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PORTRÄTS
Alfred Hackensberger, Erich Rathfelder, Susanne Kallitz
»Das wird schon«

Ein Syrer, eine Roma-Familie und ein Italiener erzählen von Ängsten, Perspektivlosigkeit, Hoffnungen

Damals, im Juni 2013, tippte Karam auf seinem Laptop herum, öffnete Webseiten, Fotos und Landkarten. „Hier, das ist meine Stadt Deirzor“, sagte er stolz und zeigte mit dem Finger auf den Bildschirm. Der Ort im Osten Syriens, unweit der irakischen Grenze, erschien zerbombt und menschenleer. Aber das machte Karam nichts aus. „Es ist meine Heimat und ich liebe sie“, erklärte der 23-Jährige, während er aufgeregt von Foto zu Foto klickte. „Und hier, das ist die Brücke über den Euphrat, der einzige Weg in die Stadt“, fuhr Karam fort und fügte schmunzelnd an: „Man muss sie mit Vollgas überqueren, sonst wird man von einem der Scharfschützen des Regimes erwischt.“

Das war vor anderthalb Jahren, als er in Gaziantep, einer Stadt im Osten der Türkei, an einem Medienkurs einer europäischen Nichtregierungsorganisation teilnahm. Man hatte Karam als einen jener syrischen Aktivisten eingeladen, die im Internet Videos über dem Kampf gegen das Regime von Präsident Bashar al-Assad veröffentlichten und dabei Kopf und Kragen riskierten. „Mir war die Gefahr völlig egal, schließlich wollte ich Freiheit, Demokratie und eine anständige Zukunft“, erzählt Karam heute. „Außerdem wussten wir uns mit Programmen zu schützen, die unsere Identität verschleierten.“

Auf der Fahndungsliste Nun ist der junge Mann erneut in Gaziantep – vorerst für immer. Karam gehört zu den rund 1,5 Millionen syrischen Flüchtlingen in der Türkei. „Nach Deirzor, kann ich nicht zurück, auch in anderen Teilen Syriens ist es schwierig für mich.“ Der Medienaktivist steht sowohl auf der Fahndungsliste des syrischen Regimes wie auch der Extremistengruppen des Islamischen Staats (IS) und Jabhat al-Nusra. Demokraten sind in Syrien auf beiden Seiten der Bürgerkriegsfront nicht willkommen.

In Gaziantep teilt sich Karam eine Wohnung mit syrischen Freunden. Aber angekommen ist er noch nicht in der türkischen Millionenmetropole. Er wirkt orientierungslos und nachdenklich, fast depressiv. Er scheint noch nicht zu realisieren, was passiert ist – und die Frage bleibt, ob das jemals möglich sein wird.

Karam war neun Monate lang in verschiedenen Gefängnissen des syrischen Regimes eingesperrt. „Von den 120 Häftlingen in meiner Zelle sind über die Hälfte gestorben“, erzählt der heute 24-Jährige. Bei einem Teil seien Krankheiten oder Unterernährung die Ursache dafür gewesen. Viele seien auch am Schock gestorben. „Wenn Neue in die überfüllte Zelle kamen, fragten sie uns, wie lange wir schon hier seien“, erinnert sich Karam. „Als wir sechs, sieben Monate sagten, verstummten sie. Sie wurden völlig bleich, nachts bekamen sie hohes Fieber und am Morgen waren sie tot.“ In den überfüllten Zellen können Gefangene nur stehen und übereinander gelegt schlafen.

Karam wurde wie alle anderen „politischen Häftlinge“ systematisch verprügelt und gefoltert. „Mit allem, was man sich nur vorstellen kann“, fügt der 24-Jährige an. Es gebe keine Wahl, außer alles zu gestehen, was einem vorgeworfen wird. „Sonst geht die Folter immer weiter.“

Ins Gefängnis hat ihn einer seiner Cousins gebracht. Er verriet Karam, als dieser seine Mutter nach einem Jahr wieder auf Regierungsseite besuchte. „Mein Cousin erzählte ihnen, dass ich ein Spion sei, der mit GPS-Sendern die Bombardierungen israelischer Kampfflugzeuge in Damaskus vorbereitet habe.“ Bei der ersten Vernehmung gestand Karam die „Spionagetätigkeit“ und nannte die Namen bekannter Fußballspieler und Popstars als seine Kontaktleute. Das fiel allerdings erst nach neun Monaten auf und Karam wurde freigelassen. Zum Glück hatte das Regime keinerlei weitere Informationen über seine Medienaktivitäten. „Die ganze Technik, der digitale Schutz, all meine Konten unter falschen Namen – das hat sich gelohnt“, meint Karam rückblickend. „Sonst wäre ich wahrscheinlich nicht mehr am Leben.“

Als Karam aus der Haft entlassen wurde, hatte sich die Welt, die er kannte, völlig verändert. In Deirzor regierte die Terrormiliz des IS. Auf der Regierungsseite konnte Karam nicht bleiben. Sein Cousin hätte ihn erneut ins Gefängnis gebracht. „Und bei den Islamisten stehe ich als gottloser Demokrat auf der Fahndungsliste.“ Mit Glück konnte Karam die Checkpoints des IS umgehen und sich über die grüne Grenze in die Türkei retten.

