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PETER STEIN
Susanne Kailitz
»Wir jungen Ingenieure wurden gebraucht«

Konzepte für eine sterbende Region musste der Stadtentwickler in Rostock nicht erarbeiten

Ich werde niemals den Tag des Mauerfalls vergessen: Den habe ich nämlich vor Ort in Berlin erlebt. Damals nahm ich als Student der Stadt- und Regionalplanung aus Dortmund an einem Studienprojekt in West-Berlin teil und zufällig waren wir am 9. November 1989 gerade in der Stadt. Diese Emotionen werde ich nie mehr vergessen.

Ganz schnell nach der Wende bin ich dann nach Rostock gegangen. Damit hat sich auch familiär irgendwie ein Kreis geschlossen. Mein Vater hatte in den frühen 1960er Jahren die DDR als Flüchtling verlassen. Zuvor hatte er als Ingenieurskind und Christ nicht studieren dürfen. Als Schüler durfte er auf Feldern Steine für die Mole des Ostseehafens Rostock sammeln. Davon hat er immer viel erzählt.

Zudem hatte mein Professor an der Universität in Wismar einen alten Freund. Dessen Sohn war in Rostock Abteilungsleiter Stadtentwicklung - und ich als frisch gebackener Stadtentwickler auf der Suche nach einem neuen Tätigkeitsfeld. Deshalb sage ich immer: Es musste einfach Rostock werden, so viele Zufälle kann es gar nicht geben.

So habe ich in den 1990er Jahren zuerst in Rostock meine Diplomarbeit geschrieben und dann freiberuflich gearbeitet. 1994 wechselte ich in die Stadtverwaltung. Wir jungen Ingenieure wurden gebraucht. Zwar war die Ausbildung in der DDR qualitativ gleichwertig gewesen, aber man hatte es ja auf einmal mit ganz neuen Rahmenbedingungen zu tun, etwa was das Planungs- und Verfahrensrecht betraf. Es gab damals auch welche, die Vorbehalte gegen mich hatten, aber insgesamt bin ich sehr aufgeschlossen und freundlich empfangen worden.

Inzwischen ist Rostock meine Heimat. Dass ich hier etwa Konzepte für eine sterbende Region entwickelt hätte, die man später mal im Westen nutzen könnte, das stimmt aber nicht: Rostock ist eine wachsende Stadt, die nach Einbrüchen eine tolle Entwicklung genommen hat. Die Lebensqualität ist hoch. Von Kollegen aus den alten Bundesländern höre ich eigentlich nie Neid über das viele Geld, das in die ostdeutsche Entwicklung geflossen ist. Eigentlich höre ich immer einen Satz: "Mensch, ist das schön geworden."

Aber natürlich ist klar, dass der Solidarpakt so wie jetzt nicht fortgeführt werden kann. Das Geld muss jetzt in strukturschwache Regionen fließen, ganz egal ob Ost oder West.

Ich spüre auch die Unterschiede zwischen Ossis und Wessis nicht mehr. Als ich Mitte der 1990er Jahre mein Haus mit eigenen Händen gebaut habe, da waren die "Alten" in meinem Dorf ganz begeistert. Einer hat damals zu mir gesagt: "Ostdeutsche können das noch" - und war dann ganz perplex, als ich ihm sagte, dass ich Westdeutscher bin. Aber inzwischen ist das kein Thema mehr. Hamburger und Rostocker sind sich viel ähnlicher als die Mecklenburger und die Bayern.

Vielleicht hätte ich meine politische Karriere so im Westen nicht gemacht. Ich habe schon 1992 nach den Krawallen in Rostock-Lichtenhagen angefangen, mich zu engagieren. Ich war damals in Kontakt mit dem Bündnis "Bunt statt braun" und hatte einfach das Bedürfnis, selbst auch Farbe zu bekennen.

1998 bin ich in die CDU eingetreten, für die ich Ende der 1990er dann zweiter Bürgermeister meiner Heimatgemeinde Mönchhagen wurde. Von 2006 bis 2011 war ich Landtagsabgeordneter und 2013 bin ich dann in den Bundestag eingezogen.

Gerade in Sachen ehrenamtliches Engagement sehe ich noch einen Unterschied: In meiner alten Heimat im Rheinland haben die Vereine und Parteien vielleicht zehnmal so viele Mitglieder wie hier in Mecklenburg-Vorpommern. Aber die sind nicht unbedingt alle aktiv. Hier ist das anders: Wer sich in Rostock engagiert, der bleibt auch aktiv.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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