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Kirche
Inna Hartwich
Eine unheilige Allianz

Die Orthodoxie ist mächtigster Pfeiler von Putins Neurussland-Ideologie

Die Kathedrale in Orsk, fast schon an der kasachischen Grenze, war lange Zeit eine Steinruine. Die Menschen brachten über Jahre hinweg Abfall hierher. Wen ging da ein Gotteshaus auf einer Erhebung im asiatischen Teil der Stadt etwas an? Wen interessierte schon die Religion? Die kommunistische Ideologie hatte schließlich den Atheismus befohlen; lediglich einige Priester schafften es, im Untergrund zu taufen, zu verheiraten, die Liturgie zu lesen. Zwischen 1918 und 1939 ließ das sowjetische Regime etwa 40.000 Geistliche hinrichten. Der sowjetische Bürger, so lautete die Staatsdoktrin, brauche kein Erlösungsversprechen für das Jenseits. "Der Platz um die Kathedrale war einfach eine riesige Müllhalde, man mied ihn, es stank bestialisch", sagt die 37-jährige Julia in Orsk.

Nun will die Kindergärtnerin genau hier heiraten. Ein zweites Mal. "Richtig, in der Kirche, vor Gott." Bei der Hochzeit vor 19 Jahren sei "an so etwas" nicht zu denken gewesen; jetzt will sie ihr damaliges Ja-Wort bekräftigen. Die Hinwendung zum Glauben, die Suche nach Halt in der Kirche steigt in Russland genauso rasant, wie sich der einst vermüllte Platz auf dem Orsker Berg in einen Vorzeigeort verwandelt hatte. Hier stinkt es längst nicht mehr, die Kathedrale ist wieder aufgebaut worden. "1894" steht in leuchtendem Weiß über dem Eingang, auch wenn das Gebäude erst 1994 sein neues Antlitz bekam.

»Russische Werte« In die Kirche geht Julia nur selten, ihr Mann Sascha nahezu nie. Auch das Altkirchenslawische, diese Version der alten russischen Sprache, die heute die Messen in den russischen Kirchen prägt, verstehen sie kaum. Und doch seien sie "überzeugte russisch-orthodoxe Christen", sagen sie - wie knapp 80 Prozent aller Bürger Russlands. Denn Russe sein heißt für viele im Land auch automatisch russisch-orthodox zu sein. Religion wird als nationale Tradition verstanden, ohne wirklich gelebte Alltagsreligiosität, mag auch so mancher eine Ikone in Spielkartenformat im Portemonnaie haben.

Der Staat weiß das zu nutzen. Vor allem unter Wladimir Putin ging der Kreml nach und nach eine Allianz mit der russisch-orthodoxen Kirche ein; mittlerweile sind sie so eng miteinander verwachsen wie zuletzt im Zarenreich. Beide setzen auf traditionelle "russische Werte": Vaterlandsliebe und die Treue zur Familie. Die Kirche hilft, das Vakuum zu füllen, das nach dem Zerfall der Sowjetunion entstanden war. Sie hat längst die Rolle der konservativen moralischen Instanz übernommen und setzt auf die "Symphonie zwischen Kirche, Staat und Gesellschaft", auch wenn das Land im Artikel 14 der russischen Verfassung als säkulär bezeichnet wird.

Kirill, Russlands oberster Patriarch, wird von Kritikern im Land seit langem "Moralminister des Kreml" genannt. Im Präsidentschaftswahlkampf hatte er Putin als "Werk Gottes" bezeichnet, bereits sein Vorgänger Alexij hatte Panzer für den Tschetschenien-Krieg gesegnet. Bei wichtigen politischen Anlässen nimmt der Patriarch neben Staatsmännern Platz. Die Kirche gilt als Garant des Zusammenhalts; Kirill landet in Umfragen nach der vertrauenswürdigsten Person im Land direkt hinter dem Präsidenten. Die Orthodoxie ist mittlerweile zum mächtigsten Pfeiler von Putins imperialer Neurussland-Ideologie geworden, die Kirche zur Bühne für traditionsbewussten Nationalismus.

Die Autorin, 2010 bis 2013 in Moskau, arbeitet mit Schwerpunkt Osteuropa als freie Journalistin in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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