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MARINEPOLITIK
Alexander Weinlein
Moskau will mehr vom Meer

Russlands Aufstieg zur Großmacht war stets begleitet von maritimen Ambitionen

Russland rückt die Arktis und den Atlantik in den Fokus seiner maritimen Ambitionen. So verkündete es der stellvertretende Ministerpräsident Dimitri Rogosin Ende Juli dieses Jahres. Am "Tag der Kriegsmarine", er wird in Russland stets am letzten Sonntag im Juli begangen, übergab er Präsident Wladimir Putin auf einer Fregatte bei Kaliningrad die neue Marinedoktrin des Kreml. Das 46-seitige Dokument knüpfen an die Militärdoktrin an, die die Nato als größte Bedrohung für Russlands Sicherheit einstufen. Im pazifischen Raum hingegen wünscht sich Moskau freundschaftliche Beziehung zu China.

So wirklich neu ist die Marinedoktrin jedoch nicht. Eher stellt sie die konsequente Fortsetzung einer langen Tradition mit neuen Schwerpunkten dar. Denn während Russland während seiner Expansionsphase eher den Zugang zu wärmeren Gewässern suchte, wecken die reichhaltigen Rohstoffvorkommen der Arktis, die durch den klimabedingte Rückzug der Eismassen im Nordpolarmeer in Griffweite rücken, neue Begehrlichkeiten.

Der Aufstieg zur europäischen Großmacht war stets mit dem Kampf um Zugänge zu und der Präsenz auf den Weltmeeren verbunden. Als Peter I, den sie später "den Großen" nennen sollten, 1682 noch als Minderjähriger auf den Zarenthron gesetzt wird, besitzt Russland mit Archangelsk an der Mündung der Nördlichen Dwina lediglich einen Zugang zum Nordpolarmeer. Doch dieser Zugang ist während der langen Winter zugefroren. Dem jungen Zaren wurde schnell klar, dass Russland ohne dauerhaft eisfreie Häfen als Handels- und Militärmacht nicht in die erste Liga der Mächte aufsteigen wird. Während seiner Gesandtschaftsreise 1697/98 durch Westeuropa arbeitete er gar inkognito im niederländischen Schiffsbau. Die dort gewonnen Einsichten und Kenntnisse sollten später zum Grundstein für eine eigene Flotte werden.

Schwarzes Meer und Ostsee Im Juli 1696 war es Peter I. im Krieg gegen die Krimtartaren und das Osmanische Reich bereits gelungen, die Festung Asow und damit einen Zugang zum Asowschen Meer, einem Nebenmeer des Schwarzen Meers, zu erobern. Zwei Jahre später ließ er im nahe gelegenen Taganrog die erste Marinebasis Russlands errichten. Kaum hatte der Zar seine Eroberungen im Süden in einem Friedensvertrag mit dem Osmanischen Reich (1700) abgesichert, begann er einen neuen Krieg. Diesmal zog er gegen das mächtige Schweden, das mit seinen baltischen Besitzungen den Zugang zur Ostsee blockierte. Drei Jahre später eroberten seine Armeen die Festung Nyenschanz nahe der Mündung der Newa in den Finnischen Meerbusen. Mitten in der Flussmündung ließ Peter eine Kirche, benannt nach den Aposteln Peter und Paul, errichten - die Keimzelle für die spätere Hauptstadt seines Reichs: Sankt Petersburg. Der Große Nordische Krieg sollte sich zwar noch bis 1721 hinziehen, doch am Ende hatte sich Russland den Großteil des Baltikums einverleibt und war Ostsee-Anrainer.

Es sollte schließlich eine deutsche Prinzessin aus Anhalt-Zerbst sein, die rund 40 Jahre nach dem Tod des großen Zaren an dessen Politik anknüpfte. Nach einem Staatsstreich gegen ihren unglücklich regierenden und ebenfalls deutschstämmigen Ehemann Peter III, ließ sich Katharina II. 1762 zur Zarin krönen. Wie Peter I. ging sie mit dem Beinamen "die Große" in die Geschichtsbücher ein und wie Peter zog es sie ans Meer. In zwei erneuten Kriegen gegen das Osmanische Reich sicherte sie Russland die Krim (1783) und weite Gebiete am Schwarzen Meer. Katharina ließ Sewastopol gründen, das bis heute die Basis der Schwarzmeerflotte bildet. Ihr großes Ziel, die Teilung des Osmanischen Reiches und die Neugründung eines verbündeten griechisch-byzantinischen Reiches am Bosporus und den Dardanellen, ließ sich jedoch nicht verwirklichen. Ein erneuter Versuch, die Meerengen zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer unter russische Kontrolle zu bringen, scheitere an der Intervention Großbritanniens, Frankreichs und des Königreichs Sardinien im Krimkrieg.

Pazifik und Indischer Ozean Rückschläge mussten die Zaren auch am anderen Ende ihres Riesenreiches hinnehmen. Im Krieg mit Japan verlor Russland 1905 die Mandschurei, die Liaodong-Halbinsel und Port Arthur (das heutige chinesische Lüshunkou), das Russland zu einem - im Gegensatz zu Wladiwostok - ganzjährig eisfreien Pazifikhafen ausbauen wollte. Auch den lang gehegten Wunsch nach einem direkten Zugang zum Indischen Ozean verhinderte der Gegenspieler Großbritannien im sogenannten "Great Game" um Zentralasien.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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