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ANTJE TILLMANN
Susanne Kailitz
»Eine tolle, spannende Zeit«

Die Christdemokratin kam als Finanzbeamtin in den Osten

Ob es heute noch Unterschiede zwischen Ost und West gibt? Ich muss zugeben: In den 24 Jahren, in denen ich inzwischen in Thüringen lebe, weiß ich eigentlich gar nicht mehr, ob die Menschen in meiner alten Heimat Neuss wirklich so anders ticken als in Erfurt. Für meine 18-jährige Tochter, die in Thüringen geboren ist, spielt das Thema gar keine Rolle mehr.

Dass nach all der Zeit noch immer nicht überall bekannt ist, dass auch Ostdeutsche den Solidaritätszuschlag zahlen, erstaunt mich dennoch nicht. Die Abgabe ist einfach zu stark mit dem Bild verbunden, dass die Westdeutschen allein dafür zahlen, dass es im Osten schickere Brücken, Innenstädte und Straßen gebe - auch wenn das Geld dafür nur zu einem Teil verwendet wurde. Ich bin dafür, dass der Soli in den Einkommensteuer-Tarif eingebunden wird. Finanzminister Schäuble hat ja schon vorgeschlagen, dass der Solidaritätszuschlag ab 2019 stufenweise abgeschafft wird. Das hätte eine psychologische Wirkung; damit würde signalisiert, dass die Wiedervereinigung weitgehend verwirklicht ist. Denn auch nach dem Auslaufen des Solidarpaktes II im Jahr 2019 wird es weiter Förderungen für strukturschwache Regionen geben - dann aber nicht mehr nach Himmelsrichtungen, sondern nach konkreter Bedürftigkeit. Einen Solidarpakt III wird es nicht geben. Wie genau die Fördermaßnahmen für strukturschwache Regionen aussehen werden, ist Teil der Neuregelungen der Bund-Länder-Finanzbeziehungen, über die wir gerade beraten.

Meine neue Heimat jedenfalls steht gut da: Erfurt, Weimar oder auch Eisenach sind wunderschöne Städte, wir haben in Thüringen die niedrigste Arbeitslosigkeit in den neuen Ländern und einen sehr guten Stand bei der Kinderbetreuung. Ich glaube, wir können in den neuen Ländern stolz auf das sein, was in den vergangenen Jahren gelungen ist. Es hat hier eine Riesenaufholjagd gegeben. Ich habe zwar auch zu denen gehört, die dachten, es würde mit der Angleichung der Lebensverhältnisse schneller gehen. Aber da brauchen wir einfach Geduld, das weiß ich heute. Was ich aber wirklich beeindruckend finde, ist die Lebensleistung der Ostdeutschen: Die mussten sich nach der friedlichen Revolution plötzlich in einem vollkommen neuen System zurechtfinden. Von heute auf morgen war ja kaum noch etwas so wie früher. Den schnellen Umbruch in allen Lebensbereichen konnte ich natürlich ruhiger angehen als viele ehemalige DDR-Bürger: Immerhin war ich ja abgesichert und lief nicht Gefahr, meinen Job zu verlieren. Da haben viele Thüringer ganz andere Erfahrungen gemacht.

Als ich 1990 als Finanzbeamtin nach Königs Wusterhausen kam, war das eine unglaublich spannende Erfahrung. Ich hatte 1986 meinen Abschluss in Nordrhein-Westfalen als Diplom-Finanzwirtin gemacht und bin dann nach Brandenburg gegangen, um beim Aufbau der Fachhochschule für Finanzen mitzuhelfen. Eigentlich sollte ich das Steuerberatungsbüro meines Vaters übernehmen. Familiär war die Entscheidung, dann einen anderen Weg einzuschlagen, nicht leicht. Aber ich habe die ersten Jahre in Ostdeutschland als wirklich tolle, spannende Zeit in Erinnerung. Mich hat vor allem beeindruckt, mit wie viel Herzblut und Entschlossenheit die Menschen damals losgelegt haben.

Nach Thüringen bin ich eher zufällig gekommen: ein Freund erzählte mir, dass der damalige Finanzminister eine Büroleiterin suchte. Ich habe mich in Erfurt von Anfang an wohl gefühlt; für mich sind Thüringer und Rheinländer sehr ähnlich: unkompliziert, freundlich und offen. Hier habe ich auch mit Politik weitergemacht. Um Menschen und Stadt schneller kennenzulernen, bin ich zu einer CDU-Veranstaltung gegangen, auf der Kandidaten für die Stadtratswahl gesucht wurden. Als ich ganz beiläufig erwähnte, dass ich schon früher in Neuss im Finanzausschuss des Stadtrates mitgearbeitet hatte, wurde mir gesagt, dass genauso jemand gesucht würde - schon stand ich auf der Kommunalwahlliste und wurde gewählt.

Seit 1993 lebe ich nun in Erfurt, seit 2002 pendle ich von hier nach Berlin in den Bundestag; erst über die Landesliste und seit 2009 mit dem Direktmandat des Wahlkreises Erfurt-Weimar-Grammetal und heute als finanzpolitische Sprecherin meiner Fraktion. Wenn ich heute in meiner Thüringer Heimat Besuch von Kollegen aus den alten Bundesländern empfange, kann ich denen die wunderschönsten Plätze zeigen. Der Ur-Erfurter weist drauf hin, dass es auch noch viele Dreckecken gibt. Vielleicht ist das eine sehr deutsche Eigenschaft, immer eher das zu sehen, was noch nicht geschafft worden ist. Aber wahrscheinlich ist es auch dieser Drang nach Perfektion, der uns ziemlich erfolgreich sein lässt. Aber es bleibt mein politisches Ziel: Dass alle Menschen in Deutschland trotz der Probleme, die wir zweifellos haben, merken, dass wir in einem tollen Land leben.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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