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Costa rica
Gitti Müller
Tote Korallen in der schönen grünen Welt

Das kleine Land in Mittelamerika ist besonders artenreich und hat sich sehr ehrgeizige Klimaziele gesetzt

Die Korallenriffe haben dem Klimawandel nicht standgehalten. Nun liegen mannshohe Hügel von toten Korallen wie Mahnmale am Wegesrand. Wo einst Strand war, ist jetzt Wasser. Jose Saballo, der im Nationalpark Cahuita in Costa Rica arbeitet, sieht die Veränderungen mit Sorge. "Die Wassertemperatur ist empfindlich gestiegen. Auch die Gezeiten sind ausgeprägter. Also brechen die Korallen schneller, was wiederum den Wellengang verstärkt und die Strände wegspült." Der Meeresspiegel ist hier in der Karibik in den vergangenen 30 Jahren stetig gestiegen, bei gleichzeitiger Abnahme der Niederschlagsmenge auf dem Land. Das könnte zu regionalen Dürren und Wasserknappheit, zu steigenden Kosten bei sinkender Produktivität in der Landwirtschaft und zur Zerstörung der Küstenregionen führen. Im schlimmsten Fall. Costa Rica mit seinen rund 4,9 Millionen Einwohnern will das unbedingt verhindern.

Das kleine Land zwischen Nicaragua und Panama ist besonders artenreich. Ein Viertel der Landesfläche steht unter Naturschutz, mehr als 51 Prozent sind bewaldet. 2006 verkündete die Regierung, bis 2021 treibhausgasneutral sein zu wollen. Die internationale Gemeinschaft staunte nicht schlecht. Ausgerechnet ein Land, das unter den CO2-Verursachern weltweit im hinteren Drittel liegt, will eine Vorreiterrolle beim Klimaschutz einnehmen? An Gesetzen und Aktionsplänen mangelt es nicht. Schon 1996 entstand das Waldschutzgesetz mit ersten PES-Projekten (Payment for Ecosystem Service), die ein Jahr später folgten. Das Programm entschädigt Bauern und Grundbesitzer dafür, wenn sie Wald aufforsten. Damit sollte dem dramatischen Anstieg der Treibhausgasemissionen Einhalt geboten werden. Ab 2006 folgten nationale Entwicklungspläne als Grundlage für die Klimapolitik, und im November 2014 wurde ein Klimaaktionsplan verabschiedet.

Moderne Müllwirtschaft Die Strategie der "Ticos", wie die Einwohner von Costa Rica auch genannt werden, ist klar definiert: Es geht im Wesentlichen um Mitigation, also Eindämmung der Ursachen, um Risikoanalyse und Anpassung an die Folgen des Klimawandels sowie um die Sensibilisierung der Öffentlichkeit. So wissen schon Grundschulkinder vom CO2-Problem und lernen moderne Abfallwirtschaft. Mülltrennung wird inzwischen in vielen Kommunen praktiziert.

Die Gemeinde Desemparado ist die erste, die ihren Abfall zu 100 Prozent trennt. Jeden Tag fahren dort zwei Wertstoffwagen durch die Stadt. Einfache Müllsammler wurden umgeschult zu Kleinunternehmern, die Papier, Glas und Kunststoff in Sammelstellen aufbereiten und an Verwertungsanlagen verkaufen. 2010 wurde ein Kreislaufwirtschaftsgesetz verabschiedet. Es beinhaltet zum ersten Mal auch eine Produktverantwortung. Sie nimmt die Hersteller auch dann noch in die Pflicht, wenn aus ihren Produkten Abfall wird. Das schafft Anreize, Abfälle schon bei der Herstellung zu vermeiden. Das alles ist für lateinamerikanische Verhältnisse überaus fortschrittlich. Wie wichtig das grüne Image für Costa Rica ist, zeigt das Beispiel der Inlandsfluggesellschaft, die bezeichnenderweise "Nature Air" heißt. Auf den bunten Propellermaschinen findet sich in dicken Lettern der Hinweis "100 Prozent Carbon-Neutral". Die Airline kompensiert ihre CO2 Emissionen komplett durch Aufforstung. Costa Ricas schöne grüne Welt bekommt in der Hauptstadt San Jose allerdings Risse. Wenn einer der uralten Stadtbusse losfährt, werden umstehende Fußgänger in eine schwarze Rußwolke gehüllt. Bis der Hustenanfall vorbei ist, fällt es schwer, an Null Emissionen bis 2021 zu glauben. Die Verkehrssysteme sind veraltet, die Busse fahren, wie und wann sie wollen, einen TÜV gibt es nicht. An bestimmten Tagen ist die Fahrerlaubnis für private Fahrzeuge beschränkt, damit das Chaos nicht ausufert. Um die alten Dreckschleudern aus dem Verkehr zu ziehen, hat das Umweltministerium im Juni 2015 eine Art Abwrackprämie eingeführt.

Verkehrsprobleme Pläne zur Verkehrsberuhigung, zu alternativen Verkehrsmitteln und zum Ausbau von Fahrradwegen gibt es genug. Allein die Umsetzung lässt auf sich warten. Einziger Lichtblick: der Tren Urbano. Das ist nicht etwa eine moderne Stadtbahn. Es handelt sich um einen ausrangierten, sehr alten Zug, der mit lautem Getöse und Hupen mitten durch die Stadt fährt. Das hört sich schrecklich an, ist aber für rund 15.000 Fahrgäste, die den Zug täglich benutzen, die beste oder sogar einzige Alternative zum alltäglichen Stop and Go mit dem Auto. Mit Verkehrsberuhigung allein ist es aber nicht getan. Rund 66 Prozent der Treibhausgasemissionen werden im Agrar- und Forstsektor produziert. Der jährliche costa-ricanische Verbrauch von Düngern ist fünf Mal höher als im zentralamerikanischen Durchschnitt. Monokulturen, chemische Düngung und Pestizideinsatz insbesondere bei Bananen und Ananas haben daran den größten Anteil. Der traditionelle Kaffeeanbau verursacht etwa zehn Prozent der Emissionen. Die Kaffeebauern und das Agrarministerium legen derzeit ein Programm auf, das zur Einhaltung von Fruchtfolgen, Abbau von Monokulturen und Anbau schattenspendender Pflanzen animieren soll. Dadurch kann die Nitratbelastung erheblich reduziert werden. Ob das alles ausreicht, um 2021 das Klimaziel zu erreichen, ist ungewiss. Sicher zeigt der Fall Costa Rica aber, dass der politische Wille, treibhausgasneutral zu sein, überaus motivierend sein kann und Kräfte freisetzt, die sich manches Industrieland zum Vorbild nehmen könnte.

Die Autorin ist freie Journalistin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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