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Wirtschaft
Peter Stützle
Beachtliches Wachstum

Die industrielle Wertschöpfung in den neuen Ländern nahm in den vergangenen 25 Jahren deutlich zu

Die ostdeutsche Wirtschaftskraft im Jahr 25 der deutschen Einheit kann man auf zweierlei Weise betrachten. Vom westdeutschen Niveau aus blickt man immer noch nach unten. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beträgt lediglich rund zwei Drittel des westlichen und hat sich in den letzten zehn Jahren nur noch geringfügig angenähert. Aus ungarischer oder tschechischer Sicht dagegen ist die einstige DDR seit 1990 weit nach oben entschwunden. Dabei gab es auch dort ein durchaus beachtliches Wachstum, aber eben keine vergleichbare Förderung aus dem Westen.

Wirtschafts- und Währungsunion Wirtschaftlich fand die deutsche Einheit drei Monate früher statt als politisch - mit der Wirtschafts- und Währungsunion vom 1. Juli 1990. Die Bürger der DDR konnten ihre Ost-Mark 1:1 in D-Mark tauschen, für größere Vermögen und Betriebsvermögen war das Verhältnis 2:1, ein äußerst großzügiger Kurs. Nun konnte jeder West-Produkte kaufen, heimische Erzeugnisse blieben dagegen in den Regalen liegen. Entgegen den Erwartungen vieler Politiker und Wirtschaftsexperten brach auch der Export in die Sowjetunion und andere Länder des früheren Rats für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) ein. Diese kauften mit ihren knappen Devisen lieber gleich Westprodukte, die als hochwertiger galten und es meistens auch waren. Dabei verfügte die DDR über ausgesprochen gut ausgebildete Fachkräfte. Doch das Wirtschaftssystem hatte sie gehindert, ihre Fähigkeiten zu entfalten. Die Maschinen waren größtenteils völlig veraltet, der produktionstechnische Rückstand auf die alten Bundesländer betrug mitunter mehrere Jahrzehnte. Neue Produkte, wie neue Fahrzeugmodelle, wurden zwar entwickelt, doch ihre Markteinführung scheiterte immer wieder an fehlenden Werkstoffen und Vorprodukten. Neben der Schwerfälligkeit der zentral gelenkten Wirtschaft war dies auch dem chronischen Devisenmangel der DDR geschuldet.

Der Einbruch nach der Währungsunion war massiv, wobei die oft gehörte Behauptung, die ostdeutsche Wirtschaftsleistung sei binnen Jahresfrist auf ein Viertel gesunken, fragwürdig erscheint. Denn die Ausgangsbasis lässt sich kaum seriös bemessen. Den eigenen Statistiken zufolge, die auch im Westen weithin für bare Münze genommen worden waren, wäre die DDR vor der Wende die zehntgrößte Volkswirtschaft der Welt gewesen. Dementsprechend startete auch die Treuhandanstalt mit einer grandiosen Fehleinschätzung. Ihre Chefs rechneten mit einem Industrievermögen der DDR von etwa 600 Milliarden D-Mark. Als die Treuhandanstalt Ende 1994 ihre Arbeit einstellte, summierten sich ihre Verluste auf riesige 250 Milliarden DM.

Die Treuhandanstalt war bereits von der Regierung Modrow auf Empfehlung des Runden Tischs ins Leben gerufen worden, um die Staatswirtschaft in die Marktwirtschaft zu überführen und damit die Betriebe wettbewerbsfähiger zu machen. Mit der Wirtschafts- und Währungsunion am 1. Juli 1990 wurde sie neu strukturiert und nahm mit dem Mandat der frei gewählten Volkskammer ihre Arbeit auf. Sie sollte über 8.000 Betriebe mit mehr als vier Millionen Beschäftigten privatisieren und ihnen so neue Chancen auf dem Markt eröffnen. An der Arbeit der Treuhandanstalt gab es viel Kritik, die auch bis heute nicht verstummt ist.

Der Hauptvorwurf lautet, überlebensfähige Unternehmen seien zu schnell abgewickelt worden. Dabei sei es auch darum gegangen, unliebsame Konkurrenz etablierter West-Firmen auszuschalten. Tatsächlich wurde bei der Neustrukturierung der ostdeutschen Wirtschaft mit harten Bandagen gekämpft. Neben Konzernen, die nur ihre Marktposition verbessern wollten, gab es unseriöse Glücksritter, an denen manch eine hoffnungsvoll erscheinende Privatisierung am Ende scheiterte. Ihnen gegenüber stehen aber viele vor allem mittelständische Unternehmer, darunter enteignete frühere Eigentümer, die sich mit hohem Risiko im Osten engagierten und Arbeitsplätze sicherten. Eine Reihe von Betrieben schließlich wurde von Mitarbeitern übernommen und in neuer Rechtsform erfolgreich weitergeführt.Bekanntestes Beispiel für einen solchen Management-Buy-Out ist die Rotkäppchen-Sektkellerei. Sie konnte sich, nach anfänglich massivem Einbruch des Absatzes, nicht nur auf dem angestammten Markt gegen die Konkurrenz aus dem Westen behaupten, sondern auch in Westdeutschland einen ansehnlichen Marktanteil erobern und schließlich 2002 den West-Konkurrenten Mumm übernehmen.

