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ENERGIEWENDE
Richard Fuchs
Gebremste Dynamik

Der Anteil der erneuerbaren Energien wächst. Doch zentrale Weichen für die Zukunft sind noch nicht gestellt

Deutschland ist dabei, die Energiewende nachzujustieren. Und das in einer Phase, in der der Schwung der ersten Jahre beim Ausbau der erneuerbaren Energien bei vielen einer gewissen Ernüchterung gewichen ist. Denn vier Jahre nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima und damit vier Jahre nach dem Beschluss der Bundesregierung, bis zum Jahr 2022 alle Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz zu nehmen, dominieren nicht mehr allein die Ausbaurekorde bei Wind- und Sonnenenergie die Debatte - wenngleich das Tempo, mit dem Windräder, Solarparks und Biomasse-Anlagen konventionelle Großkraftwerke vom Strommarkt verdrängen, nach wie vor beeindruckend ist: 2014 wurden die erneuerbaren Energien erstmals wichtigster Stromerzeuger in Deutschland, vor Kohle- und Atomkraftwerken, betont Professor Andreas Löschel von der Universität Münster. Er begleitet die Umsetzung der Energiewende als Vorsitzender der Monitoring-Kommission der Bundesregierung. Löschels Urteil: "Beim Ausbau der erneuerbaren Energien sind wir auf Zielkurs." So stieg der Anteil des Ökostroms am Energiemix hierzulande auf rund 26 Prozent - eine Steigerung um 1,8 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr. Besonders stark wurde zuletzt in den Zubau von Windrädern investiert, weniger dynamisch lief es dagegen im Photovoltaiksektor.

Viele lose Enden Doch bei einem zentralen Anliegen der Energiewende, nämlich der Reduktion der Kohlendioxid-Emissionen, die bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 gesenkt werden sollen, hakt es. Bis dato klaffte hier eine Lücke von 22 Millionen Tonnen CO2, die noch zusätzlich eingespart werden müssen, um das nationale Klimaschutzziel zu erreichen. Der Grund: Obwohl die Erneuerbaren den Strommarkt inzwischen dominieren, bleiben auch Braunkohlekraftwerke mit einem Viertel der Stromproduktion eine wichtige und besonders klimaschädliche Stromquelle (siehe Beitrag unten). Diese Tatsache beschäftigte Anfang Juli einen Koalitionsgipfel von Union und SPD im Kanzleramt, bei dem die "losen Enden der Energiewende" zusammengeführt werden sollten, wie Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) versprach. Das Ergebnis: 13 Prozent der Braunkohle-Kraftwerke werden in eine Reserve überführt, die nach vier Jahren stillgelegt werden soll. Zusätzlich soll eine gezielte Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) weitere CO2-Einsparungen erbringen, ebenso wie Einzelmaßnahmen zur Effizienzsteigerung im Gebäudebereich. Während Wirtschaftsverbände den Kompromiss als Durchbruch beim "Entscheidungsstau" feierten, warnen besonders Umweltverbände davor, dass die jetzt beschlossenen Maßnahmen zu kleinteilig seien, um das angestrebte Reduktionsziel zu erreichen. Die Oppositionsparteien werfen der Regierung vor, im Jahr der Klimaverhandlungen von Paris die eigene Vorreiterrolle im Klimaschutz zu gefährden. Zudem weisen Bündnis 90/Die Grünen und die Linkspartei auf die Mehrkosten hin, die auf Stromkunden zukommen würden, wenn sie den Energiekonzernen das Abwracken klimaschädlicher Braunkohlemeiler finanzieren müssten.

