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BEVÖLKERUNG
Stefan Uhlmann
Das Land leert sich

Seit dem Jahr 1989 haben fast zwei Millionen Ostdeutsche ihre Heimat verlassen. Aber mittlerweile hat der Schrumpfungsprozess auch Regionen im Westen der Republik erfasst

Schwedt war 1989 eine junge und wachsende Stadt. Der Altersdurchschnitt lag unter 30 Jahren. Bei der PCK-Raffinerie und einer großen Papierfabrik gab es Jobs, viele Neubauten bestimmten das Stadtbild. Dann kam die Wiedervereinigung und die Stadt begann zu schrumpfen. Junge Leute zogen fort, Tausende Wohnungen standen leer. Schwedt wurde zum Muster für den Stadtrückbau im Osten. Mehr als 6.000 Wohnungen verschwanden. Bis 2030 wird sich die Einwohnerzahl von einst 52.000 auf 25.000 mehr als halbiert haben.

Massiver Rückgang Die Stadt in der Uckermark steht exemplarisch für die Bevölkerungsentwicklung in Ostdeutschland. Schon in der Zeit des Umbruchs 1989/1990 kehrten 750.000 Menschen ihrer Heimat den Rücken, bis 2012 waren es rund 1,8 Millionen Ostdeutsche. Die Ost-Bevölkerung ist damit in weniger als einem Vierteljahrhundert um mehr als zehn Prozent zurückgegangen. Vor allem junge Leute und überdurchschnittlich viele Frauen zogen gen Westen.

Dieser Aderlass ist inzwischen weitgehend zum Stillstand gekommen. Wegen der allgemeinen demografischen Entwicklung geht der Schrumpfungsprozess dennoch weiter. Bis 2030 wird einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge bezogen auf das Jahr 2012 die Einwohnerzahl in Sachsen-Anhalt um 13,6 Prozent abnehmen. In Thüringen sind es 9,9 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern 7,9 Prozent, in Sachsen 5,9 Prozent und in Brandenburg dank des Speckgürtels um Berlin nur 3,5 Prozent. Im Westen werden Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und das Saarland der Studie zufolge Rückgänge hinnehmen müssen. Dagegen werden Berlin und Hamburg mit plus 10,3 beziehungsweise 7,5 Prozent boomen.

Die ostdeutschen Länder haben frühzeitig auf den Einwohnerschwund reagiert. In den 1990er Jahren passten sie mit Gebietsreformen die Verwaltung an. 20 Jahre danach werden wieder Landkreise zusammengelegt, die Zahl der kreisfreien Städte wird stark reduziert. Sachsen-Anhalt, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern haben die zweite Reform absolviert, in Brandenburg und Thüringen steht sie noch bevor. Dabei gibt es allerlei Widerstände. Die Bürger befürchten weite Wege, Behördenmitarbeiter bangen um ihre Jobs.

Dabei gibt es im Osten durchaus Differenzierungen. Einige Städte wie Berlin, Potsdam, Dresden, Jena oder Erfurt prosperieren. Andere Regionen wie der Nordosten, Sachsen-Anhalt oder die Lausitz befinden sich demografisch im "freien Fall", wie die Bundeszentrale für politische Bildung unlängst feststellte. Problematische Gebiete gibt es auch im Westen, etwa in Nordhessen, in der Südwestpfalz oder Oberfranken. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung sieht die demografische Trennlinie mittlerweile weniger zwischen Ost und West, sondern eher zwischen großen und wirtschaftlich starken Städten sowie ländlichen Regionen. Dennoch: Wer sich Grafiken zur Bevölkerungsentwicklung anschaut, kann recht genau die alte innerdeutsche Grenze nachzeichnen.

