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ARBEITSMIGRANTEN
Ulrich Heyden
Warten vor dem Konsulat

Viele kehren Russland den Rücken

Vor dem Konsulat von Tadschikistan in Moskau bildeten sich im Januar lange Schlangen. Tadschiken standen an für eine Ausreisegenehmigung in ihre Heimat. Nach Aussagen des Vorsitzenden der Organisation "Tadschikische Arbeitsmigranten", Karomat Scharipow, lebte bis zur Rubel-Krise im Dezember 2014 über eine Million Tadschiken in Russland, von denen angeblich 70 Prozent ausreisten.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Nach dem Kurs-Sturz des Rubel im Dezember 2014 war der Lohn der Migranten, umgetauscht in Dollar, plötzlich nur noch die Hälfte wert. Wer auf dem Bau monatlich umgerechnet 1.000 Dollar verdiente, hatte nur noch 500 Dollar, um sich und die Familie in Zentralasien zu ernähren. Außerdem sollten die Arbeitsmigranten seit dem 1. Januar kostenpflichtige Tests über Sprache, Geschichte und Gesetze Russlands ablegen, Gesundheitsbescheinigungen von vier verschiedenen Ärzten einholen und für ein Arbeitspatent bezahlen müssen. Ein Visum für die Einreise nach Russland brauchen die Arbeitsmigranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken in Mittelasien und im Kaukasus bis heute nicht.

Im Juni dieses Jahres wurde bekannt, dass die russische Migrationsbehörde den Sprachtest für Arbeitsmigranten aus Weißrussland, Armenien, Kasachstan und Kirgistan wieder abschaffen will. Denn diese Länder gehören inzwischen alle zur Eurasischen Wirtschaftsunion. Die Bürger genießen somit Freizügigkeit bei der Suche nach einem Arbeitsplatz und müssen keine Erlaubnis-Dokumente vorweisen, meint zumindest der Wirtschaftsminister Kirgistans, Temir Sarijew.

Wie groß die Abwanderung von Arbeitsmigranten aus Russland in diesem Jahr war, lässt sich anhand der Bargeld-Überweisungen in die Heimatländer der Migranten ablesen. Ein diesbezüglicher Bericht im Internet-Portal Gazeta.ru stützt sich auf von der russischen Zentralbank veröffentlichte Zahlen. Danach wurden im ersten Quartal 2015 von Privatpersonen (ohne Kontoeröffnung) 2,1 Milliarden Dollar ins Ausland überwiesen. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es noch 3,9 Milliarden Dollar gewesen.

Die 5,6 Millionen Arbeitsmigranten, die 2014 insgesamt in Russland lebten - die Hälfte von ihnen nicht legal - überwiesen 2014 insgesamt 20,9 Milliarden Dollar in ihre Heimatländer. Der Großteil der Überweisungen ging nach Tadschikistan, gefolgt von der Ukraine mit 2,24 Milliarden Dollar, Kirgistan mit 2 Milliarden Dollar und Armenien mit 1,4 Milliarden Dollar.

Große Herausforderungen Als es in den 2000er Jahren während des russischen Wirtschaftsbooms zu einem starken Zustrom von mehreren Millionen Arbeitsmigranten nach Russland kam, waren die meisten Russen alles andere als begeistert. Sie sahen die Migranten, die schon für 500 Euro im Monat als Reinigungskräfte arbeiteten, als Lohndrücker. Rechtsradikale versuchten die Unzufriedenheit für ihre Propaganda zu nutzen. Es begann eine Welle gewaltsamer Übergriffe auf Migranten, die inzwischen aber wieder abgeebbt ist. Auch die Negativ-Berichterstattung über Migranten in russischen Zeitungen hat nachgelassen. Russland steht in der Migrationspolitik vor großen Herausforderungen. Denn von einer Million Flüchtlingen aus der Ost-Ukraine wollen nach Angaben der russischen Migrationsbehörde 900.000 länger in Russland bleiben. Viele haben schon eine Arbeit gefunden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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