften Frauenquote, die auch erreicht wird. Zwar gibt es sie seit einem Jahr auch in Tunesien. Doch dort ist sie lediglich im Wahlgesetz festgeschrieben und wird bei weitem nicht erreicht.

Bei den irakischen Provinzwahlen 2013 errang Tamemy auf Anhieb eines der begehrten Direktmandate für Bagdad, "auch ohne Quote". Als erste Frau in der Geschichte des Landes wurde sie Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses eines Provinzrates. Doch die promovierte Ökonomin wollte höher hinaus. Für die Parlamentswahlen ein Jahr später schloss sie sich der Partei Ijad Allawis an, der 2004 erster Premierminister einer Übergangsregierung nach dem Einmarsch der Amerikaner wurde und seitdem maßgeblich die Politik des Iraks mitbestimmt. Seine säkulare Al-Watani-Koalition ist mit 21 Sitzen die fünftstärkste Kraft im Parlament. Tamemy stand auf Platz acht der Wahlliste.

"Mittlerweile ist die irakische Gesellschaft bereit für Frauen", ist die Abgeordnete überzeugt. Bei den Parlamentswahlen habe es so viele Kandidatinnen gegeben wie nie zuvor - mehr als 3.000. Die Tatsache, dass eine Frau die Chance habe, am politischen Prozess teilzunehmen, hätte viele ermutigt.

Im Vorfeld der Parlamentswahlen im Irak haben Frauen Wahlkampfveranstaltungen abgehalten und sind in Fernseh-Talkshows aufgetreten. Auch Sabah al-Tamemy war überall präsent. Keine Straße in Bagdad, in der nicht Poster mit ihrem Konterfei hingen. "Ich ermutige Frauen herauszutreten aus dem Schattendasein, das sie oft führen, wann immer ich kann." Tamemy ist sich sicher, dass der Irak einmal das erste Land in der Region sein wird mit einer Präsidentin oder Regierungschefin.

Topjob in Bagdad Thikra Alwash empfängt die Besucherin in ihrem riesigen Amtszimmer im Rathaus von Bagdad. Massive Holzvertäfelung, tiefe Ledersessel, bunte Glasbausteine, Plastikblumen und ein leise plätschernder Zierbrunnen schmücken den Raum. Seit Ende Februar ist die 1,64 Meter große Frau im pinkfarbenen, um den Kopf geschwungenen Tuch Bürgermeisterin der irakischen Hauptstadt: die erste Frau auf diesem Posten in der Geschichte ihres Landes und die erste in der ganzen Region. Keine Frau vor ihr führte je die Geschicke einer Hauptstadt in der arabischen Welt. Als Iraks Premierminister Haider al-Abadi vor das Parlament trat, sagte er nur: "Ich bringe euch eine unabhängige Kandidatin für Bagdad." Während die Provinzräte und damit die Gouverneure der 18 irakischen Provinzen gewählt werden, sind die Bürgermeister der Millionenstädte stets ernannt worden. In der Hauptstadt besorgte dies der jeweilige Regierungschef. Er werde die Rolle der Frauen im Irak stärken, betonte der Premier als eine seiner Prioritäten bei der Amtseinführung im September 2014. Mit der Ernennung Alwashs für den Topjob in Bagdad machte er ernst.

Sie wolle den direkten Kontakt mit den Menschen suchen, nennt die 46-Jährige ihr vorrangiges Ziel als Bürgermeisterin der Metropole. "Sie müssen wieder Vertrauen in ihre Stadt und die Verwaltung finden." Unter Alwashs Vorgängern ging dies verloren. Sie galten als korrupt und eigennützig. Gerade Bagdad, das wie keine andere Stadt im Irak unter dem Terror gelitten hat und immer noch leidet, braucht besondere Anstrengungen, um den Alltag seiner sechs Millionen Einwohner einigermaßen erträglich zu gestalten. "Die Zeit war reif für eine Frau", heißt es aus Parlamentskreisen. Doch die im südirakischen Hilla bei Babylon geborene, promovierte Bauingenieurin, die bis zu ihrer Ernennung als Bürgermeisterin Generaldirektorin im irakischen Hochschulministerium war, musste erst einmal lange Tage des politischen Machtkampfes überstehen, bevor sie schließlich auf dem Sessel im Rathaus Platz nehmen konnte. Die religiösen schiitischen Parteien, die bis dato den Chefposten in Bagdad bekleideten, wollten das Terrain nicht kampflos aufgeben und machten Stimmung gegen sie als Frau und unabhängige Akademikerin. "Ich werde ihnen zeigen, dass Frauen diesen Job packen", sagt Thikra Alwash kämpferisch, "nach mir werden noch weitere Frauen kommen."