Nun sitzt er in Gaziantep, wie so viele andere Tausende von Flüchtlingen ohne Papiere und Arbeit. Er hat seine Bewerbungsunterlagen hunderte Male verschickt und hofft auf einen Job in den Medien oder bei einer Hilfsorganisation. Er würde auch ins Ausland gehen, aber ohne Pass ist das kaum möglich.

Verlorene Heimat In der Türkei lebt er momentan noch von Honoraren internationaler Nachrichtenagenturen. Die Fotos, die er als Medienaktivist machte, wurden in vielen Zeitungen abgedruckt. „Nachdem ich aus dem Gefängnis kam, haben sie mir alle ausstehenden Honorare bezahlt. Viel ist es nicht, aber es reicht für den Anfang.“

Karams Euphorie und sein ungebremster Elan von früher sind weg. Das Syrien, wie er und viele seiner Freunde es sich vorstellten, scheint erst einmal verloren. Jetzt muss sich der junge Mann als Flüchtling in einem anderen Land mit fremder Sprache zurechtfinden. „Das wird schon“, spricht er sich selber Mut zu. Die Hoffnung, dass wieder alles gut werden könnte, will er nicht aufgeben. Alfred Hackensberger

Der Autor berichtet als freier Korrespondent aus dem Nahen Osten.

Der um die 30 Jahre alte Mann steht am Ufer des Bosnaflusses und angelt in der trüben Brühe. Kemal ist Rom und lebt hier in Kakanj, einem mittelgroßen Städtchen in Zentralbosnien, 45 Kilometer von Sarajevo entfernt. Die am Fluss liegenden und durch den Nebel halb verdeckten Häuser gehören zu einer Romasiedlung mit mehreren hundert Bewohnern.
Auf die Frage, ob er jemanden kenne, der gerade aus Deutschland kommt und dessen Asylgesuch abgelehnt wurde, zögert Kemal. Schon in Sarajevo hatte der bekannte Roma-Vertreter in Bosnien, Dervo Sejdic, gewarnt: „Die Leute wollen nicht reden, sie wollen nicht bekannt werden, denn sie wollen noch mal versuchen, nach Deutschland zu kommen.“ Und das, obwohl Bosnien-Herzegowina seit Anfang September als sicheres Herkunftsland gilt (siehe Seite 12). Die Chancen der bosnischen Roma auf Asyl in Deutschland liegen seither nahezu bei null.
Auch die Umstehenden winken ab. Die vor einer Verkaufsbude stehenden Männer verkrümeln sich, als sie den Journalisten sehen. Es hat sich schon herumgesprochen, was er fragen will. Aber dann sagt Kemal doch: „Komm mit in mein Haus, meine Schwester wird mit Dir reden.“

