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Gastkommentare - Contra
Gerd Depenbrock
Sie ist gelungen

Noch 25 Jahre bis zur Einheit?

Ich mag es nicht mehr hören: Die Einheit braucht noch Zeit. 25 Jahre sind nicht genug, es dauert noch ein Vierteljahrhundert. Kann es sein, dass wir falsche Maßstäbe anlegen? Wir verstellen uns den Blick durch Klischees und Vorurteile, wir bedienen uns nur zu gerne griffiger Phrasen. Deutschland, uneinig Vaterland. Vereint, aber nicht einig. So etwas schreibt sich halt besser. Andere Befunde wären uninteressant.

Solange wir von Ossis und Wessis reden, halten wir an der Spaltung fest. Sicherlich ist nicht alles glatt gegangen in den vergangenen 25 Jahren, doch inzwischen haben sich Lebensumstände und Wertvorstellungen in Ost und West zunehmend angeglichen. Der reine Ost-West-Blick ist ohnehin nicht hilfreich. Ungleiche Lebensbedingungen gibt es auch zwischen Friesland und Oberbayern, Mentalitätsunterschiede sogar zwischen Rheinland und Westfalen. Die Beispiele sind beliebig fortsetzbar. Strukturschwache Regionen im Westen haben ähnliche Probleme wie die im Osten oder auch im Norden oder Süden der Republik. Das war schon früher so und wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Das ist auch nicht entscheidend.

Die überwiegende Mehrheit der Deutschen bewertet die Wiedervereinigung positiv. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung wurde seit der Wende geboren, Millionen kennen nichts anderes als ein gemeinsames Vaterland. Wir fühlen uns heute als das, wofür die Menschen in der DDR vor 25 Jahren auf die Straße gingen: als ein Volk. Und nicht nur, wenn Deutschland Fußballweltmeister wird. Es gibt keine nennenswerte Zahl Brandenburger, Thüringer oder Sachsen, die sich wie etwa die Hälfte der Schotten oder Katalanen einen eigenen Staat wünschen. Die Einheit ist bereits gelungen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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