Mehr und mehr Positionen werden im Irak inzwischen von Frauen bekleidet. Egal wo man in Bagdad hinkommt, man wird von weiblichen Wesen mit oder ohne Schleier empfangen. Da ist die Managerin des größten privaten Medienkonzerns Al Mada, die Leiterin der Deutschabteilung der Bagdad Universität oder die Chefrezeptionistin in einem Fünf-Sterne-Hotel. Frauen sind Generaldirektorinnen in den Ministerien, Diplomatinnen im Ausland, Abgeordnete im Parlament, Unternehmerinnen, Ärztinnen, Rechtsanwältinnen, Journalistinnen. Frauen sind einfach überall, in fast allen Berufszweigen. Nur Bus oder Bagger fahren sie noch nicht, aber Taxifahrerinnen gibt es bereits. Auf Baustellen sind sie Architektinnen oder Bauingenieurinnen. In absoluten Toppositionen allerdings sind sie auch im Irak noch selten. Von 29 Ministerien sind lediglich zwei von Frauen besetzt, die Provinzgouverneure sind ausnahmslos Männer.

"Die Frauen im Irak sind nicht mehr aufzuhalten", sagt Wassan Khalid Ibrahim, Koordinatorin für Frauenprojekte der Nichtregierungsorganisation International Medical Corps (IMC). Bei einer Konferenz in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Familie und Frauen präsentiert IMC eine Studie, die dramatisch steigende Scheidungsraten aufzeigt: ein Indikator für die zunehmende Selbstständigkeit der Frauen. Für das Familienministerium in einem islamisch-konservativen Land ist dies ein ernstes gesellschaftliches Problem. IMC hat herausgefunden, dass in einigen Bezirken Bagdads in den vergangenen fünf Jahren mehr als die Hälfte aller Ehen geschieden wurden. Landesweit liege die Scheidungsrate bei etwa 25 Prozent. Auch in den autonomen Kurdengebieten im Nordosten gibt es so viele Scheidungen wie noch nie. Dabei seien es immer öfter die Frauen, die die Scheidung herbeiführten, obwohl dies für sie erhebliche Schwierigkeiten mit sich brächte. Während der Mann nach islamischem Recht sich innerhalb von Stunden scheiden lassen kann, kämpft eine Frau oft Monate, wenn nicht Jahre vor Gericht um die Trennung. In einer Gesellschaft, in der Frauen durch eine Scheidung einen erheblichen Verlust gesellschaftlicher Akzeptanz erleiden, kommt dieser Schritt einer Revolution gleich. "Die Scheidung ist ein Befreiungsschlag", charakterisiert Ibrahim die Entscheidung von immer mehr Frauen im Irak, sich von ihrem oft langjährigen Ehemann zu trennen.

Auch Sabah al-Tamemy ist von ihrem Mann geschieden. Die politischen Spannungen bei den Eheleuten wurden zur Belastung für die ganze Familie. Als liberale und säkular eingestellte Frau, die sich weigert, einen Schleier zu tragen, wurde es schwierig mit einem Ehemann, der sich dem ehemaligen Premierminister Nuri al-Maliki angeschlossen hatte. Dessen sektiererische Politik spaltete den Irak und trug maßgeblich zum Erstarken der Terrormiliz IS bei. Die drei Töchter sind jedoch stolz auf den Erfolg der Mutter. Sie habe bis jetzt aber nur 20 Prozent ihrer Ambitionen verwirklichen können, sagt die Parlamentarierin nach gut einem Jahr in der Volksvertretung. Als Mitglied im wichtigen Dienstleistungs- und Wiederaufbauausschuss ist Tamemy verantwortlich für das Energie-, Transport- und Bauministerium und auch für das Bürgermeisteramt von Bagdad, dem Thikra Alwash vorsteht. Auch hier kritisiert die Abgeordnete eine Quotenregelung, die ihrer Ansicht nach die Effizienz einer konstruktiven Arbeit behindert: die proportionale Aufteilung der Ämter unter den unterschiedlichen Volksgruppen Iraks. Die Entscheidung der US-Administration, Kurden, Schiiten und Sunniten gleichermaßen an der Macht zu beteiligen, ist auch nach dem Abzug der US-Truppen Ende 2011 beibehalten worden. Ist der Minister ein Schiit, muss er einen kurdischen und einen sunnitischen Stellvertreter haben oder umgekehrt. Für Tamemy und viele andere Iraker ist dies ein großer Stolperstein für die Einheit des Landes und mit ein Grund für die blutigen Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten.