Verstädterung und Vergreisung sind die beiden großen demografischen Trends in Deutschland. Das Statistische Bundesamt erwartet in seiner Bevölkerungs-Vorausberechnung für 2060, dass sich der Anteil der über 65-Jährigen von 21 auf 32 bis 33 Prozent erhöhen wird. Der Anteil der über 80-Jährigen dürfte sich von fünf auf elf bis zwölf Prozent mehr als verdoppeln. Die Einwohnerzahl von derzeit gut 80 Millionen Menschen wird allerdings ab 2023 sinken; selbst die Zuwanderung kann den Trend nicht aufhalten. Für das Jahr 2060 gehen die Statistiker von nur noch 67,6 Millionen Menschen bei schwächerer Zuwanderung aus. Wahrscheinlicher erscheint die Variante mit stärkerem Zuzug, die dennoch die Bevölkerung auf 73,1 Millionen Menschen schrumpfen lassen würde.

Ausländische Wurzeln Auch beim Thema Zuwanderung gibt es gravierende Unterschiede zwischen Ost und West. Mehr als 16 Millionen Menschen in Deutschland haben ausländische Wurzeln, gut ein Fünftel der Gesamtbevölkerung. 56 Prozent von ihnen haben einen deutschen Pass. Im Osten haben nur vier bis fünf Prozent einen Migrationshintergrund. Die alte Bundesrepublik holte ab 1961 Gastarbeiter ins Land, viele blieben und wurden sesshaft. Rund drei Millionen Bundesbürger sind türkischstämmig. Auch die DDR kannte Gastarbeiter, vor allem aus Vietnam, Angola und Mosambik. Die meisten gingen zwar in ihre Heimat zurück, doch zeugen etwa die rund 100.000 in Deutschland lebenden Bürger mit vietnamesischen Wurzeln von dieser Einwanderungswelle.

Ostdeutsche Städte reagieren auf die abnehmende Bevölkerung mit dem Abriss von Plattenbauten. In vielen Dörfern ist Engagement und Ideenreichtum gefragt, um die Menschen zu versorgen. So versucht Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), mit einem neuen Gesetz Ärzte aufs Land zu locken. Neue Konzepte für die Schulen sind gefragt.

Nur an das Thema Länderfusionen traut sich niemand heran, seit die Vereinigung von Berlin und Brandenburg 1996 am Votum der Bürger scheiterte. Zuletzt warb Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) für ein Mitteldeutschland, in das sein Land mit Sachsen und Thüringen aufgehen könnte. Die saarländische Regierungschefin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) kann sich sechs bis acht statt 16 Bundesländer vorstellen, sollte es keine Altschuldenregelung für ärmere Länder geben. Der frühere Verfassungsgerichtspräsident Hans-Jürgen Papier hält wegen der dauerhaft fehlenden Finanzkraft einiger Länder Fusionen ebenfalls für notwendig. Vor allem den Ost-Ländern empfiehlt Papier wegen ihrer wirtschaftlichen Schwäche Zusammenschlüsse.

Wirtschaftsleistung und Löhne stagnieren hier bei rund 70 Prozent des Westniveaus. Die Arbeitslosigkeit im Osten ist zwar in den vergangenen Jahren von mehr als 20 auf zwölf Prozent gesunken, aber immer noch doppelt so hoch wie im Westen. Ein Fünftel der Angestellten im Osten sind in Betrieben mit mehr als 250 Mitarbeitern tätig, im Westen ist es jeder Zweite. Die Folgen im Osten sind eine stärkere Beschränkung auf das Inlandsgeschäft und zu wenige Innovationen. Das machen auch eine gute Infrastruktur und Hochschullandschaft nicht wett.

Dennoch sind inzwischen einige Zehntausend Ostdeutsche in ihre Heimat zurückgekehrt. Die neuen Länder werben gezielt um die einst verlorenen Fachkräfte. Heimweh mag für die Rückkehrer ein Grund sein, eine gute Infrastruktur und ausreichend Kita-Plätze sind andere. In Schwedt wird derweil nicht nur abgerissen. Mitten in der Stadt weicht ein Plattenbauviertel der neuen "Regenbogensiedlung". Bis 2018 entsteht hier ein Ensemble aus Mehrgenerationenhäusern, barrierefreien Stadthäusern und Gebäuden für betreutes Wohnen. Die Umgebung der Stadt ist ein Geheimtipp für Naturfreunde. Der Nationalpark Unteres Odertal, vor 20 Jahren gegründet, ist alles andere als überlaufen.

Der Autor arbeitet als

freier Journalist in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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