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Hans-GEORG VON DER MARWITZ
Susanne Kailitz
»Unsere Kinder sind Brandenburger«

Aufbauarbeit auf Opas ehemaligen Gut

1990 bedeutete für mich Umbruch und Neuanfang. In Heidelberg geboren, bin ich bin ich im Allgäu aufgewachsen. Nach meiner Ausbildung zum Landwirt und ersten landwirtschaftlichen Erfahrungen in Norddeutschland, Schottland und England übernahm ich 1986 den bis dahin stillgelegten Landwirtschaftsbetrieb meiner Familie. Das Wendejahr 1989/90 hatte auch bei uns in Süddeutschland unmittelbare Auswirkungen: Meine Eltern begannen von ihrer alten Heimat zu berichten. Die Erinnerungen an die Jahre vor dem Krieg hatten vorher kaum eine Rolle gespielt. Mein Vater stammte aus Hinterpommern, meine Mutter aus Friedersdorf in Brandenburg. Längst Vergessenes trat nun wieder an die Oberfläche. Gleichzeitig wuchs mein Interesse an diesem anderen Teil Deutschlands. Zuvor, im März 1989, war ich bereits in die DDR gereist - eine Reise mit vielen unschönen Begegnungen. Persönlich erlebte ich die menschenverachtende Härte des Regimes, die Abfertigung an der Grenze, Verhöre, Drohungen.

Als ich ein Jahr später nach Ostdeutschland zurückkehrte, sah ich ein anderes Land, andere Menschen, freundliche Zöllner. Auf meiner zweiten Reise besuchte ich mit meiner damaligen Verlobten Berlin, Potsdam und Teile Brandenburgs. Wir erlebten eine unglaubliche Aufbruchstimmung. In mir reifte der Wunsch, Teil dieses Aufbauprozesses zu werden. Damals war ich gerade 29 Jahre alt. Auf unserer Hochzeitsreise im Juli 1990 fassten wir den Entschluss: Wir gehen in den Osten.

Am 25. September 1990, zwei Wochen vor der Vereinigung, gründete ich meinen 780 Hektar umfassenden Landwirtschaftsbetrieb und das ausgerechnet in Friedersdorf, auf dem ehemaligen Gut meines Großvaters. Zunächst hatte ich Kontakt zu verschiedenen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) im Umfeld Berlins aufgenommen. Viele von ihnen standen kurz vor dem Konkurs und waren froh über das Interesse eines jungen Landwirts aus dem Westen. Die Größenordnung der Betriebe mit mehr als 6.000 Hektar Fläche und 100 Mitarbeitern überstieg meine Vorstellungskraft. Schließlich kam ich mit der traditionsreichen LPG Worin ins Gespräch, in dem es um die Gemarkung Friedersdorf ging - ein Fingerzeig!

Die Restitution des ehemaligen Familienbesitzes stand für mich damals nicht zur Debatte. Während der Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone enteigneten die Machthaber alle Landeigentümer, die mehr als 100 Hektar besaßen, und verteilten zwei Drittel der Flächen an Vertriebene oder landlose Bauern. 1990 gehörten die Äcker in Friedersdorf vor allem ehemaligen Flüchtlingen aus der Neumark, aus Hinterpommern und Schlesien. Glücklicherweise waren viele Friedersdorfer bereit, mir ihr Land zu verkaufen oder zu verpachten.

Nach anfänglicher Skepsis wurden meine Frau und ich schnell akzeptiert. Von Beginn an engagierten wir uns im Gemeinderat, im Kirchenvorstand und in Vereinen und Verbänden. In den 1990er Jahren blühte Friedersdorf auf. Schon 1993 feierten wir Heiligabend den ersten Gottesdienst in der wiederhergestellten Barockkirche. Es folgten die Gründung einer Dorfgesellschaft mit Kulturbetrieb, Restaurant und Hofladen. Ost-West-Bruchstellen sind heute nicht mehr zu erkennen. Unsere vier Kinder sind Brandenburger und dankbar blicke ich auf 25 Jahre Aufbauarbeit.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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