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Friedrich Schmidt
Schmutz am Generals-Stiefel

Die »Soldatenmütter« kümmern sich um die Rekruten eines Kampfeinsatzes, den es für den Kreml gar nicht gibt

Ein kleines Zimmer im ersten Stock eines Altbaus im Zentrum von Moskau. An den Wänden reihen sich Aktenordner, in der Mitte des Raums steht eine Mikrowelle auf einem Kühlschrank. Für Besucher gibt es Tee oder Kaffee und Ratschläge, die wie Befehle klingen. Hier ist der Sitz der "Union der Komitees der Soldatenmütter Russlands" - des Dachverbands einiger hundert regionaler Organisationen, die sich um die Rechte russischer Soldaten und Wehrpflichtigen kümmern. Von hier aus führen die, so der Titel, Verantwortliche Sekretärin Valentina Melnikowa und ihre Mitstreiterinnen ihren Kampf gegen den Staat. Gegen dessen Praxis, Misshandlungen, Gefallenenzahlen, Schicksale zu vertuschen und zu verschleiern. Wie vor einem Vierteljahrhundert, als die Frauen ihren ungleichen Kampf begannen. Wie nun wieder im unerklärten Krieg gegen die Ukraine. An der Wand des Büros hängt eine Karikatur, die einen Postboten vor einem russischen Häuschen zeigt. "Klopf, klopf. Wer da?", steht in einer Sprechblase. "Ich habe eine Sendung für Sie: ein russischer Fallschirmjäger. Aber den ich gebe Ihnen nicht, denn in der Ukraine sind keine russischen Soldaten." Der Humor ist so bitter wie die Zeiten.

Vor einem Jahr, als die prorussischen Separatisten im Donbass fast geschlagen schienen, setzten sie auf einmal zur Gegenoffensive an und drängten die ukrainische Armee zurück. Zugleich riefen bei den Soldatenmüttern Menschen an, deren Söhne, Enkel, Ehemänner sich auf einmal nicht mehr meldeten. Oder im Sarg zurückgebracht wurden, als "Fracht 200", wie man die Transporte toter Soldaten in Russland nennt. Aus den Unterlagen ging der Tod "in Ausübung der dienstlichen Pflichten" hervor. Auch die Art der tödlichen Verwundung war vermerkt, etwa durch eine Explosion. Aber dort, wo der Ort des Todes vermerkt sein sollte, stand oftmals nur ein Strich. Oder es war von einem Unglück bei einem Manöver im Süden Russlands die Rede. Die Soldatenmütter versuchen den Angehörigen in solchen Fällen zu helfen. Herauszufinden, wo der junge Mann ist. Eine Entschädigung zu bekommen, oder Versorgung für Verwundete. Wie sie es schon in früheren Kriegen versucht haben. Dass heute überhaupt die rechtliche Möglichkeit dazu besteht, ist für Valentina Melnikowa ein Fortschritt. Zu sowjetischer Zeit, berichtet sie, habe es keine Regeln gegeben. In dieser Hinsicht ist die Situation jetzt besser als früher. Auch dank den Soldatenmüttern.

Aufbruch Wenn die 69 Jahre alte Melnikowa, die das rötliche Haar kurz und mit geflochtenem Zopf am Hinterkopf trägt, auf die Anfänge ihrer Organisation zurückblickt, klingt die Aufbruchsstimmung der Endphase der Sowjetunion durch. Damals, 1989, taten sich Eltern zusammen, deren Söhne in der Armee umgekommen waren, ohne dass es eine Untersuchung gab, und Eltern, deren Söhne von den Universitäten zum Militärdienst eingezogen werden sollten. Schon von Anfang an waren es vor allem Frauen, die den Kampf für die Soldaten und Rekruten aufnahmen. Melnikowa erklärt das damit, dass die Frauen "freier" waren, im Beruf wie "im Kopf", da sie weniger Propaganda ausgesetzt gewesen seien als die Männer, die im Militär dienen mussten. Melnikowa selbst fürchtete damals um ihre beiden Söhne. Sie erzählt, wie sie Forderungen an die Führung richteten. Etwa nach medizinischer Versorgung und einer Pflichtversicherung, "um zu zeigen, dass das Leben der Soldaten einen Wert hat". Und gegen die Einziehung der Studenten. Mit Erfolg, erzählt Melnikowa stolz: Auch ihre Söhne seien nicht eingezogen worden. Fast nostalgisch erinnert die Vorsitzende auch an eine Demonstration gegen den Einsatz sowjetischer Soldaten zur Auflösung bewaffneter Gruppierungen in Nagornyj Karabach an der Basilius-Kathedrale am Roten Platz. "Versuchen Sie das heute mal", sagt sie. Michail Gorbatschow habe seinen Befehl daraufhin zurückgenommen.

