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EDITORIAL
Jörg Biallas
Politik mit Testosteron

1991, nach der Auflösung der Sowjetunion, schien der Weg Russlands geradewegs in die Europäisierung zu führen. Heute, fast 25 Jahre später, ist die Nation im Morast alter Macht- und neuer Marktansprüche stecken geblieben. Aus einer kommunistischen Diktatur ist eine kompromisslose Autokratie geworden. Von westlich geprägten, demokratischen Strukturen ist das Land weiter entfernt denn je.

Wladimir Putin provoziert die Welt mit seiner Ukraine-Politik. Der Präsident gefällt sich in der Rolle als ein von Testosteron gesteuerter russischer Bär. Das mag in westlichen Augen lächerlich wirken. Bei den Wählern daheim, die nach wie vor daran glauben wollen, ihr Staat sei eine Weltmacht auf Augenhöhe mit den USA, kommt das Macho-Gehabe hingegen durchaus an.

Das ist auch deshalb verständlich, weil der Kapitalismus das Land nach der Öffnung gen Westen unkontrolliert gekapert hat. Wenigen, denen es auch in sowjetischen Zeiten nicht schlecht ging, geht es seither viel besser. Viele, die seinerzeit ein Auskommen hatten, müssen heute einen sozialen Abstieg verkraften. Da ist Sehnsucht nach der vermeintlichen Geborgenheit im alten System ein Phänomen, das auch hierzulande nicht unbekannt ist. Putin versteht es vortrefflich, diese Gefühle zum eigenen Vorteil zu nutzen.

Wie aber sollte die westliche Welt mit Russland umgehen? So, wie es in dieser Krise bisher ganz überwiegend geschehen ist: mit Fingerspitzengefühl. Einerseits müssen Putin die Konsequenzen seiner Politik aufgezeigt werden; andererseits müssen Auswege aus der Konfliktsituation eröffnet werden, die er ohne Gesichtsverlust beschreiten kann.

Eines indes wäre ganz falsch: Wenn die westliche Welt versuchen würde, Russland ein Handlungsmuster aufzuzwingen. Wer den Bären in die Ecke drängt, wird auf den Angriff nicht lange warten müssen.

In Russland werden längst Alternativen zu einer Annäherung an den Westen ventiliert und propagiert. Wer ein Gegengewicht zu der Option einer politischen, wirtschaftlichen oder sogar militärischen Kooperation beispielsweise mit China schaffen will, muss Vertrauen aufbauen. Vor einem Vierteljahrhundert ist das schon einmal gelungen. Die Welt hat sich danach sehr grundlegend zum Besseren verändert. Allein das sollte Ansporn genug sein.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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