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NORWEGEN
Clemens Bomsdorf
Brokkoli und Makrelen

Hoch im Norden auf der Inselgruppe Spitzbergen sind die Auswirkungen des Klimawandels deutlich spürbar

Weiß und Blau dominieren die Landschaft, die auf dem letzten Streckenabschnitt beim Anflug auf die norwegische Inselgruppe Spitzbergen zu sehen ist. Von hier sind es 2.000 Kilometer bis Oslo und nur 1.300 Kilometer bis zum Nordpol. Dunkelblau ist das Meer, hellblau der Himmel und schneebedeckt sind die Berge der Arktis - auch im Sommer.

Für den Laien scheint es deshalb so, als sei im hohen Norden Europas alles in Ordnung - vom Klimawandel keine Spur. Schließlich sieht es auch im Sommer so winterlich aus, wie es von arktischen Gefilden erwartet wird. Doch der Klimawandel ist Realität, betont Kim Holmén, internationaler Direktor des Norwegischen Polarinstituts, das in Longyearbyen angesiedelt ist.

Mit seinem Rauschebart und der bequemen Kleidung sieht der schwedische Forscher aus wie die Idealbesetzung für einen Mann in dieser Position. Ob bewusst oder unbewusst - auch äußerlich signalisiert er: Hier geht es nicht um smartes Marketing, sondern um die Natur.

Geduldig erklärt Holmén seit Jahren immer wieder Journalisten, Politikern und anderen Forschern, was sich um den Nordpol herum tut, vor allem zwischen dem 74. und 81. Grad nördlicher Breite und dem 10. und 35. Östlicher Länge - nämlich auf Spitzbergen.

"In der arktischen Region passiert viel und Spitzbergen ist der richtige Ort, um das alles zu sehen", sagt Holmén. Vor zwei Jahren rechneten Forscher in PNAS, der Zeitschrift der Nationalen Akademie der Wissenschaft in den USA, vor, dass die Arktis in rund 30 Jahren jedes Jahr eine gewisse Zeit eisfrei sein könnte. Für die Wirtschaft Spitzbergens könnte der Klimawandel damit sogar gute Seiten haben. "In ein paar Jahrzehnten wird es möglich sein, die Schiffsroute von Rotterdam nach Yokohama um 14 Tage zu verkürzen", sagt etwa Ole Arve Misund, Direktor des örtlichen Universitätszentrums. Dann nämlich könnte die Fahrt an Spitzbergen und Nordrussland vorbei führen. "Ein Hafen auf Spitzbergen soll dann als Servicehafen ausgebaut werden", erklärt Misund. Und das bedeutet neue Arbeitsplätze.

Polarforscher Holmén hat Spitzbergen 1988 das erste Mal besucht und arbeitet seit zehn Jahren beim Norwegischen Polarinstitut. Er kennt die Region daher wie nur wenige und kann anschaulich erzählen, wie sie sich verändert. "Der große Fjord vor Longyearbyen ist diesen Winter nicht zugefroren und in den vergangenen sieben Jahren nur ein einziges Mal", beschreibt Holmén, was er in der jüngeren Vergangenheit mit dem bloßen Auge feststellen konnte, wenn er im Winter auf das Meer vor der Stadt schaute.

Wer die auf Spitzbergen lebenden Menschen nach den sichtbaren Auswirkungen des Klimawandels fragt, bekommt ebenfalls immer wieder zu hören, dass mehrere örtliche Fjorde im Winter nicht mehr jedes Jahr zufrieren. Viele erzählen aber auch von den Fischen. "Vor zwei Jahren hatten wir hier außerhalb der Bucht das erste Mal Makrelen, ein Fisch, der üblicherweise im so kalten Norden bisher nicht vorkommt", sagt Holmén.

Longyearbyen ist der nördlichste unter den größeren dauerhaft besiedelten Orten und Zentrum der Inselgruppe. Sie hat nur rund 2.500 Einwohner, ist aber mehr als 61.000 Quadratkilometer groß und damit etwas kleiner als Bayern, Deutschlands flächenmäßig größtes Bundesland. Rund 60 Prozent der Oberfläche sind von Gletschern bedeckt.

Über einige davon geht es auf dem Weg nach Ny Ålesund mit einem Flieger, der kaum größer ist als ein VW-Bus. Dort, wo früher einmal Kohle gefördert wurde, untersuchen Forscher jetzt, wozu die massenweise Verbrennung dieses fossilen Brennstoffs geführt hat.

