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Völker
Inna Hartwich
Tschuwasche und Russe zugleich

Mehr als 170 ethnische Minderheiten, aber keine klare Minderheitenpolitik

Es war an einem Herbsttag, als sich Sergej Mironow, zu der Zeit noch Vorsitzender des russischen Föderationsrates, des sogenannten Oberhauses des russischen Parlaments, in die künstliche Welt von "Ethnomir" nahe der Stadt Kaluga begab, kaum 200 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Hier stehen Holzhäuser, Zelte, Kirchen, hier huschen Frauen in bunten Kleidern vorbei, backen Männer salziges Brot. Ein Freizeitpark, der erklärt, was das denn für Völker sind, die im großen, weiten Russland leben. Folklore inbegriffen. Mironow hatte Priester und Imame um sich versammelt, Tataren und Baschkiren eingeladen, und sich mit ihnen an einen Tisch gesetzt. "Wir müssen über die Minderheiten in unserem Land reden", hatte er erklärt und gefordert: "Es muss eine klare Minderheitenpolitik her."

Zählweise differiert Vier Jahre ist das her, Mironow ist längst kein Vorsitzender des Föderationsrates mehr. Und eine klare Minderheitenpolitik gibt es in Russland bis heute nicht, auch wenn im Land bis zu 172 Völker und ethnische Gruppen leben, die Zählweise differiert von Statistik zu Statistik. "Außer in unserer Verfassung werden praktisch in keinem Gesetz unseres Landes ethnische Minderheiten erwähnt", sagt der Ethnologe Sergej Sokolowski von der Akademie der Wissenschaften in Moskau. Unter "Minderheiten" versteht er, wie andere Wissenschaftler auch, Völker, die weniger als 50 Prozent der Einwohner eines Landes ausmachen.

Zu groß ist die Angst, ethnischen Minderheiten eine zu umfangreiche Autonomie zu gewähren. Der Zusammenhalt des größten Flächenstaates der Erde hat für die Führung in Moskau bis heute unbedingten Vorrang. Auch wenn es durchaus mehr als 20 nationale Republiken für spezielle ethnische Minderheiten gibt, mehrere autonome Regionen und einen autonomen Kreis. Doch wenn etwa Schulen für Minderheitensprachen öffneten, sei das Schulmaterial oft ein Problem, sagt Sokolowski. "Wenn tschuwaschische Kinder in einer Klasse sitzen und manche von ihnen von Haus aus Tschuwaschisch sprechen, andere aber kein Wort davon können, wissen viele Lehrer nicht, wie sie eine solche Klasse auf Tschuwaschisch unterrichten sollen."

Vor allem Dekor Zudem ist Russisch seit den Sowjetzeiten, die einen neuen, fortschrittlichen Menschen hervorbringen und alles Religiöse, Kleinbäuerliche und Nomadenhafte als Überbleibsel früherer Zeitalter verdammen sollten, die Sprache der Bürokratie und hat daher Vorrang vor allen anderen Sprachen. Allerdings erlaubt das Russische auch, zwischen ethnischen Russen ("russki") und Russen als administrativer oder geografischer Bezeichnung ("rossijski") zu unterscheiden. So ist jeder Nenze, jeder Jakute, Tschetschene, Balkare oder Udmurte gleichzeitig auch Russe. Die Politik sieht ihre Kulturen vor allem als Dekor, ausgestellt in Parks wie dem "Ethnomir" bei Kaluga.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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