Die Geologin blieb bei den Soldatenmüttern. Motiviert auch durch Aussagen wie die eines ranghohen Militärs, der ihr einmal sagte, die Soldaten seien "Schmutz unter meinen Stiefeln". Während der Kriege in Tschetschenien organisierten Soldatenmütter den Gefangenenaustausch. Manche Frauen gingen selbst nach Tschetschenien, um Gefangene zu finden und freizubekommen. Doch auch in Friedenszeiten gab es Arbeit. Die Soldatenmütter kämpften gegen die die "Herrschaft der Großväter" (Djedowtschina), die Rekrutenschinderei mit Ausbeutung und Missbrauch. Anfang 2006 machten die Soldatenmütter den Fall eines Rekruten öffentlich, dem nach Misshandlungen beide Beine, ein Finger und die Genitalien amputiert werden mussten. Vertuschungsversuche blieben vergebens. Die Soldatenmütter waren zu einer der wenigen Stimmen der Zivilgesellschaft geworden, deren Stimme die Machthaber nicht einfach ignorieren konnten. Die Lage besserte sich.

Es waren andere Zeiten, überhaupt nicht vergleichbar mit der heutigen Situation, sagt Melnikowa mit Nachdruck. Nun kämpfe "eine andere Zivilisation". Die Propaganda sei übermächtig, Präsident Wladimir Putin führe eine "ganz neue Art Krieg". Mit sogenannten Journalisten, welche, so Melnikowa, die Wahrheit kennten, aber "maximal effektive Desinformation" betrieben.

Zugleich werden Kritiker mit stalinistischen Methoden stigmatisiert, um die vom Kreml verbreitete Spaltung der Gesellschaft in "Patrioten" und "Nationalverräter" voranzutreiben. Das schüchtert auch die Angehörigen der Soldaten und Rekruten ein. Längst sind die Soldatenmütter selbst zur Zielscheibe geworden. Obwohl sie, unter anderem durch Melnikowa, im Menschenrechtsrat des Präsidenten vertreten sind. Ihr Sankt Petersburger Ableger steht seit August vorigen Jahres auf der Liste der "ausländischen Agenten" des Justizministeriums. Dass die Organisation nach eigenen Angaben kein Geld aus dem Ausland mehr bekommt, wie es Voraussetzung für die Einstufung als "Agent" sein soll, spielte für das Ministerium offenbar keine Rolle. Melnikowas Kolleginnen hatten das Ermittlungskomitee aufgefordert, den Tod von mehreren Soldaten aus Dagestan zu untersuchen, die mutmaßlich in der Ukraine gefallen sind. Diese Fälle gelten in Russland offiziell als "Staatsgeheimnis". Niemand widersprach Melnikowa, als sie Ende vorigen Jahres auf Grundlage der Verlustzahlen der ukrainischen Armee die Verluste unter russischen Soldaten anhand militärwissenschaftlicher Formeln und ihrer Erfahrung aus mittlerweile neun Kriegen auf mindestens 500 schätzte. Heute ist sie mit solchen Schätzungen vorsichtig, die Situation im Osten der Ukraine zu undurchsichtig. Derweil hat die Führung die Schrauben weiter angezogen. Ende Mai hat es Putin unter Androhung von Haftstrafen bis zu sieben Jahren verboten, über den Tod von Soldaten in "Spezialoperationen" in Friedenszeiten zu berichten.

Im Stich gelassen Bei einem Besuch im Dezember sagte Melnikowa, man könne die Todesfälle nicht "endlos verstecken". Davon ist sie auch jetzt noch überzeugt. Die Armee eigne sich nicht zur Nutzung "in geheimen Operationen", sagt Melnikowa. Sie werde nicht überrascht sein, wenn eines Tages die Gräber anonym bestatteter Soldaten entdeckt würden. Denn den Soldaten seien die Dokumente abgenommen worden, ehe sie in die Ukraine aufgebrochen seien. Nach russischer Darstellung kämpfen dort ausschließlich Freiwillige, die, wie Putin formulierte, dem "Ruf ihres Herzens" gefolgt seien. Um dieses Narrativ aufrecht zu erhalten, sagt sich der Staat von seinen eigenen Soldaten los, wie jüngst das Beispiel Alexander Alexandrows und Jewgenij Jerofejews zeigt. Die beiden dienten nach eigenen Angaben in einer Einheit des Militärnachrichtendienstes GRU in der Stadt Toljatti. Mitte Mai wurden sie im Osten der Ukraine verwundet und festgenommen. Moskau gibt offiziell an, die beiden seien ehemalige Soldaten. In der Ukraine gelten sie daher nicht als Kriegsgefangene, sondern als Terroristen. "Der Staat hat sie im Stich gelassen", sagt Melnikowa.

Der Autor ist Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" in Moskau.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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