Inhalt

Parlamentarisches Profil
Götz Hausding
Der Weltverbesserer: Kai Gehring

Im Grunde könnte es eigentlich so bleiben wie es ist. Findet Kai Gehring, Abgeordneter der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen und gemeinsam mit seiner Fraktionskollegin Renate Künast sowie Petra Sitte (Die Linke) Autor einer der vier am vergangenen Donnerstag im Bundestag diskutierten Gesetzentwürfe zum Thema Sterbehilfe. "Mir ist ganz wichtig, dass das Spektrum der letzten Hilfe weitestgehend so erhalten bleibt, wie es ist", betont Gehring.

Die ebenfalls diskutierten Entwürfe der anderen - teils auch interfraktionellen Gruppen - findet er "viel zu eng", weil sie nur auf Familien und Nahestehende fokussiert seien. Das entspräche nicht der Vielfalt der Familienformen, wo es immer mehr Menschen gebe, die keine Angehörige haben, das Vertrauensverhältnis fehlt oder wo die Angehörigen diese Assistenz nicht übernehmen wollen. Dem Vorwurf, die Sterbehilfe liberalisieren zu wollen tritt der Abgeordnete entgegen. "Unser Gesetzentwurf ist der liberalste - wir liberalisieren aber nichts, sondern regeln praxis- und lebensnah", betont er. Von dieser Regelung sollen auch Ärzte und Sterbehilfevereine profitieren. "Es muss Klarheit für die Ärzte gegen. Sie sollen helfen dürfen, aber nicht müssen." Derzeit regle dies jede Ärztekammer selbst. "Das bedeutet: Es gibt 17 Regelungen. So entscheidet der Wohnort darüber, ob geholfen werden kann oder nicht." Was die Vereine angeht, so schließt der Gehring-Entwurf gewerbsmäßige Vereine, also jene mit Profitinteresse, aus. "Sterbehelfer sollten aber weiter unterstützen dürfen", sagt er."

Für den 37-Jährigen ist noch ein anderer Punkt ganz wichtig. "Wir müssen in der Gesellschaft viel mehr für Trauernde tun", fordert er. Mich hat sehr geprägt, dass mein Vater durch einen Verkehrsrowdy ums Leben kam, als ich 19 war." Auch seine Großeltern und die beste Freundin der Familie seien viel zu früh gestorben. "Mir ist bewusst: Sterbeerfahrungen sind keine Frage des Alters", sagt der aus Essen stammende Gehring, der seit Jahren als einer der profiliertesten Bildungspolitiker seiner Fraktion gilt. In dieser Rolle sieht er seine Aufgabe darin, aus der Opposition Themen anzuschieben und damit die Regierung in Zugzwang zu bringen. Stichwort Wissenschaftsförderung. Das Grundgesetz erlaubt seit Jahresbeginn dauerhafte Bund-Länder-Kooperation in der Wissenschaft. "Der Bund kann also die Länder bei Sanierung und Ausbau der Infrastrukturen des Wissens unterstützen. Bröckelnde Hörsäle, marode Labore und alternde Technik passen nicht in eine Wissensgesellschaft", sagte der Bildungsexperte und kritisiert die Bundesregierung. "Die Tür für mehr Kooperation ist offen, aber Frau Wanka geht nicht hindurch", bemängelt Gehring. Mit der CDU-Bildungsministerin hat er schon manches Wortduell ausgefochten. "Es freut mich, dass ich als Widerpart zu Frau Wanka wahrgenommen werde", sagt er. "Das motiviert mich auch für meine politische Arbeit."

Die begann im Grunde 1998 als Gehring - vom Wunsch beseelt, die Regierungszeit von Helmut Kohl zu beenden - sich im Wahlkampf für die Grünen engagierte. Nicht zuletzt weil bei ihnen das Thema Bildungsgerechtigkeit schon früh aktuell war. Wichtig für einen wie Gehring, ein "ganz normales Arbeiterkind aus dem Ruhrgebiet" und der erste in seiner Familie mit Abitur und Studium. Später war er Mitbegründer der Grünen Jugend in Nordrhein-Westfalen und Mitglied im NRW-Grünen-Vorstand. Seit 1995 gehört er dem Bundestag an. "Ich habe meine Leidenschaft für andere zu kämpfen und mich politisch zu engagieren zum Beruf machen können", freut er sich und sagt: "Ich möchte daran mitwirken, die Welt ein stückweit besser zu machen - für mehr Chancen für alle." Drei Legislaturperioden Opposition sind aus seiner Sicht nun aber auch genug. "Ich will, dass wir Grüne wieder in die Regierung kommen, denn wir haben viele gute Ideen und neue Konzepte, unser Land gerechter und ökologischer zu gestalten", sagt Gehring und fügt hinzu: "Vom Modernisierungsschub der rot-grünen Jahre profitiert Deutschland noch heute."

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag