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Ortstermin: 25 Jahre Einheits-beschluss der Volkskammer
Jeanette Goddar
»Ein beispielsloser Ort der Selbstdemokratisierung«

Wenn man davon absieht, dass die Feierstunde am 23. August ein paar Meter nach Südwesten verrückt war und in einem bestuhlten Rohbau stattfand: Vieles trug dazu bei, dass die Erinnerung an eine historische Nacht vor einem Vierteljahrhundert sehr leicht fiel. Großformatige Bilder an einer Wand des Rohbaus des Berliner Schlosses zum Beispiel. Sie zeigten die Abgeordneten der Volkskammer, wie man sie kannte und kennt: Sabine Bergmann-Pohl, nachdenklich. Gregor Gysi, gestikulierend. Lothar de Maizière, beschwichtigend. Vor allem aber die Gästeliste der Veranstaltung ließ die Sitzung der Volkskammer der DDR, in der der Beitritt zur Bundesrepublik zum 3. Oktober 1990 beschlossen wurde, plastisch werden. Mehr als 120 ehemalige Abgeordnete waren der Einladung der Ost-Beauftragten Iris Gleicke (siehe Seite 2) auf die Schloss-Baustelle gefolgt, an den Ort, an dem die Volkskammer der DDR einst stand. Unter den Gästen war auch Bundespräsident Joachim Gauck, der bei der Gelegenheit mit dem Mythos aufräumte, er habe als einer von zwei Abgeordneten des Neuen Forums für den Beitritt gestimmt. Tatsächlich, gestand er, "war ich bei der Abstimmung gar nicht dabei."

Wie sich jene, die dabei waren, einen Schlagabtausch um den Beitritt an sich, aber auch um das richtige Datum lieferten, ließen Schauspieler des Maxim-Gorki-Theaters in einer szenischen Lesung wiederaufleben. Das Highlight: Die DSU, eine Art Ost-Ableger der CSU, forderte den Beitritt noch am selben Tag. Der 3. Oktober setzte sich vor allem durch, weil er vor dem 41. Geburtstag der DDR am 7. Oktober lag, den die Mehrheit nicht mehr begehen wollte. Bis früh um 3 Uhr wurde in der Nacht zum 23. August 1990 gerungen, dann stand der Beschluss. "Ich glaube, das ist ein wirklich historisches Ereignis", verkündete damals Volkskammer-Präsidentin Sabine Bergmann-Pohl.

In den Reden anlässlich des Jubiläums blieb es nicht bei Besinnlichkeit. Trotz aller Wiedersehensfreude der Abgeordneten, trotz aller Tätscheleien über grau gewordene Köpfe - ja, es wurde wirklich viel geherzt an diesem Tag - wurde kritische Reflexion laut. Zu verdanken war das vor allem Jens Reich. Der Mitgründer des Neuen Forum erklärte noch einmal, warum er damals mit Nein, also gegen den Beitritt, gestimmt hatte. Mit seinem feinsinnigen Humor, den man fast vergessen hatte, klang es beinahe, als wolle der 76-Jährige noch einmal Überzeugungsarbeit leisten: Ohne auch nur den Entwurf des - noch gar nicht geschriebenen - Einigungsvertrags zu kennen, habe man "die Katze im Sack" kaufen müssen, sagte Reich. Das gelte auch, wenn richtig sei, was Lothar de Maizière (CDU), der letzte Ministerpräsident der DDR, in seiner Rede zuvor gesagt hatte: Der Verkäufer sei ja "kein Räuber" gewesen - ein Zitat, das auf Wolfgang Thierse zurückgeht. Insgesamt, so Reich, "waren nicht nur wir Laiendarsteller, sondern auch die Profi-Truppe in Bonn schuld an einem gewissen Tohuwabohu".

Ex-Ministerpräsident de Maizière erinnerte daran, dass die erste und einzige frei gewählte Volkskammer eins der fleißigsten Parlamente der Geschichte war: In der kurzen Zeit ihres Bestehens verabschiedete sie 164 Gesetze und 93 Beschlüsse und ratifizierte drei Staatsverträge. Und: "Sie war ein beispielloser Ort der Selbstdemokratisierung", betonte de Maizière.Jeannette Goddar

Aus Politik und Zeitgeschichte

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