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CHINA
Christiane Kühl
Smog als Anreiz zum Umdenken

Die Regierung will die Luftverschmutzung eingrenzen und den Kohleverbrauch drosseln

Die Zwischenwände sind aus altem Palettenholz, die Büros lichtdurchflutet: Erst vor kurzem ist Greenpeace in die neuen Räume in der Pekinger Innenstadt gezogen - das alte Büro wurde zu klein. Mehr als 80 Menschen arbeiten hier, und elf von ihnen widmen sich hauptamtlich dem Klimawandel. Allerdings werden hier keine Banner gemalt, die jungen Mitarbeiter sitzen konzentriert am Bildschirm. "Unsere Stärke ist Forschung und Expertise", sagt Li Yan, Leiterin der Klimakampagne. Ihr Team hat - oft in Kooperation mit chinesischen Forschungsstellen - diverse Studien erstellt zu den Auswirkungen des Klimawandels auf China oder die Schäden durch Kohleverbrennung. 66 Prozent der Primärenergie Chinas stammen aus Kohle, was die Hauptursache ist für Luftverschmutzung und den hohen Ausstoß von Treibhausgasen: China ist seit 2006 in absoluten Zahlen Emissionsweltmeister. Doch nun deutet sich eine Wende an. 2014 ging der Kohleverbrauch in China erstmals zurück, um 2,9 Prozent auf unter vier Milliarden Tonnen. In den drei wichtigsten Wirtschaftsregionen um Peking und Shanghai und im Perlflussdelta ist der Bau neuer Kohlekraftwerke verboten. Acht Provinzen haben konkrete Reduktionsziele beschlossen. "Die goldenen Jahre der Kohle scheinen vorbei zu sein", sagt Li Yan.

Anhaltende Dürren Tatsächlich vollzieht sich in China ein allmählicher Wandel. Stand noch vor wenigen Jahren ein hohes Wirtschaftswachstum an der Spitze der politischen Agenda, haben Luftverschmutzung und klimatische Probleme wie anhaltende Dürren für ein Umdenken gesorgt. Ministerpräsident Li Keqiang hat einen "Krieg gegen die Luftverschmutzung" ausgerufen. Präsident Xi Jinping kündigte Ende 2014 bei einem Treffen mit seinem US-Amtskollegen Barack Obama an, dass Chinas Treibhausgas-Emissionen ab 2030 sinken werden. Unlängst gab Li Keqiang die Ziele für die UN-Klimakonferenz in Paris bekannt: Demnach sollen Chinas Emissionen pro Einheit der Wirtschaftsleistung bis 2030 um 60 bis 65 Prozent gegenüber 2005 sinken. Das bedeutet nach Schätzungen eine jährliche Senkung um 3,6 bis 4,1 Prozent. 2014 lagen die Emissionen pro Einheit des Bruttoinlandsprodukts um 33,8 Prozent unter dem Niveau von 2005. Aufgrund der Kohle-Trendwende erwarten Nicholas Stern und Fergus Green vom Grantham Research Institute on Climate Change and the Environment an der London School of Economics and Political Science, dass China den Emissions-Gipfel schon 2025 erreichen wird. "Es wäre sogar möglich, dass es noch früher ist", schreiben sie in einer Studie. Stern und Green sehen das öffentliche Ziel 2030 als "konservative Obergrenze."

"Durch das Absinken des Kohleverbrauchs in China hat sich global ein völlig anderes Szenario aufgetan als noch vor ein oder zwei Jahren", sagt Li Shuo, Kollege von Li Yan und Autor einer Greenpeace-Studie zum Ende des chinesischen Kohlebooms. Laut einem Bericht der Internationalen Energie-Agentur (IEA) sind 2014 die Energie-bezogenen Kohlendioxid-Emissionen nicht gestiegen. "Es ist das erste Mal, dass dies ohne eine akute Wirtschaftskrise der Fall ist", sagt Li Shuo. Das habe alle Beobachter völlig überrascht.

