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ERDERWÄRMUNG
Christoph Seidler
Kohlensäure im Ozean

Meere versauern, Wälder sterben und Tiere finden keine Nahrung mehr

Egal ob am Mauna-Loa-Observatorium auf Hawaii oder an der Forschungsstation Ny-Ålesund auf Spitzbergen: Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre steigt - mit jahreszeitlichen Schwankungen - rapide. Der symbolische Schwellenwert von 400 ppm CO2 (parts per million) in der Luft ist vielerorts längst geknackt. Doch was bedeutet das für einzelne Bereiche der Erdsystems?

Betroffen sind zum Beispiel die Ozeane, die rund ein Drittel des ausgestoßenen Kohlendioxids aufnehmen - und dadurch immer saurer werden. Stichwort: Kohlensäure. Experten schätzen, dass der durchschnittliche pH-Wert der Ozeane bis 2050 um etwa 0,26 Einheiten unter die Werte der vorindustriellen Zeit fällt. Vor allem für Korallen, Austern und andere Krustentiere ist das ein Problem, weil die Säure ihre kalkhaltigen Schalen angreift. Tückisch ist auch, dass Wasser bei niedriger Temperatur und niedrigem Salzgehalt besonders viel CO2 aufnimmt. Daher sind die Polargebiete am stärksten von der Versauerung betroffen.

An mehr Kohlensäure können sich manche Arten womöglich noch anpassen, doch das ist nicht das einzige Problem: Die obersten Ozeanschichten erwärmen sich seit den 1970er-Jahren um durchschnittlich 0,1 Grad pro Jahrzehnt. Dadurch kann weniger Sauerstoff gelöst werden und sogenannte Todeszonen im Tiefenwasser wachsen. Das ist zum Beispiel in der Ostsee der Fall. Fische und Planktonorganismen leiden massiv, während nur wenige Arten, etwa Quallen, profitieren.

Neben den Ozeanen nehmen auch die Wälder große Mengen CO2 auf. Doch wie lange sie diese Funktion noch wahrnehmen können, ist unklar. So dürften steigende Durchschnittstemperaturen auch dafür sorgen, dass Waldböden mehr CO2 freisetzen - weil Bakterien und Pilze organisches Material schneller zersetzen. Das Klima wird zwar nicht der einzige Grund sein, dass massive Waldverluste zum Beispiel im Amazonas drohen. Regenmangel, gezielte Rodung und Waldbrände zusammen könnten jedoch eine fatale Wirkung entfalten.

Auch die Artenvielfalt wird durch die Erwärmung der Erde negativ beeinflusst. Der Eisbär, eine Art Symbolfigur des Klimawandels, hat zum Beispiel massive Probleme bei der Nahrungssuche, denn mit dem Eis der Arktis verschwinden auch die dort lebenden Robben. Außerdem verschieben sich die Lebensräume vieler Spezies. So hat sich die Makrele im Nordostatlantik neue Futtergründe gesucht, was zu einem handfesten Streit zwischen Island, Norwegen und der EU führte. Wo die Fische einst zu Hause waren, sind kaum mehr welche zu finden. Stattdessen tauchen sie an anderen Stellen auf - und neue Fischereiregeln müssen her.

Auf der "Roten Liste" der Weltnaturschutzunion IUCN stehen aktuell 22.784 Arten. Doch der Weltklimarat IPCC berichtet, dass bisher - wenn überhaupt - nur wenige Spezies direkt bedingt durch die Erderwärmung verschwunden sind. In der Zukunft ist den Forschern zufolge aber mit einem "erhöhten Risiko" eines Artensterbens zu rechnen, das ursächlich im Zusammenhang mit dem Klimawandel steht - zusammen mit anderen Faktoren wie Übernutzung und Umweltverschmutzung. Eine genaue Prognose ist schwer. Klar scheint aber: Je stärker und schneller der Klimawandel ausfällt, desto größer sind die Risiken für die Biodiversität. Viele Arten werden sich anpassen können. So ernähren sich manche Eisbären inzwischen von Gänsen statt von Robben. Doch andere Spezies - zum Beispiel kleine Säugetiere - werden größere Probleme haben, sich an den Klimawandel anzupassen.

Der Autor ist Wissenschaftsredakteur bei "SPIEGEL ONLINE".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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