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Ortstermin: Beim »Nachrichtenwerk« in Fulda
Sören Christian Reimer
Hier entsteht »leicht erklärt!«

Vier Frauen sitzen in einem Büro an zwei zusammengeschobenen Tischen und lesen. Vor ihnen liegt ein Entwurf der aktuellen Ausgabe "leicht erklärt!" zum Kyoto-Protokoll, die der Zeitung "Das Parlament" beiliegt. Mit Textmarkern markiert die eine mehr, die andere weniger. Etwas abseits davon steht Bastian Ludwig und wartet auf das Urteil der Leserinnen. Ulrike Guhr, Annika Klüh, Sarah Otterbein und Julia Hübner bewerten, ob der von Ludwig verfasste Text verständlich ist, ob genug erklärt wird und ob die Zusammenhänge klar sind. Das sollte Anspruch eines jeden Journalisten sein. Doch Ludwig schreibt für eine besondere Zielgruppe, die vermeintlich normale Zeitungstexte häufig nicht verstehen kann.

Produziert wird "leicht erklärt!" im "NachrichtenWerk" (www.nachrichtenwerk.de) des Antoniusheims im hessischen Fulda. Das Netzwerk Antoniusheim, das von bürgerlichem Engagement getragen wird, fördert die Inklusion von Menschen mit Lern- beziehungsweise geistiger Behinderung etwa in Bereichen der Arbeit, der Ausbildung und des Wohnens. Auf dem weitläufigen Gelände gibt es unter anderem Schulen, eine integrative Kita, eine Gärtnerei und handwerkliche Betriebe. Zurzeit leben dort 312 Menschen in unterschiedlichen Wohnformen. Zudem bietet das Antoniusheim insgesamt zirka 1.000 Arbeits- und 30 Ausbildungsplätze. Teilhabe zu ermöglichen ist dem Geschäftsführer der Stiftung, Rainer Sippel, ein großes Anliegen. Dazu müssten Barrieren abgebaut werden. "Für Menschen mit Lern- oder geistiger Behinderung ist häufig Sprache einer dieser Barrieren", sagt Sippel.

Um "informationelle Barrierefreiheit" zu ermöglichen, verfasst Ludwig die Texte für "leicht erklärt!" in Leichter Sprache. Das liest sich anders als gewöhnlicher Zeitungstext, hilft aber etwa Menschen mit Lernschwierigkeiten, Analphabeten oder Nicht-Muttersprachlern beim Textverständnis. Die Sprache setze vor allem auf die Vermittlung von Information, sagt Ludwig, "denn man braucht Informationen, um mitzumachen". Knapp 40 Regeln gibt es für die Leichte Sprache. Vorgeschlagen wird zum Beispiel, auf den Genitiv sowie komplizierte Wörter zu verzichten. Sätze sollen sehr kurz gehalten werden und immer nur eine Information vermitteln. Auch beim Layout und bei der Bebilderung wird auf maximale Verständlichkeit und klare Gliederung gesetzt. "Die Leichte Sprache ist keine akademische Erfindung, sondern orientiert sich an den Bedürfnissen der Zielgruppen", betont der studierte Deutsch-, Erdkunde- und Geschichtslehrer.

Das gilt auch für den Inhalt des Textes. Für jede Ausgabe arbeitet sich Ludwig innerhalb kürzester Zeit in die Materie ein, kondensiert die Informationen und überlegt, was er wie umfänglich erklären muss. Dann geht es ans Schreiben und schließlich wird intensiv geprüft. Die Prüf-Gruppe, die aus Bewohnern und Mitarbeitern des Antoniusheims besteht, entscheidet, ob ein Text funktioniert oder nochmal überarbeitet werden muss. Das könne auch dazu führen, dass beispielsweise nochmal zwei von vier Seiten neu geschrieben werden müssten, sagt Ludwig.

Auch bei der Kyoto-Ausgabe gibt es Nachbesserungsbedarf. Annika Klüh stört sich an dem Wort "Konferenz": "Ich habe das Wort zwar schon gehört, aber verstanden habe ich das nicht." Ludwig nickt und notiert sich den Einwand. Die Erklärung im Text dazu reiche offenbar noch nicht aus. "Wir müssen das nochmal angehen", sagt er.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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