Privatisierungen Ein anderer Weg wurde bei der VEB Carl Zeiss Jena gegangen. Thüringen übernahm von der Treuhand den Kernbereich des ehemaligen Kombinats als landeseigenes Unternehmen unter Leitung des ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth (CDU) und wandelte es dann in eine Aktiengesellschaft um. Dank des Erfolgs von Jenoptik gehört Jena heute zu den ostdeutschen Städten, in denen das Pro-Kopf-Einkommen höher ist als in vielen westdeutschen Kommunen.

Der Grund, warum Jena eine Ausnahme ist und warum die anfänglich schnelle Annäherung zwischen Ost und West nun schon seit längerer Zeit fast zum Erliegen gekommen ist, ist einfach: Die Unternehmenszentralen mit ihren gutbezahlten Jobs im Management sowie der Forschung und Entwicklung liegen meist im Westen. Nur die allmähliche Angleichung von Tariflöhnen, Renten und Sozialleistungen sowie der anhaltende Rückgang der Arbeitslosigkeit führt noch zu einer langsamen weiteren Annäherung. Alles in allem aber hat, nach einer anfänglich dramatischen De-Industrialisierung, im zweiten Jahrzehnt nach der Wende eine beeindruckende Re-Industrialisierung stattgefunden. Die Bruttowertschöpfung der Industrie nahm zwischen 2000 und 2010 im Osten um 42 Prozent zu, im Vergleich zu 17 Prozent im Westen. Der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der gesamten Wertschöpfung liegt in Ostdeutschland mittlerweile knapp über dem EU-Durchschnitt und weit vor Frankreich, Großbritannien oder auch den USA. Im gleichen Zeitraum stieg die Exportquote der ostdeutschen Industrie wesentlich schneller als die westdeutsche, liegt freilich mit 36 Prozent immer noch deutlich hinter der westdeutschen von 49 Prozent (Stand 2013).

Einen ähnlichen Wiederaufstieg kann der Tourismus verzeichnen. Die traditionellen ostdeutschen Reiseziele, ob Ostsee oder Erzgebirge, denen nach dem Mauerfall die Gäste weggeblieben waren, sind längst auch bei westdeutschen Urlaubern beliebt. Viele Fachkräfte, die nach der Wende eine neue Chance in Bayern, Österreich und der Schweiz gesucht hatten, sind wieder zurück in der Heimat.

Ohne großen Einbruch überstand die Landwirtschaft die Wende. Ein Gesetz der Volkskammer vom Juni 1990, das im Jahr darauf vom Bundestag bestätigt wurde, verhinderte die Rückgabe von landwirtschaftlichem Grundbesitz, der noch in der Sowjetischen Besatzungszone unter dem Slogan "Junkerland in Bauernhand" enteignet worden war. Diese von früheren Eigentümern erbittert, aber erfolglos bekämpfte Regelung ermöglichte es, dass die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften der DDR als Unternehmen fortbestehen konnten. Die großen zusammenhängenden Flächen lassen sich mit leistungsstarken Maschinen bearbeiten, moderne Methoden steigerten die Erträge. Allerdings sank die Zahl der Arbeitskräfte in der Land- und Forstwirtschaft von 850.000 auf unter 130.000.

Neue Straßen Wesentlichen Anteil an der überwiegend positiven Wirtschaftsentwicklung hatte die Modernisierung der Infrastruktur. Am schnellsten ging sie beim Telefonnetz, das innerhalb von sieben Jahren von elf auf 50 Anschlüsse pro hundert Einwohner ausgebaut wurde. Bei der Verkehrsinfrastruktur schaut manch westdeutscher Bürgermeister neidisch nach Osten. Mehr als 1.900 Kilometer Autobahn wurden neu- und ausgebaut, dazu die meisten Bundes-, Land-, Kreis- und Gemeindestraßen instandgesetzt. Für viele Unternehmen war das gute Verkehrsnetz, verbunden mit den niedrigen Grundstückspreisen und den qualifizierten Arbeitskräften, ausschlaggebend für die Ansiedlung im Osten. Zu leiden haben nur die Autowerkstätten, weil es kaum mehr Kopfsteinpflaster gibt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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