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EDITORIAL
Jörg Biallas
Bedrohung vom Mars


Die Debatte um den Umgang mit Migration dreht sich in Deutschland seit Wochen um eine eigentümliche Bewegung, die sich martialisch „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ nennt. Diese Gruppierung ist eine bemerkenswerte Mischung aus Rechtsextremisten und Zuwanderungsgegnern, aber auch finanzknappen Rentnern, Arbeitslosen, also Menschen, die sich an den sozialen Rand gedrängt fühlen, bis hin, ja, auch die gibt es in den Protestzügen, Gegnern der Pkw-Maut. Also all jene, die sich unter der nur diffus zu definierenden Rubrik „Politikverdrossenheit“ zusammenfassen lassen.

Politiker aller Parteien bemühen sich um den Eindruck, dass die Sorgen und Nöte dieser Bürger ernst genommen werden müssten. Das ist richtig. Jedenfalls so lange es um den Teil der Demonstranten geht, die nicht dem neonazistischen Spektrum zuzuordnen sind.

Aber auch diesen Menschen muss gesagt werden: Wer mit bekennenden Rechtsradikalen auf die Straße geht, macht sich mit deren Sache gemein. Und: Gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ zu kämpfen, ist ähnlich plausibel, wie vor einer Besetzung des Berliner Regierungsviertels durch Marsmenschen zu warnen.

Gut, dass der Umgang mit Flüchtlingen, die Hilfe für Migranten dieses Spektakel in Dresden und anderswo jeden Tag mannigfach Lügen strafen. Die ganz überwiegende Zahl der Deutschen findet es richtig und notwendig, Menschen in Not zu helfen. Diese Not hat viele Gesichter: politische Verfolgung, Hunger und Armut, aber auch Zukunftsangst, weil in der Heimat eine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt fehlt.

Gewiss, Deutschland kann das Elend der Welt nicht allein lösen. Aber wir können und müssen bereit sein, uns im Zusammenspiel mit den anderen europäischen Einwanderungsländern in dieser Frage effektiver zu organisieren. Selbsternannte „Patrioten“, die verkennen, dass letztlich nur Zuwanderung die Probleme des demografischen Wandels lösen kann, sind keine „Europäer“. Sie bereiten lediglich dem Rechtspopulismus den Weg auf die politische Bühne.

Was in anderen europäischen Nationen längst zu besichtigen ist, war in Deutschland – nicht zuletzt aus historischen Gründen – bisher weitgehend tabu. Demokraten aller Couleur muss daran gelegen sein, dass das so bleibt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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