Ungefilterte Dreckluft Im Ringen um den Kohleverbrauch spielen Provinzregierungen eine wichtige Rolle. Nach dem als "Airpokalypse" in die Geschichte eingegangenen Rekordsmog über Nordchina vom Januar 2013 "hörten wir, dass die Zentralregierung eine Task Force unter Führung von Li Keqiang gebildet hatte und mit den Lokalregierungen über den Kampf gegen die Luftverschmutzung verhandelte", erinnert sich Li Yan. "Einige Provinzen leisteten Widerstand. Wir beschlossen damals, uns für einige Monate auf diese Provinzen zu konzentrieren." Vor allem durch Aufklärung: In der Peking umgebenden Schwerindustrie-Provinz Hebei etwa verbreitete Greenpeace Forschungsergebnisse zu Auswirkungen der aus Schornsteinen ungefiltert entweichenden Dreckluft auf die Gesundheit der Bevölkerung. Auch gaben sie dem Umweltministerium Material an die Hand. Im September 2013 wurde der nationale "Aktionsplan zur Vermeidung und Kontrolle von Luftverschmutzung" beschlossen, der eine Abkehr von der Kohle vorsieht. "Es ist nie einfach zu sagen, wie groß unser Beitrag ist", sagt Li bescheiden. "Auf jeden Fall liefern unsere Studien jenen Behörden, die auch für den Klimaschutz arbeiten, fundierte Argumente."

Es ist ein Vorteil, dass Initiativen gegen die Luftverschmutzung meist auch dem Klima helfen: Dreckige Luft rangiert auf der Prioritätenliste der Bürger deutlich höher als der Klimawandel - der Anreiz lokaler Politiker, hier aktiv zu werden, ist daher groß. Zudem seien Erfolge wie die Senkung von Feinstaub heute wichtige Kriterien zur Beförderung lokaler Funktionäre, sagt Guan Dabo, Experte für Chinas Umweltpolitik an der University of East Anglia. Klimaschutz rangiere - noch - etwas weiter hinten. In der von Smog umnebelten Hauptstadt Peking etwa werden seit 2010 alle Kohlekraftwerke auf Gas umgestellt. Das letzte sei Ende 2015 dran, sagt Guan. Zuvor hatte die Stadt bereits die Wärmeversorgung von Kohle auf Gas umgestellt. Ein weiterer Vorteil für das Klima ist das langsamere Wachstum der Wirtschaft von zuletzt noch rund sieben Prozent. Da Peking parallel die Wirtschaftsstruktur hin zu mehr Konsumprodukten und Dienstleistungen umbaut, wächst die Schwerindustrie langsamer - im ersten Quartal 2015 schrumpfte sie sogar. Das drosselt die Nachfrage nach Kokskohle für die Stahlindustrie.

Bisher ist der Kohleverbrauch also vor allem auf Anweisung der Regierung rückläufig. "Die wirkliche Lösung sollte aber auf Marktprinzipien basieren und der chinesischen Industrie Anreize setzen, ihre Anlagen aufzuwerten", sagt Lu Lunyan, Direktor des Klimaprogramms beim World Wide Fund for Nature (WWF). In jedem Fall muss China die erneuerbaren Energien ausbauen, um die Emissionen zu senken. Nicht-fossile Brennstoffe sollen bis Ende des Jahres 11,4 Prozent zum Energiemix beitragen - inklusive Atomkraft. 2013 waren es knapp zehn Prozent. Laut einer aktuellen Studie investierte China 2014 83,3 Milliarden US-Dollar in erneuerbare Energien, rund 20 Milliarden mehr als 2013. China hat mehr Anlagen als jedes andere Land. Bis 2020 soll die Kapazität von Wasser- und Windkraft sowie Solarenergie nach Regierungsplänen je bei 350 Gigawatt (GW), 200 GW und 100 GW liegen. Die Kapazität der Windanlagen lag laut dem chinesischen Windenergieverband CWEA Mitte 2014 bei 99 GW. Doch rund 20 Prozent davon bleiben ungenutzt, sagt Li Shuo. Das liege an Schwächen der Stromnetze, aber auch an falschen Strukturen, die einst auf Kohlekraft ausgerichtet wurden.

Unternehmer bemühen sich derweil selbst um Netzanschluss. So hat der private Solarzellenhersteller Yingli Green Energy eine Photovoltaikanlage mit 50 Megawatt Kapazität in Handan in der Provinz Hebei an das Stromnetz angeschlossen. Diese ist laut Yingli nun das größte Kraftwerk der Stadt. Laut einer Studie des WWF und des Energy Transition Research Institute (Entri) kann China bis 2050 rund 80 Prozent der Elektrizität durch erneuerbare Energien generieren - mit Hilfe radikaler Umstrukturierungen, Energiesparen und einem Ende der Kohleverstromung bis 2040. Die globalen Klimaziele hängen auch von China ab. Es bleibt viel zu tun.

Die Autorin berichtet als freie Journalistin aus Peking.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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