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ARBEITSMIGRATION
Julian Burgert
Eine Chance auf eine berufliche Zukunft

Angesichts hoher Jugendarbeitslosigkeit bietet Deutschland vielen Jugendlichen eine berufliche Zukunft. Mit Folgen für ihre Heimatländer

Einwanderung nach Deutschland ist kein neues Phänomen, sie gab es bereits im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Aber erst in den 1950er und 1960er Jahren wurden im Zuge des Wirtschaftswunders Millionen Menschen aus ganz Europa und der Türkei als Gastarbeiter in die Bundesrepublik geholt. Seit der weltweiten Wirtschaftskrise und der anhaltenden Euro-Krise erhält die Arbeitsmigration nach Deutschland derzeit allerdings einen neuen Schub.

Hohe Zahl an Zuwanderern Nach Angaben des Statistischen Bundesamts kamen allein im Jahr 2013 rund 1,226 Millionen Menschen nach Deutschland, so viele wie seit 20 Jahren nicht mehr. Der Großteil davon stammte aus dem EU-Raum, nämlich circa 826.000 Personen. Angesicht ihrer krisengeschüttelten Heimatländer machen sie sich die europaweite Freizügigkeit zu Nutze und kommen in das wirtschaftlich stabilere Deutschland. Besonders für die Jungen ist das eine verlockende Option, schließlich ist ihren Ländern die Jugendarbeitslosigkeit noch einmal höher als die sonst schon so hohe Arbeitslosenquote. So lag die Arbeitslosigkeit der Personen von 18 bis 24 Jahren laut der europäischen Statistikbehörde Eurostat im Oktober 2014 EU-weit durchschnittlich bei 23,5 Prozent. Den höchsten Stand erreichte Spanien mit 53,8 Prozent, gefolgt von Griechenland mit 49,3 Prozent. In den anderen großen Krisenstaaten lag sie bei 43,3 Prozent (Italien), 33,3 Prozent (Portugal), und selbst im stabileren Frankreich bei 24,3 Prozent. Den niedrigsten Wert hat Deutschland mit 7,7 Prozent.

Viele Politiker und Experten sprechen in diesen Ländern deshalb bereits von einer „verlorenen Generation“. Im Juni 2014 beschlossen die Staats- und Regierungschefs der EU deshalb, in den kommenden zwei Jahren sechs Milliarden Euro mehr für die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit auszugeben. Schnelle Linderung wird das Geld allerdings nicht bringen, gaben die beteiligten Politiker zu. „Die große Zahl von Jugendarbeitslosen wieder in Arbeit zu bringen, wird eine Zeit dauern“, schätzte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Die hohe Jugendarbeitslosigkeit gerade in den südeuropäischen Krisenstaaten ist nach einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hauptsächlich strukturell bedingt und nicht von heute auf morgen lösbar. Zu wenig Geld für Schulen, praxisferne Ausbildungssysteme und falsche Weichenstellungen in der Arbeitsmarktpolitik nennen die Autoren der Studie als Gründe. Deshalb schlagen sie eine Reform der Bildungssysteme der Länder vor, was aber nur langfristig wirke. Kurzfristig könne es helfen, die „räumliche Mobilität“ der Jugendlichen zu erhöhen - beispielsweise, indem sie zum Arbeiten nach Deutschland kommen.

Das machen inzwischen viele. Laut Statistischen Bundesamt sind im Jahr 2013 insgesamt 266.000 Menschen zwischen 18 und 25 Jahren nach Deutschland gezogen. Davon kamen 161.000 aus den Mitgliedsstaaten der EU.

Um den Jugendlichen zu helfen, hat die Bundesregierung und die Europäische Union das Sonderprogramm „MobiPro-EU“ (siehe oben rechts) ins Leben gerufen. Es soll jungen EU-Bürger für eine Ausbildung oder ein Studium in Deutschland begeistern und damit die hohe Jugendarbeitslosigkeit in ihren Herkunftsländern lindern. Insgesamt hatten sich laut der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit (ZAV), die das Programm betreibt, über 9000 Teilnehmer beworben. Aufgrund der hohen Nachfrage habe das Programm Anfang 2014 pausieren müssen. Nun werde es allerdings weitergeführt, und zwar bis 2018, wenn auch mit einer zukünftig begrenzten Teilnehmerzahl.

