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Aufgezeichnet von Susanne Kailitz
»Anfangs wehte im Osten einfach ein frischer Wind«

Im zweiten Anlauf gewann der gebürtige Niedersachse den vakanten Wahlkreis an der Havel

Als ich 1991 aus Niedersachsen nach Sachsen-Anhalt ging, war das ein Anknüpfen an alte Wurzeln: Mein Großvater hatte in der DDR Landwirt gelernt und sich in den 1950er Jahren mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, in eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft zu gehen. Irgendwann stand die Stasi vor der Tür, um ihn zu verhaften - und er hat es noch geschafft, mit meiner Großmutter und seinen drei Kindern durch die Hintertür zu flüchten. Er hat die DDR zu seinen Lebzeiten nicht mehr betreten, vor Angst, ins Gefängnis zu kommen. Für meine Eltern war dagegen klar, dass sie zugriffen, als sich die Möglichkeit ergab, das Gehöft meines Großvaters in Spaatz nach der Wende zu übernehmen und einen Spargelhof aufzubauen.

1965 in Winsen an der Luhe geboren, war ich mit meinen Eltern zum ersten Mal in der DDR, als ich etwa sieben Jahre alt war, und danach immer wieder. Ich habe dieses Land als sehr bedrückend wahrgenommen. Vor allem die Situation am Grenzübergang machte mir als Kind Angst. Als Jugendlicher war ich mit Freunden zu einem Fußballspiel zwischen Stahl Brandenburg und Lokomotive Leipzig. Da wurden die Leipziger Spieler von Polizisten mit Hunden zum Stadion begleitet - und ich wurde von meinen Freunden verwarnt, bloß aufzupassen, was ich sage. Die wussten genau, dass dort überall Stasi-Leute standen. Das war schon sehr beklemmend.

Nach der friedlichen Revolution wollte ich an dem Neuanfang unbedingt teilhaben und hatte mir erhofft, dass es im Osten viel größere Gestaltungsspielräume geben würde als in meiner alten Heimat. Das war anfangs auch so, da wehte einfach ein frischer Wind. Leider hat man sich dann aber in der Verwaltung ziemlich schnell westdeutschen Verhältnissen angeglichen.

Ich weiß, dass viele Westdeutsche, die im Osten anfingen, vieles von dem vermissten, was in den alten Bundesländern ihren Lebensstandard ausgemachte. Bei mir fehlten existentielle Dinge: Weil wir keine Zentralheizung hatten, fuhr ich in den ersten Monaten immer mit einem Kofferraum voll Brennholz von West nach Ost. Für mich war das ein spannendes Abenteuer, meine damalige Frau hat das allerdings nicht so empfunden. Letztlich hat mich mein Wechsel in den Osten diese Ehe gekostet - mir aber auch neues Glück beschert, weil ich inzwischen lange glücklich mit einer Brandenburgerin verheiratet bin.

Von Freunden aus meiner alten Heimat höre ich immer wieder: "Hier kommt der Ossi." Und ich muss mir immer wieder anhören, dass bei ihnen die Städte marode sind, während hier alles schick ist. Ich weiß nicht, wie oft ich schon erklärt habe, dass der Soli auch im Osten gezahlt wird - da haben auch nach 25 Jahren noch viele Wessis das Gefühl, sie würden allein dafür bluten, dass hier alles aufgebaut wurde.

Meine politische Karriere hätte ich so im Westen wahrscheinlich nicht gemacht. 2009 fand sich kein CDU-Kandidat für den Wahlkreis Oberhavel/Havelland. 2013 habe ich ihn dann im zweiten Anlauf geholt. Dass ein Bundestagswahlkreis einfach vakant ist, würde es im Westen eher nicht geben. Inzwischen ist aber auch im Osten die Konkurrenz größer geworden.

Das Verhältnis zur Politik ist hier, glaube ich, distanzierter. Mache ich auf dem Spargelhof, den inzwischen meine Frau betreibt, eine Veranstaltung mit meiner Parteifahne, ist erstmal Misstrauen da. Ich glaube, das liegt an den Erfahrungen der DDR, als die Leute in die SED oder eine der Blockparteien mussten, wenn sie beruflich vorankommen wollten. Das erschwert uns bis heute auch die Mitgliederwerbung hier.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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