Gute Erinnerungen Die Familie wohnt inmitten der Siedlung. Die Häuser sind ineinander verschachtelt, der zum Teil schlammige Weg führt durch Hinterhöfe, in denen Holz für den Winter gestapelt ist. Die aus einem Zimmer, Kochnische und Bad bestehende Wohnung blitzt vor Sauberkeit. Dafür sorgt Zahida. Sie ist 31 Jahre alt und verdient ein bisschen Geld als Putzfrau. „Drei Mal die Woche. Meine Brüder arbeiten manchmal bei Gelegenheit. Meistens nicht. Richtige Jobs gibt es doch für uns Roma nicht.“
Zahida würde gern in Deutschland leben. Doch die Frau kann nicht zurückgehen in das Land, an das sie gute Erinnerungen hat. Sie bleibt hier, weil ihre Familie sie braucht. Ihre krebskranke 70-jährige Mutter Arifa, ihre beiden fast gleichaltrigen Brüder, zwei Cousins, der eine 20, der andere 22 Jahre alt mit Frau und kleinen Kindern.
Vor dem Krieg waren die Roma von Kakanj bekannt wegen ihrer Kupferschmiede. Damals gab es sogar in diesem Viertel einen bescheidenen Wohlstand. „Jeder hatte noch eine Krankenversicherung, auch Roma bekamen Arbeit, sogar Rente.“ Doch dann brach das Unheil herein, der Staat Jugoslawien zerbrach, es gab Krieg.
Die junge Frau war noch ein Kind, als die Familie 1992 nach Deutschland floh. Sie ging dort zur Schule, noch immer spricht sie hervorragend Deutsch, obwohl sie schon 1997, kurz nach Kriegsende, mit ihrer Familie und der älteren Schwester nach Bosnien zurückkehren musste. Deutschland schickte die Kriegsflüchtlinge mit dem Versprechen zurück, ihnen vor Ort zu helfen.
Auf der Rückfahrt kam die Schwester bei einem Busunfall ums Leben. Zahida übernahm ihre Rolle und packte an. „Als wir kamen, war unser Häuschen hier in Kakanj verwüstet.“ Die versprochene Hilfe blieb aus. Auch, als nach der Überschwemmungskatastrophe im Frühjahr dieses Jahres die Bosna über die Ufer trat. Mehr als 80 Zentimeter hoch stand das Wasser im Haus. Von den Hilforganisationen ließ sich bei ihnen niemand sehen, die internationalen Hilfsgelder versickerten auch jetzt wieder irgendwo in der korrupten Bürokratie, vermutet sie.
„Sieh mal, der Boden unter den Fliesen ist immer noch nass, die Feuchtigkeit steigt herauf, nicht nur Gift für meine bettlägerige Mutter, auch für uns.“ Eine Krankenversicherung für Roma gibt es nicht, die notwendigen Medikamente für die Mutter, 50 Euro pro Monat, müssen sie irgendwie zusammenkratzen. Zahida wird sarkastisch: „Wir Roma werden eben niemals krank.“ Die beiden Cousins leben mit deren Mutter, den beiden Kindern und der Frau des älteren in dem Häuschen nebenan. Zahidas Familie hat den Verwandten diesen Raum zur Verfügung gestellt. „Die waren obdachlos, haben gar nichts.“ Zahida hatte deswegen nichts dagegen, als die beiden jungen Männer vor neun Monaten losfuhren. Die beiden versuchten, sich nach Deutschland durchzuschlagen. Sie meldeten sich bei einem Sozialamt, verbrachten drei Monate in einem Asylbewerberheim. „Dann sagte man uns, wir sollten sofort nach Bosnien zurückfahren, wenn nicht, dürften wir fünf Jahre lang nicht mehr nach Deutschland zurückkehren“, sagt der Ältere. Welche Behörde ihnen dies erklärte, bleibt unklar. Man gab ihnen ein Schriftstück, das sie unterschreiben sollten. Was darin stand, wissen sie nicht. Es gab keine Übersetzung und auch keinen Dolmetscher. Sie kehrten zurück.
Seither denken sie nur daran, wie sie es schaffen können, wieder nach Deutschland einzureisen. Beide lernen jetzt Deutsch. In Kakanj sehen sie keinerlei Zukunft. „Fast alle jungen Männer wollen gehen“, sagt der Ältere. Weitere Fragen wehrt er ab.

Kein Privatleben Zahida hat inzwischen den Tisch aufgeräumt, dem Hund Wasser gegeben, die Mutter versorgt. Alle schlafen hier in diesem Raum, die Brüder, die Mutter, sie. An Privatleben ist nicht zu denken. An eine Zukunft für sie selbst kann sie nicht glauben. „Hoffnung, was ist das?“, fragt Zahida. Allah habe die Menschen als Gleiche geschaffen. „Nur für ihn gibt es keine Unterschiede.“ 

Der Autor berichtet als freier Korrespondent aus Bosnien-Herzegowina.

Für Eros Brunone Avena ist Europa mehr als nur ein Wort: Es ist ein Lebensmodell. Seit gut vier Jahren lebt der Italiener in Deutschland – und er ist gekommen, um zu bleiben. Avena gehört zu den vielen jungen Südeuropäern, die, ausgelöst durch die Euro-Krise, in ihrer eigentlichen Heimat keine wirkliche Chance mehr für sich sehen. In Deutschland schon: Avena kam über den Europäischen Freiwilligendienst und leistete dann einen Bundesfreiwilligendienst. Inzwischen hat er einen festen Job bei einem sozialen Träger in Berlin. Der unterstützt über ein EU-Projekt Arbeitslose dabei, Zeit im Ausland zu verbringen, um sich bei betrieblichen Praktika neu zu orientieren. Wie wichtig das ist, weiß Avena aus eigener Erfahrung. Eigentlich hatte er in Deutschland promovieren wollen. Inzwischen hat er die Idee verworfen. „Ich finde es sehr befriedigend, jetzt Menschen dabei zu helfen, ihren Weg zu finden. Ich weiß ja selbst, wie anstrengend es in einem anderen Land ist, aber auch wie schön es
ist, wenn sich die Perspektiven auf einmal ändern.“ Auch Avena hat sich inzwischen orientiert: Demnächst schließt er ein Studium zum Sozialarbeiter ab.