Transformationsprozesse, wie der Irak sie seit dem Sturz Saddam Husseins 2003 durchläuft, bewirken Veränderungen. Und die Irakerinnen sind fest entschlossen, sie für ihre Zwecke zu nutzen. Viele der geschiedenen Frauen heiraten nicht wieder, sondern ziehen es vor, alleine zu leben und zu arbeiten. Andere heiraten erst gar nicht, um Karriere machen zu können. "Die irakischen Männer wollen Dienstmädchen und keine Partnerinnen", sagt Samarkand al-Djabiri, die als Journalistin im staatlichen Mediennetzwerk arbeitet, 42 Jahre alt ist und noch nie verheiratet war. "Darauf haben immer weniger Frauen Lust." Auch Ghada al-Amely, ebenfalls 42, Managerin des privaten Medienkonzerns Al-Mada, ist unverheiratet. Ihre Position ist ein 14-Stunden-Job. "Das kann keine Frau machen, die Familie hat." Bagdads neue Bürgermeisterin ist ebenfalls Junggesellin.

Alte Elite ausgelöscht Doch der Vormarsch der Frauen am Tigris hat noch andere Gründe als die Unzufriedenheit mit dem männlichen Geschlecht. In den dunkelsten Jahren des Terrors wurde praktisch die gesamte alte Elite ausgelöscht. Während des Bürgerkriegs zwischen Sunniten und Schiiten 2006/07 und 2008 wurden in Bagdad hunderte Ärzte, Rechtsanwälte, Professoren, Lehrer, Beamte, Geschäftsleute, Ingenieure und Journalisten ermordet, entführt, bedroht oder außer Landes getrieben - vorwiegend Männer. Jetzt braucht der Irak dringend eine neue Elite. "Frauen sind gut ausgebildet und haben große Chancen", beschreibt al-Amely die Situation. All die Jahre zuvor seien die jungen Männer im Krieg gewesen und die Frauen hätten studiert. Die Folgen zeigen sich jetzt. Die 40- bis 50-jährigen Frauen rücken nach und machen Karriere, die Männer sind wieder im Krieg. Dieses Mal gegen den IS.

Natürlich beeinflusse Daesh, wie die Iraker den "Islamischen Staat" nennen, den Alltag und auch die Parlamentsarbeit, berichtet Sabah al-Tamemy. Gesetze würden nicht verabschiedet, Vorlagen kämen nicht zur Lesung, weil drängendere Probleme wie die Versorgung der fast drei Millionen Binnenflüchtlinge Vorrang hätten.

Unvergessen wird für sie der Auftritt der jesidischen Abgeordneten Vian Dakhil bleiben, als sie unter Tränen erzählte, wie grausam ihre Landsleute von den IS-Terroristen behandelt werden - vor allem die Frauen. "Doch wenn du Angst hast, darfst du im Irak nicht in die Politik gehen", schlussfolgert die al-Tamemy. Sicherheit sei hier eine Frage des Mutes. Während in den ersten Terrorjahren gerade die Frauen von religiösen Extremisten eingeschüchtert wurden und sich zuweilen monatelang nicht auf die Straße trauten, trotzen viele jetzt den Gefahren und schreiten mutig voran. "Und es werden immer mehr", sagt die Abgeordnete.

Die Autorin ist freie Korrespondentin im Irak.

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