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Gastkommentare - Pro
Daniel Goffart
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Noch 25 Jahre bis zur Einheit?

Wann haben Sie das letzte Mal in der "Tagesschau" die Worte Nord- oder Süddeutschland gehört? Außer bei der Wetterprognose kommen diese Begriffe kaum vor. Dafür wird im politischen und ökonomischen Teil der Nachrichten immer noch von Ost- und Westdeutschland gesprochen. Diese gedankliche Teilung des Landes verrät viel: Sie ist nicht nur in den gängigen Sprachgebrauch übergegangen, sondern spiegelt wider, was ein Großteil der Bundesbürger bis heute denkt: hier die Westler, da die Ostler.

Von einer emotionalen Identität oder intellektuellen Einheit in den Köpfen der Deutschen kann man auch nach 25 Jahren nicht wirklich sprechen. Zwar gibt es nicht mehr das Gegeneinander von Ost und West wie in den Krisenjahren nach der Vereinigung. Aber statt eines echten Miteinanders existiert heute eher ein störungsfreies Nebeneinander - vor allem in der älteren Bevölkerung.

Auch die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner liegt im Osten immer noch bei nur 70 Prozent des westdeutschen Durchschnittswerts. Das gleiche Bild bietet sich bei Steuerkraft, Vermögen, Produktivität, Kommunalfinanzen und den Arbeitslosenzahlen. Bis 2019 muss deshalb auch der "Soli" gezahlt werden. Und danach soll eine "Anschlussregelung" her - nicht gerade ein Beweis für die Vollendung der (ökonomischen) Einheit.

Seien wir ehrlich: Die Erfahrung der Teilung steckt noch in den Köpfen von allen, die Mauer und Stacheldraht erlebt haben. Wer im Westen groß wurde, denkt auch heute anders als jemand, der im Osten sozialisiert wurde. Das ist nicht weiter schlimm. Wir werden eben noch eine Generation warten müssen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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