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PROJEKTE
Susanne Kailitz
»Alles ist besser als Nichtstun«

Viele Flüchtlinge beschränken sich nicht mehr auf eine passive Rolle, sondern streiten aktiv für ihre Rechte

Sie wollen nicht länger hinnehmen, was sich anfühlt wie totale Entmündigung: das Leben in Sammelunterkünften, überlange Asylverfahren, Essenspakete und Isolation statt Integration. Seit gut zwei Jahren protestieren überall in Deutschland immer wieder Flüchtlinge gegen ihre Lebensumstände. In vielen Städten gab es Demonstrationen und sogar Hungerstreiks aus Protest gegen das deutsche Asylrecht.

Besonders publikumswirksam geschah das in Berlin: Hier errichteten Flüchtlinge vor zwei Jahren erst ein großes Camp aus Zelten und Bretterbuden im Zentrum der Stadt und besetzten kurze Zeit später ein leerstehendes Schulgebäude in Kreuzberg, über dessen Räumung der Bezirk monatelang mit den Besetzern verhandelte. Der Ausgang ist noch immer ungewiss.

Immer öfter ändert sich die Stoßrichtung der Aktivitäten: Die Flüchtlinge wollen nicht nur kurzfristige Aufmerksamkeit, sondern bemühen sich, mit der Bevölkerung ins Gespräch zu kommen.

So auch in Chemnitz. Hier lebte Shaghayegh Sahandi vier Monate lang im „big Lager“, wie sie die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge im Osten der Stadt nennt. Ihre Erinnerungen an diese Zeit sind nicht gut. „Es sieht von außen und von innen aus wie ein Gefängnis. Es ist ein Gefängnis“, sagt die 29-Jährige. Shaghayegh Sahandi ist Iranerin. Eigentlich war sie glücklich in ihrer Heimat. Bis klar wurde, dass ihr Ehemann Mesbah Mohammadi, ein junger Filmemacher, nicht würde bleiben können. Zu offen hatte er die politischen Zustände des Landes kritisiert und konnte schließlich der Verhaftung nur durch Flucht entgehen. Vor gut zwei Jahren floh erst er, sie folgte ihm wenige Monate später nach Deutschland, als die Repressionen der Religionswächter zunahmen und auch sie befürchten musste, verhaftet zu werden.

Ticket nach Teheran Monatelang lebten beide in Gemeinschaftsunterkünften, sie in Chemnitz, er im bayerischen Amberg. Die beiden Akademiker, die zu Hause zur intellektuellen Elite gehört hatten, litten unter den strikten Vorschriften des Asylrechts, die sie zur Untätigkeit verdammten. Das Paar kann viele Geschichten davon erzählen, was es heißt, Flüchtling in Deutschland zu sein: Von Verwaltungsmitarbeitern, die auf die Bitte, ein Essenspaket ohne Fleisch zu bekommen, den Tipp geben, sich im Müll etwas zu Essen zu besorgen. Von Sicherheitsleuten, die sich weigern, einen Krankenwagen zu rufen und den Flüchtlingen drohen, jeder, der das tue, müsse 500 Euro für den Einsatz aus eigener Tasche bezahlen. Von Angestellten in einer Ausländerbehörde, die als Reaktion auf eine Beschwerde anbieten, direkt ein Ticket nach Teheran zu buchen.

Sahandi und Mohammadi wollen, dass diese Geschichten sich nicht wiederholen. Gemeinsam mit anderen Flüchtlingen und lokalen Unterstützern haben sie in Chemnitz die Gruppe „Asylum Seekers Movement“ gegründet. Sie wollen zum einen die Flüchtlinge selbst über ihre Rechte aufklären; zum anderen in Kontakt mit einer Gesellschaft treten, in der viele Flüchtlinge ablehnen, aber noch nie im Leben mit ihnen gesprochen haben. Sie organisieren Diskussionsrunden, gemeinsame Mahlzeiten, Filmvorführungen. Und gerade erst haben sie eine Demonstration von 400 Menschen für die Rechte von Flüchtlingen auf die Beine gestellt. „Das ist ein großer Erfolg“, sagt Sahandi.

„Jeder Mensch hat die gleiche Würde und das Recht, menschenwürdig behandelt zu werden“, sagt Sahandi. Die Forderungen der Gruppe decken sich mit denen vieler anderer Initiativen: schnelle Bearbeitung von Asylanträgen, bessere Unterkünfte und eine bessere Integration, etwa durch Deutschkurse und eine erleichterte Arbeitssuche. Und vor allem erwarten sie mehr Respekt: „Niemand von uns wollte seine Heimat verlassen; aber in unseren Heimatländern ist Krieg oder die Kritik an der Regierung wird mit Folter und dem Tod geahndet. Dass wir dort nicht bleiben konnten, ist nicht unsere Schuld“, erläutert Sahandi. Sie beklagt, dass viele Deutsche glauben, alle Flüchtlinge hätten vollkommen mittellos in einem total zerstörten Staat gelebt und deshalb sei für sie nun alles besser als das. „Aber das gilt nicht für alle. Und selbst wenn es so wäre: Ist es dann in Ordnung, uns hier grundlegender Rechte zu beschneiden? Wir können nicht entscheiden, was wir essen, weil wir Essenspakete bekommen. Wir können nicht auswählen, was wir tragen, weil wir Kleidung bekommen. Wir können nicht bestimmen, wo wir leben wollen, weil es eine Residenzpflicht gibt. Es gibt keine Eigenständigkeit mehr, nur Ansagen und Entscheidungen anderer. Und das über Jahre hinweg. Das ist zermürbend“, sagt die Iranerin.

Buchhaltung statt putzen Einen Weg raus aus der verordneten Untätigkeit bietet auch ein Projekt in Hamburg. In der „Silent University“ etwa, einem Kunstprojekt des Künstlers Ahmet Ögüt, sollen Flüchtlinge mit akademischer Ausbildung das unterrichten, was sie zu Hause gelernt haben: Buchhaltung und Unternehmensführung zum Beispiel oder Kalligraphie. Das „zum Schweigen gebrachte Wissen“ der Migranten soll hierzulande genutzt werden, weil das sinnvoller sei, als wenn gut ausgebildete Iraner, Afghanen oder Syrer schwarz als Putzhilfen arbeiteten, so lautet das Ziel des Projekts. Über solche Chancen wären auch Sahandi und Mohammadi froh. Sie planen jetzt erst einmal weitere Aktionen, um ihr Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen. „Viele Landtagspolitiker haben unsere Demonstration unterstützt. Jetzt wollen wir mit ihnen beraten, was wir noch tun können, um auf unsere Situation aufmerksam zu machen. Alles ist besser als Nichtstun“, sagt Sahandi.

Die Autorin ist freie Journalistin in Dresden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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