Doch auch ohne solche Programme kommen Jugendliche nach Deutschland zum Arbeiten. Beispielsweise Mario De Luca und Chiara Colombo. Die beiden Italiener wollen in Deutschland beruflich Fuß fassen. Der 27-jährige Mario De Luca aus Rom hatte in seiner Heimat Pädagogik studiert, fand jedoch keine Stelle als Lehrer. Dann fasste er den Entschluss, nach Deutschland zu gehen. Zurzeit arbeitet De Luca in Berlin als Kellner, hält aber an seinem Berufsziel Lehrer fest. „Ich will hier an der Universität Lehramt für Italienisch studierten“, erklärt er. Dafür muss er allerdings erst einen Deutschtest ablegen, deshalb lernt er nebenher die Sprache.

Ähnlich wie ihm erging es Chiara Colombo aus Bologna. Die 26-Jährige hatte einen Bachelorabschluss in Wirtschaft gemacht und ging dann für einen Master in Online-Marketing nach London. „Nach meinem Masterabschluss habe ich dann zuerst dort nach einem Job gesucht“, sagt sie. Als das nicht klappte, versuchte sie es in Deutschland. Jetzt macht sie gerade ein sechsmonatiges Praktikum bei einem großen Internet-Start-up. „Die Chancen stehen gut, dass ich übernommen werde“, sagt sie, „ich würde sehr gerne hier bleiben.“ Nach Italien zurückzugehen will sie nicht. Viele ihrer Freunde sind ebenfalls weg. „Die meisten meiner Bekannten sind ins Ausland gegangen, viele schon zum Masterstudium. So wie ich ja auch.“ Es gebe zwar noch Jobs in ihrer Heimat, sagt sie, aber diese seien sehr schlecht bezahlt und rar.

Bessere Möglichkeiten Auch wer in seiner Heimat einen Job hat und nicht von der Krise betroffen ist, wird von der guten wirtschaftlichen Situation in Deutschland angelockt. „Ich bin nicht direkt wegen der Wirtschaftskrise nach Deutschland gekommen, aber hier gibt es einfach mehr und bessere Möglichkeiten, Geld zu verdienen“, sagt zum Beispiel Barry Lanigan. Der 32-jährige Ire arbeitet als Englisch-Trainer und Consultant. Er lebt seit einem Jahr in Deutschland. Er kennt viele sogenannte „Expats“, die nicht aus Not, sondern aufgrund der besseren Möglichkeiten und Bezahlung nach Deutschland gekommen sind. Sein Heimatland wurde allerdings schwer von der Wirtschaftskrise getroffen, viele Iren verloren ihre Jobs und Tausende emigrierten, wie schon ihre Väter und Vorväter im 19. Jahrhundert. Dabei sei Deutschland zwar ein beliebtes Ziel, sagt Barry, allerdings stünden englischsprachige Länder in der Priorität der Menschen klar vorne. Viele würden zum Arbeiten nach Kanada oder Neuseeland gehen. Die Arbeitslosenquote sei in Irland zwar zurückgegangen, sagt Barry, das läge aber hauptsächlich daran, dass so viele Menschen emigriert seien.

Folgen der Auswanderung Menschen wie De Luca, Colombo oder Lanigan fehlen ihren Herkunftsländern, was weitere negativen Folgen für die Staaten hat. In diesem Zusammenhang wird gerne von einem sogenannten „Brain-Drain“ gesprochen, bei dem sehr gut ausgebildete Arbeitskräfte ihre Heimat verlassen und ihr Herkunftsland damit auch deren Wissen und Erfahrung verliert. Zudem schrumpft in den betroffenen Ländern durch die Abwanderung die Bevölkerung. Für viele Staaten, die, wie beispielsweise Italien, über eine noch niedrigere Geburtenrate wie Deutschland verfügen, macht es das noch einmal schwieriger, den demografischen Wandel zu meistern. Zumal die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass sich gerade junge Menschen im Ausland niederlassen und eine Familie gründen. Allerdings erwerben Auswanderer in der Ferne auch neues Wissen, das dann dem Heimatland zu Gute kommt („Brain-Gain“), schließlich ist die Möglichkeit der Rückkehr nie ausgeschlossen. Die langfristigen Folgen der derzeitigen Migration nach Deutschland lassen sich zwar noch nicht abschätzen, für die Jugendlichen aber bietet sie eine Chance auf eine berufliche Zukunft.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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