Andere Mentalität Rund 334.000 Menschen sind im ersten Halbjahr 2013 aus EU Staaten nach Deutschland gezogen, fast 28.000 kamen aus Italien. Dorthin zurück zu gehen, kann Avena sich inzwischen nicht mehr vorstellen. „Ich würde ganz sicher einen Job finden. Aber nicht im Sozialbereich. Das ist einfach der Bereich, in dem gnadenlos gespart wird.“ Und auch die Mentalität unterscheide sich so, dass er sich eine Rückkehr ins Piemont nicht mehr vorstellen kann. „Hier in Deutschland arbeite ich mit meinen Kollegen und Chefs auf Augenhöhe. Ich kann selbstbestimmt arbeiten. Wenn ich Vorschläge mache, wird das gehört. In Italien sind die Chefs immer noch über 60, sprechen keine Fremdsprachen und sind gedanklich noch längst nicht in Europa angekommen. Das ist einfach eine ganz andere Kultur, auf die ich keine Lust habe.“ Man sei in Deutschland anders als in Italien zwar immer noch extrem fixiert auf den richtigen Abschluss. Aber in seiner Heimat sei die Freiheit verloren gegangen, seinen eigenen Weg zu wählen. „Viele junge Menschen haben dort überhaupt keine Zukunft mehr; es gibt keine Jobs, keine Aus- und Fortbildung.“ Bei 43,7 Prozent liegt die Jugendarbeitslosigkeit im Land, bei Bildungsausgaben liegt Italien im OECD-Vergleich ganz hinten. Deutschland, Berlin, dessen beschaulicher Ortsteil Friedenau, in dem Avena heute lebt: Das ist sein Zuhause geworden. Der 33-Jährige weiß, dass ihm der Start in Deutschland leichter gefallen ist als vielen anderen Einwanderern. Er sprach von Anfang an gut Deutsch. Und er sieht mit einer Größe von 1,90 Meter, den blauen Augen und der hellen Haut nicht aus wie ein typischer Südeuropäer. „Da muss man sich nichts vormachen“, sagt er offen. „Wenn ich dunkelhäutig und klein wäre und man mir auf den ersten Blick ansehen würde, dass ich nicht von hier komme, wäre das vermutlich anders gewesen.“

Freundlich empfangen Avena zahlt Steuern, hat einen großen Freundeskreis: Er ist das, was man gut integriert nennt. „Leute wie ich sind die Bundesliga der Ausländer und werden sehr freundlich empfangen.“ Doch auch wenn ihm im täglichen Leben kein Rassismus begegnet, verfolgt Avena sehr genau, wie sich in vielen deutschen Städten momentan jede Woche tausende Menschen zusammentun, um gegen Einwanderer zu demonstrieren. „Das erschreckt mich. Weil schon 100 Demonstranten zu viel wären. Aber in Dresden sind es inzwischen 10.000, und das sagt etwas aus über die Stimmung im Land.“ Der Ethnologe in ihm findet die Argumente von Pegida und Co „sehr, sehr interessant: Hier geht es nicht mehr um die Bewahrung eines Nationalstaats, sondern man spricht von ‚unserem‘ Europa, das man bewahren will. Das ist neu.“ Nicht neu sei die Fremdenfeindlichkeit, die hinter den Parolen stehe. „Dass Muslime auf einmal so zu einem Problem für die Menschen geworden sind, ist erschreckend.“ Doch auch das
sei Europa: Die Tatsache, dass Probleme nicht an Ländergrenzen aufhören würden. „Wenn so viele Flüchtlinge nach Lampedusa kommen, dann ist das nicht das alleinige Problem von Lampedusa, sondern von ganz Europa.“ Und das gelte nicht nur in Flüchtlingsfragen. Avena engagiert sich ehrenamtlich für mehrere Projekte, die gegen die Mafia kämpfen. Auch die sei längst nicht mehr ein rein italienisches Phänomen, sondern auch eine Bedrohung für andere Staaten. Mit seinen Partnern organisiert er Reisen für junge Erwachsene aus anderen EU-Ländern nach Sizilien. Dort wohnen sie auf ehemaligen Mafia-Gütern und sprechen mit Menschen, die gegen die Mafia kämpfen oder Opfer der Organisation geworden sind. „Damit kann man sie auch für Mafia-Strukturen in Deutschland sensibilisieren. Leider wird immer noch unterschätzt, welche Bedeutung das Thema auch hier inzwischen hat.“ Die gleiche Freiheit, die es Avena erlaubt, dort zu leben, wo er für sich die besten Chancen sieht, bringt auch
Herausforderungen. „Das dürfen wir nicht unterschätzen. Aber letztlich sind die Vorteile viel größer als die Nachteile.“

Die Autorin ist freie Journalistin in Dresden.

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