Beim Netzausbau - dem bisherigen Nadelöhr der Energiewende - vereinbarten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Gabriel und der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) einen Kompromiss. Er sieht vor, dass die unterirdische Verlegung von Gleichstromtrassen, also den Autobahnen unter den Höchstspannungsleitungen, zum Regelfall werden soll. Das sei - trotz möglicherweise mehr als dreifach höherer Kosten im Vergleich zum Bau von Freileitungen - eine richtige Entscheidung, heißt es im Koalitionsbeschluss: "Die Mehrkosten sind gerechtfertigt, da die Maßnahme zu mehr Akzeptanz und zu einem schnelleren Ausbau führt". Entlang der geplanten Stromautobahnen hatte es in den vergangenen Monaten vor allem in Bayern heftige Proteste gegeben. Seehofer feierte den Kompromiss deshalb als Sieg über die "Monstertrassen". Die vier großen Übertragungsnetzbetreiber sprachen sich in einem Brandbrief an die Bundesnetzagentur jedoch gegen den Vorrang der Erdverkabelung aus. Er bringe unabsehbare technische Hürden und möglicherweise ausufernde Kosten mit sich, warnten sie. Und auch Professor Löschel ist skeptisch: "Ich glaube den Bekundungen nicht, dass wir im Netzausbau jetzt schnell vorankommen."

Strommarkt 2.0 Ein schnelles Vorankommen dürfte es wohl auch bei einem weiteren zentralen Baustein der Energiewende kaum geben. Anfang Juli legte das Bundeswirtschaftsministerium sein lange erwartetes Weißbuch zum Strommarkt der Zukunft vor. Staatssekretär Rainer Baake erklärte bei der Vorstellung des Konzepts "Strommarkt 2.0": "Nachdem wir die erneuerbaren Energien in der ersten Phase der Energiewende erfolgreich zur tragenden Säule der Stromversorgung in Deutschland entwickelt haben, gilt es nun, den Strommarkt fit für die Aufnahme hoher Anteile von Wind- und Sonnenstrom zu machen."

In ihrem Weißbuch schlägt die Bundesregierung im Grundsatz vor, die Netzstabilität und Versorgungssicherheit nicht durch das Vorhalten teurer Reservekraftwerks-Kapazitäten zu garantieren, sondern durch die weitere Verbesserung von Stromverkauf und Stromtransport über Ländergrenzen hinweg. Bereits im Oktober soll der Entwurf des neuen Strommarktgesetzes im Kabinett beschlossen werden, bis Frühling 2016 könnte das Gesetzgebungsverfahren abgeschlossen sein. Kritiker heben hervor, dass der Klima-Kompromiss, der das Einrichten einer Reserve von Braunkohle-Kraftwerken vorsieht, bereits den ersten Verstoß gegen dieses neue Strommarktdesign darstellt. Das könnte die Beratungen über das Gesetz verzögern.

Sorgenkinder der Energiewende bleiben zwei Sektoren, bei denen besonders viel Treibhausgase ausgestoßen werden: die Wärmeerzeugung im Gebäudesektor und der Verkehrsbereich. Gerade einmal zehn Prozent der Heizenergie und nur 5,5 Prozent jedes gefahrenen Kilometers werden hierzulande mit Ökoenergie bewerkstelligt. Auch im Bereich der Energieeffizienz sind weitere Anstrengungen nötig, um wie geplant bis zum Jahr 2020 den Primärenergieverbrauch um 20 Prozent gegenüber 2008 zu senken. Nach aktuellem Stand, so die Monitoring-Kommission der Bundesregierung, würde der Energieverbrauch bis 2020 gerade einmal um rund zehn Prozent sinken. Um die Lücke zu schließen, sollen im Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz (NAPE) all jene Maßnahmen zusammengefasst werden, die zur Steigerung der Energieeffizienz beitragen (siehe Seite 8). Finanziert werden sollen unter anderem Investitionen in die energetische Gebäudesanierung und Sonderabschreibungen für gewerblich genutzte Elektrofahrzeuge. Der Handlungsdruck ist groß: Nach Schätzungen der bundeseigenen KfW Bankengruppe sind Investitionen von 840 Milliarden Euro nötig, um bis 2050 einen klimaneutralen Gebäudebestand in Deutschland zu erreichen.

Der Autor arbeitet als freier Korrespondent in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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