Auch in Ny Ålesund ist das ausbleibende Eis eines der sichtbarsten Zeichen der Erderwärmung. "Bis 2006 war der Fjord mit Eis bedeckt, seither nur noch einmal in 2011. Und die Gletscher schmelzen dahin", sagt Åsne Dolve Meyer. Die Norwegerin betreut die internationale Forschungscommunity hier oben. Auch sie erzählt von den neuen Fischschwärmen, die jetzt zu beobachten sind, weil das Wasser wärmer geworden ist. Fischer haben deshalb Chancen auf einen ertragreicheren Fang.

Gemüseanbau in Grönland Auch in Grönland, das erheblich größer als Spitzbergen ist und sich sowohl südlicher als auch nördlicher ausbreitet, hat der Klimawandel durchaus Vorteile. So erlaubt die höhere Durchschnittstemperatur inzwischen den Anbau von Gemüse wie Gurken und Brokkoli. Die Ernte kann einen Teil der teuren Importe ersetzen. "Nicht ist so schlimm, dass es nicht für irgendetwas gut ist," hatte deshalb schon vor Jahren der grönländische Spitzenpolitiker Josef Motzfeld die Lage seines Landes beschrieben und diese Bewertung passt weiterhin. "Das wärmere Klima in Folge der globalen Erwärmung bedeutet mehr Weideflächen und es hat dazu geführt, dass Kartoffeln und Gemüse besonders nach dem Jahr 2000 bei grönländischen Bauern stark verbreitet sind", heißt es bei der grönländischen Landwirtschaftsorganisation Nunalerinermut Siunnersorteqarfik.

Doch die negativen Seiten des Klimawandels sind für Mensch und Tier ebenfalls spürbar. So trägt das Abschmelzen der arktischen Gletscher entscheidend zum Anstieg des Meeresspiegels bei - eine Bedrohung für Hunderte Küstenstädte weltweit. Außerdem gefährdet die Erderwärmung den Lebensraum vieler Tiere, darunter den des Narwals, der zwischen Spitzbergen und Grönland sowie im Rest des Arktischen Ozeans lebt. Auch Robben ziehen sich teilweise weiter gen Norden zurück. Den Ureinwohnern Kanadas und Grönlands, den Inuit, wird damit ein Teil ihrer Lebensgrundlage entzogen. Ein großes Problem ist zudem das schwindende Packeis: Die Inuit können dadurch nur noch wenige Wochen im Jahr mit dem Schlitten zur Jagd fahren. Eisbären wird die Jagd auf Robben, ihrem Hauptnahrungsmittel, stark erschwert. Wissenschaftler haben jüngst entdeckt, dass sich Eisbären sogar gegenseitig auffressen - offenbar kommt ihnen die Nahrung abhanden. Ein völlig neues Phänomen in 40 Jahren Eisbärenforschung.

In Ny Ålesund auf Spitzbergen arbeiten hunderte Forscher aus diversen Nationen. Sie beobachten den Rückgang der Gletscher, messen Temperatur und andere Wetterdaten und den Ozongehalt. Das deutsche Alfred-Wegener-Institut (AWI, siehe Stichwortkasten) registriert täglich die Temperatur in zwei Metern Höhe und schickt Wetterballons in die Luft. "Wir messen seit 1993 am Boden und haben festgestellt, dass die Durchschnittstemperatur pro Jahrzehnt um 1,3 Grad gestiegen ist, im Winter sogar um mehr als drei Grad", sagt Marion Maturilli, Klimawissenschaftlerin am AWI. Ältere norwegische Messungen zeigen, dass es auch in den 1930er-Jahren wärmere Perioden gegeben hat. "Aber dieser Anstieg übertrifft diese. Das deutet auf Klimaveränderungen hin", urteilt die Forscherin.

Norwegen hat die Bedrohung erkannt und gehört zur so genannten Green Growth Group der besonders ambitionierten europäischer Länder beim Kampf gegen die Erderwärmung. Der norwegische Strom wird überwiegend aus Wasserkraft gewonnen. Und der Staatsfonds, der größte der Welt, darf nicht länger in klimaschädliche Unternehmungen investieren. Doch die Klimapolitik Oslos ist ein Paradox: Denn das Land ist nach wie vor einer der größten Ölexporteure weltweit. Und auf Spitzbergen wird weiter Kohle gefördert.

Der Autor ist freier Nordeuropa-Korrespondent.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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