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TUNESIEN
Annette Steinich
Mitten ins Herz getroffen

Nach dem Terroranschlag von El Kantaoui mit 38 toten Touristen ringt die fragile Demokratie um Sicherheit und Freiheit

Der zweite Terroranschlag gegen Zivilisten trifft das Geburtsland des Arabischen Frühlings schwer. Bereits im März waren zwanzig Touristen bei einem Anschlag auf das Bardo-Museum in Tunis von zwei jungen Tunesiern erschossen worden. Am 26. Juni hat nun ein tunesischer Student 38 ausländische Urlauber am Strand und in der Hotelanlage des Fünf-Sterne-Hotels "Imperial Marhaba" kaltblütig ermordet.

Beide Attentate treffen einen Nerv des Landes, denn der Tourismus ist das Zugpferd der tunesischen Wirtschaft. Bis zur Revolution trug der Sektor, von dem etwa zwei Millionen Menschen direkt oder indirekt leben, sieben Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Nach der Revolution vom Herbst 2010/11 brachen die Touristenzahlen massiv ein und erholten sich erst langsam zu Beginn diesen Jahres. Die Regierung hat daher jetzt Sofortmaßnahmen wie die Stundung von Krediten verkündet, die den gebeutelten Hoteliers wenigstens das Überleben bis zur nächsten Saison sichern sollen.

In der vergangenen Woche reklamierte der "Islamische Staat" (IS) in einer bislang nicht verifizierten Twitter-Nachricht die grausame Tat für sich. Zwischen den Terroristen vom Bardo und von El Kantaoui bestehen laut Angaben tunesischer Behörden Verbindungen. Die beiden im Bardo-Museum von Sicherheitskräften erschossenen jungen Tunesier waren offensichtlich im selben Ausbildungscamp in Libyen gewesen wie der Ingenieurstudent aus Kairouan, der am 26. Juni das Massaker in El Kantaoui verübte.

Der Terror des IS scheint damit entgegen allen Hoffnungen der Tunesier und des Westens auch in dem Land angekommen zu sein, das als einziges in der Region auf dem Weg in die Demokratie ist. Nach krisenreichen nachrevolutionären Jahren hatte die Verfassunggebende Versammlung Anfang 2014 eine neue, demokratische Verfassung verabschiedet. Unmittelbar danach übergab die von der moderat islamistischen Nahda geführte Regierung die Macht friedlich an ein Technokratenkabinett. Ende vergangenen Jahres fanden erstmals in der Geschichte freie und transparente Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. Aus beiden ging die säkular-liberale Sammelbewegung Nidaa Tounes als Sieger hervor, die seither in einer Koalitionsregierung das Land führt.

Die Anschläge treffen die junge und noch fragile Demokratie ins Herz. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) reiste am vergangenen Montag an den Tatort und sagte Tunesien weitere Unterstützung bei der Bekämpfung des islamistischen Terrors zu. Premierminister Habis Essid verkündete einen Zwölf-Punkte-Plan zur Verbesserung der Sicherheitslage. Dazu gehört die Schließung von etwa 80 Moscheen, die sich der Kontrolle des Staates bislang entziehen, sowie die Prüfung eines Parteiverbots der radikalen Hizb Ettahrir, die sich bislang im Rahmen der tunesischen Legalität bewegt. Sie steht für die friedliche Einführung der Scharia und des Kalifats und ist auch Sammelbecken frustrierter Jugendlicher aus sozialen Brennpunkten.

Die Gefahr besteht, dass autoritäre Maßnahmen des Staates kontraproduktiv wirken und den Islamisten in Syrien, Libyen und dem Irak noch mehr Zulauf bringen könnten. Die tunesischen Behörden gehen von dreitausend jungen Tunesiern aus, die dort in den Dschihad gezogen sind. Zudem fürchten Menschenrechtler eine Beschneidung der gerade neu gewonnenen Freiheiten und Bürgerrechte im Namen der nationalen Sicherheit.

Die Autorin ist freie Journalistin in Tunesien.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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