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Robert Baag
Spekulationen über den neuen Herrscher

« Auguren sehen Putins Nachfolger am ehesten aus dem Militär- und Sicherheitskomplex kommen

Zu alten Sowjetzeiten galt als starker Hinweis auf den möglichen Nachfolger eines dahin geschiedenen Generalsekretärs der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, wer von den Politbüro-Mitgliedern beim Begräbnis der "Nummer eins" als erster Sargträger vorne links zu sehen war. Derlei Kaffeesatzleserei bezeichnete man zu Zeiten des "Kalten Kriegs" halb spöttisch, halb ernsthaft als "Kreml-Astrologie". Denn die offizielle sowjetische Informationspolitik fühlte sich keineswegs bemüßigt, ihre Bürger mit Auskünften zu Vorgängen aus dem Inneren der Macht zu versorgen.

Heute, ein knappes Vierteljahrhundert nach der Implosion der UdSSR, hat sich daran grundsätzlich nichts geändert. Die "kollektive Mentalität" der derzeit tonangebenden politischen Elite mit Staatspräsident Wladimir Putin an der Spitze setzt diese sowjetisch tradierte Abschottung ihres engen Zirkels fort. Angesichts ihrer beruflichen Prägung im ehemaligen sowjetischen Sicherheits- und Geheimdienstapparat überrascht dies indes nicht sonderlich.

Fragen allerdings bleiben: Wie ginge es in Russland weiter, wäre Putin plötzlich nicht mehr in der Lage, seine Funktion als Staatsoberhaupt auszuüben? Vor allem: Wer stünde als sein Nachfolger bereit? Die meisten Analysten sind sich zumindest insoweit einig, dass Putin bislang die leitende Rolle eines Moderators spielt, der die Interessen seines "Kollektivs" ausbalancieren muss. Ob er damit automatisch auch als autonomer "politischer Taktgeber" bewertet werden kann, ist dagegen bereits umstritten.

Wie seine engste Umgebung, die sich inzwischen während gut anderthalb Jahrzehnten auf den politischen und ökonomischen Schlüsselpositionen Russlands häuslich hat einrichten können, sieht sich allem Anschein nach auch Putin als Mitglied einer männerbündischen, sich innerhalb des Staatswesens als Leit-Elite empfindenden Gemeinschaft ehemaliger sowjetischer KGB-Offiziere. Putins Rolle scheint dabei die eines "primus inter pares" zu sein, des "Ersten unter Gleichen" - im Gegensatz zu der ebenfalls gerne verbreiteten Ansicht, Putin sei eigentlich de facto der "Alleinherrscher" Russlands. Als gesichert gilt zumindest: Ihm ist gegen Ende der Jelzin-Ära als einem vergleichsweise jungen Mann ( geboren 1952) aus dem Geheimdienst-Netzwerk heraus die Prokura übergeben worden, Russland restaurativ zu reorganisieren sowie autoritäre Herrschaftsmechanismen bewusst wiederzubeleben.

In erster Linie aber sollte Putin mehrheitlicher Experten-Ansicht zufolge den Umbau der Besitzverhältnisse im profitträchtigen Rohstoffsektor zugunsten der ihm verbundenen neuen Nomenklatur-Vertreter orchestrieren, um allen märchenhafte Erlöse zu ermöglichen. Dieses im Lauf der Jahre dicht verwobene Gespinst von politisch-exekutiver Macht mit den Schlüsselbereichen der Wirtschaft gilt es nach dem Verständnis der Nutznießer mit allen Mitteln zu schützen. Schon lange machen Spekulationen die Runde, wonach sich die heutigen "Kreml-Bewohner" grob in zwei Lager teilen: Zum einen die so genannten (Wirtschafts-)Liberalen, denen insgeheim der aktuelle Konfrontationskurs gegenüber dem Westen samt Sanktionen und Gegensanktionen zunehmend auf die Nerven geht, weil "business", Konjunktur und Wirtschaftswachstum geschädigt werden (Prominentester Vertreter: Ex-Finanzminister Alexej Kudrin). Sie scheinen augenblicklich aber die Minderheit innerhalb der Putin-Mannschaft zu verkörpern.

Theorie und Praxis Den Ton geben dort offenkundig die so genannten "Silowiki" an, jene Männer, die den Sicherheits-, Geheimdienst-, Militär- und Rüstungsbereich Russlands vertreten. Müsste Putin heute plötzlich ersetzt werden, dürften die Nachfolge-Anwärter wohl aus diesem Kreis stammen. Oft genannt werden hier Sergej Schojgu, der heutige Verteidigungsminister, oder Sergej Iwanow, der Leiter der Präsidialverwaltung, auch Nikolaj Patruschew, der Sekretär des Sicherheitsrates, und schließlich Gleb Jakunin, Direktor der Russischen Eisenbahnen, ebenfalls ein Mann mit KGB-Hintergrund.

Soweit die ungesicherte Theorie. Denn kurzfristig sieht es nach einem Austausch des Kreml-Hausherrn keineswegs aus. Allerdings lehrt die Erfahrung, dass Personalwechsel an der Spitze Russlands auch schon mal Sturzgeburt-Charakter haben können: Erinnert sei an den Silvesterabend 1999, als Staatspräsident Boris Jelzin völlig unerwartet zurücktrat und einem schüchtern wirkenden, schmächtigen Mann seinen Schreibtisch überließ. "Who is Mr. Putin?" Bekanntlich machte diese ratlose Frage damals dann monatelang weltweit die Runde.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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