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BURKHARD LISCHKA
Susanne Kailitz
»Im Westen gibt es bis heute viel Gleichgültigkeit«

Der Sozialdemokrat wünscht sich mehr Interesse für ostdeutsche Lebenserfahrungen

Als ich als frisch ausgebildeter Jurist Anfang der 1990er Jahre unbedingt in den Osten wollte, hat mein Umfeld diesen Wunsch eher ratlos kommentiert: Eigentlich wusste keiner, warum ich das machen sollte. Mein damaliger Chef, der mir das Angebot gemacht hatte, nach dem Referendariat bei ihm anzufangen, dachte lange, das wäre meine Taktik, ein noch besseres Angebot rauszuholen und war dann richtig sauer, dass er mich auch mit tollen Konditionen nicht überzeugen konnte.

Denn ich wollte in den Osten. Es gab da eine Neugier auf dieses Land, das mir total fremd war, obwohl ich nur zwei Stunden Fahrt entfernt wohnte. Ich dachte mir, dass dort bestimmt noch nicht alles so eingefahren sein würde wie im Westen.

Als ich dann mit der Notarin, bei der ich eine Station meiner Notarsausbildung absolvieren sollte, ein erstes Treffen vereinbart hatte, warnte selbst sie als geborene Ostdeutsche mich: Sie meinte, als sie das erste Mal in Hettstedt am Harz auf dem Markt gestanden habe, hätte sie geweint. Ich fand es dann gar nicht so schlimm. Ich komme aus dem Sauerland - und sage immer, wer dort überlebt hat, der kommt überall klar.

Am Anfang gab es viel Vorsicht im Umgang miteinander: Man hat schon aufgepasst, nicht die gleichen lockeren Sprüche zu machen wie zu Hause. Und ich habe mich aus bestimmten Diskussionen immer rausgehalten: über die Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat war zum Beispiel. Da fehlte mir einfach die eigene Erfahrung und ich habe mich nicht in der Rolle gesehen, da mitzureden. Einige Westdeutsche haben das aber getan: Ich kann mich an eine Podiumsdiskussion über die Staatssicherheit erinnern, da kamen vier von fünf Teilnehmern aus den alten Bundesländern. Dass es vielen Ostdeutschen bitter aufgestoßen ist, wenn ihnen von Leuten, die nicht in der DDR gelebt haben, erklärt wurde, dass sie eigentlich nicht nur im falschen Land, sondern auch das falsche Leben gelebt haben, konnte ich immer gut verstehen. Es gab Situationen, da habe ich mich für manche Besserwisserei einiger Westdeutscher richtig geschämt.

Für mich gab es damals viele Dinge, die mir fremd waren. Das gemeinsame Bürofrühstück etwa, jeden Tag um Viertel nach acht. Dass Chefs und Mitarbeiter da ganz zwanglos zusammensaßen und auch Privates besprochen haben, kannte ich aus meiner alten Heimat nicht. Heute weiß ich, dass die Arbeit im Osten eine ganz andere Bedeutung hatte. Das war nicht nur Mittel, um Geld zu verdienen und sich einen Lebensstandard zu sichern. Das war auch Gemeinschaftsgefühl, Zugehörigkeit. Und es war natürlich für viele, denen dieser Teil ihres Lebens im Zuge der Wende und des Umbruchs verloren ging, ein dramatischer Verlust. Der aber nicht überall gesehen wurde: Ich stelle häufig fest, dass es im Westen bis heute viel Gleichgültigkeit gegenüber dem Osten gibt. Gerade kurz nach der Wende gab es so einen Konsens, dass sich im Osten alles, im Westen aber im Grunde nichts zu ändern habe - und tatsächlich war es ja auch über weite Strecken so. Für die Ostdeutschen hat sich wirklich alles geändert: nicht nur das Rechts- und Wirtschaftssystem, auch der gesamte Alltag. Und viele Leute im Westen wollten nichts wissen über das, was die neuen Bundesbürger erlebt hatten.

Inzwischen glaube ich aber, dass uns gar nicht mehr so viel trennt. Auch die alte Bundesrepublik ist ja nicht statisch geblieben. Als meine Frau und ich vor 17 Jahren unseren damals einjährigen Sohn in einer Kinderkrippe betreuen ließen, war mein altes Umfeld im Sauerland ein Stück weit entsetzt: So etwas war damals dort undenkbar. Heute ist das auch dort ein nicht ganz seltenes Modell.

Einen Unterschied sehe ich aber bis heute, auch wenn man nichts pauschalisieren kann: Ostdeutsche sind ein bisschen direkter. Da, wo viele Westdeutsche vor allem bei politischen Aussagen ein bisschen rumschwurbeln, gibt's hier eine ziemlich direkte Ansage. Ich bin froh, dass ich zwei Seiten in mir trage. Das ist für mich persönlich ein riesiger Gewinn.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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