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Annette Sawade
Götz Hausding
»Alle Akten zu vernichten wäre nicht gut gewesen«

Die SPD-Politikerin wurde von der Stasi verfolgt und verließ am 3. Oktober 1982 die DDR

Der 3. Oktober ist für mich ein ganz besonderer Tag. Nicht nur, weil vor 25 Jahren die Wiedervereinigung gesetzlich festgeschrieben wurde. Nein, auch weil ich am 3. Oktober 1982 die DDR verlassen habe. Als mein damaliger Mann und ich uns mit unseren Kindern und der Katze im Transportkarton am Bahnhof Friedrichstraße von den Ost-Freunden verabschiedet haben und gleich darauf von den West-Freunden begrüßt wurden - das war eine Situation, da bekomme ich immer noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Die DDR - das war nicht mein Land, nicht meine Regierung. Natürlich auch eine Folge der Prägung durch mein christliches Elternhaus. Mein Vater war Pfarrer und bei meiner Geburt schon 61. Seine Kinder aus erster Ehe lebten im Westen - so hatten wir enge Verbindungen nach dort, wenn auch nur einseitig, was die Besuche anbelangt. Meine Schwester und ich waren nicht bei den Jungen Pionieren oder der FDJ und machten auch keine Jugendweihe. Nur durch Bestleistungen in der Schule konnten wir die Erweiterte Oberschule besuchen. Aber trotz eines Abiturs mit 1,0 erhielt ich keine Studienzulassung. Politisch unreif sei ich, sagte man meiner Mutter damals.

Dank eines privaten Kontaktes, habe ich einen Job als Hilfstierpflegerin im Tierpark Ostberlin ergattert. Später habe ich dann tatsächlich einen Studienplatz bekommen - in Chemie, nicht wie gewünscht in Biologie oder Medizin. Doch mir hat das Studium Freude gemacht. Aber eine Promotion wurde mir trotz des guten Diploms nicht ermöglicht. Was wir natürlich nicht wussten - aber ahnten: Die Stasi hatte uns schon länger im Blickfeld. In unserer Ostberliner Wohnung fanden zahlreiche Diskussionen und "Politfeten" auch mit Westberliner Gästen statt. Berichte darüber konnten wir später in unserer Akte nachlesen. Wir haben uns aber nicht beirren lassen und letztendlich gemacht, was wir für richtig hielten.

Als ich später meine Stasi-Akte gelesen habe ist mir schon mulmig geworden. Die Stasitypen haben uns tatsächlich verfolgt. Es wurde minutiös beschrieben, wann ich mich wohin bewegt habe und was ich getan habe. Es war einfach nur absurd.

Was den Umgang mit den Stasiakten nach der Wende angeht: Alles zu vernichten, wäre nicht gut gewesen. Allerdings wurde auch selektiert. Bei bestimmten Leuten wurden die Akten nicht offen gelegt, was ich nicht in Ordnung finde. Außerdem waren unsere Akten, bevor wir sie erhielten, bereits gesichtet und ein großer Teil geschwärzt. Das hat mich irritiert. Das bedeutet doch, dass schon wieder zensiert wurde. Möglicherweise um Leute zu schützen, aber wer durfte das bewerten?

Ich selbst lebe inzwischen länger in Baden-Württemberg als ich vorher in der DDR gelebt habe. Mit den Baden-Württembergern bin ich von Anfang an sehr gut ausgekommen. Aber klar ist: Es gab und gibt natürlich Unterschiede. Am deutlichsten wird das bei der Frage der Gleichberechtigung. Als ich damals in Stuttgart gesagt habe, ich gehe Vollzeit arbeiten, waren sie verwundert. Nach dem Motto: Verdient denn ihr Mann nicht genug? Es kam ihnen nicht in den Sinn, dass ich mit meinem akademischen Abschluss arbeiten wollte und das für mich selbstverständlich war.

Ich bin in die Politik, und wegen der Ostpolitik von Willy Brandt, in die SPD eingetreten, weil ich etwas zurückgeben wollte, was mir die Bundesrepublik ermöglicht hat. Die Ausreise aus einem unfreien Staat, den Neustart in der Bundesrepublik und endlich die Chance, ohne Angst vor Repressalien politisch etwas bewegen zu können. Ich bin stolz darauf, dass mir gerade die Baden-Württemberger als einer Frau "aus dem Osten" ihr Vertrauen gegeben haben und mich als eine ihrer Abgeordneten in den Bundestag gewählt haben.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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