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FAMILIE
Susanne Kailitz
Zwei Lebenswelten

Wenn es um die Einstellungen zu Kinderbetreuung, Ehe und Erwerbstätigkeit von Müttern geht, ist Deutschland noch immer geteilt

Katja Falk aus Leipzig und Simone Kanz aus Stuttgart (beide Namen geändert) haben einander nie gesehen. Sie haben aber eine ziemlich klare Meinung übereinander. Sie könne nicht verstehen, sagt Kanz, wieso die Ostdeutsche zwei kleine Kinder habe und trotzdem 35 Stunden pro Woche arbeite. "Dann sind die ja beide den ganzen Tag in Fremdbetreuung. Dafür muss man doch keine Kinder bekommen." Umgekehrt stößt Kanz' Lebensmodell auf Unverständnis bei Falk: "Mit einem dreijährigen Kind den ganzen Tag daheim bleiben? Ich würde mich zu Tode langweilen. Und ich fände es ziemlich blöd, mich von meinem Partner finanzieren zu lassen. Zum Glück habe ich meinen Job und damit eigenes Geld."

Vor 25 Jahren ist die Mauer gefallen. Aber wenn es um bestimmte Statistiken geht, erscheint auf der Deutschlandkarte plötzlich wieder das Bild zweier getrennter Staaten, ziemlich exakt dort geteilt, wo bis zum Herbst 1989 die innerdeutsche Grenze verlief. Und auch wenn ideologische Erwägungen weder für Katja Falk noch für Simone Kanz eine Rolle spielten, als sie sich für ein bestimmtes Lebensmodell entschieden: Mit den Parametern, die sie dafür gewählt haben, stehen sie exemplarisch für all das, was Deutschland auch heute noch trennt - jedenfalls wenn es um Familienmodelle geht.

Simone Kanz, gelernte Handelskauffrau, hat ihre Tochter mit 33 Jahren bekommen und ist nach der Geburt "völlig selbstverständlich" daheim geblieben. Ab Herbst soll die Dreijährige in den Kindergarten gehen, ihre Mutter wird dann wieder arbeiten. "Aber nur zehn Stunden die Woche. Ich will mir erst einmal anschauen, wie sie die Betreuung dort verkraftet und flexibel sein, wenn es nicht so laufen sollte wie gewünscht." Finanziell ist das kein Problem: Kanz ist seit 14 Jahren verheiratet und ihr Mann "verdient so gut, dass wir mein Gehalt nicht brauchen". Gern hätte die Familie weitere Kinder, "am liebsten noch zwei". Und für die würde die Stuttgarterin wieder mehrere Jahre im Job pausieren. Auf das wachsende Angebot an Krippen- und Kitaplätzen in ihrer Heimat würde sie nicht zurückgreifen wollen: "Ich glaube nicht, dass eine Betreuung außer Haus für so kleine Kinder wirklich gut ist. Die brauchen doch eher die Geborgenheit daheim. Diese Nähe kann keine Erzieherin bieten, wenn sie sich gleichzeitig um fünf oder mehr Kinder kümmern muss."

Für die Arzthelferin Katja Falk war es dagegen klar, dass sie nach der Geburt ihres Sohnes vor sechs Jahren nur zwölf Monate pausieren würde. "Länger hätte ich das nicht gewollt. Ich bin nicht so der Typ, der auf dem Spielplatz oder in der Krabbelgruppe Erfüllung findet. Außerdem wäre es finanziell dann ganz schön knapp geworden." Deshalb will sie auch sofort wieder arbeiten, wenn ihre im April geborene Tochter ein Jahr alt wird. Um Erziehung und Haushalt kümmert sie sich dann nahezu allein: Ihre Lebensgefährte arbeitet als Gerüstbauer in Nordrhein-Westfalen und kommt nur am Wochenende nach Hause. "Dort verdient er mehr. Und für mich ist es kein Problem, unter der Woche alleinerziehend zu sein: Meine Eltern sind geschieden, ich kenne das nicht anders. Ich hätte nie im Leben auf Kinder verzichtet, nur weil unsere Rahmenbedingungen vielleicht nicht perfekt sind."

Deutliche Unterschiede Keine dieser Aussagen dürfte Michaela Kreyenfeld zum ersten Mal hören. Die beiden Frauen verkörpern das, was die Soziologin und Leiterin der Forschungsgruppe "Lebenslauf, Sozialpolitik und Familie" am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock in ihren Erhebungen häufig verzeichnet. "Wenn es um den Bereich der Familie geht, sind die Unterscheide in den Einstellungen und Verhaltensweisen zwischen in Ost- und Westdeutschland nach wie vor riesig." Das belegen auch sämtliche sozialwissenschaftliche Daten: So sind knapp 62,9 Prozent der ostdeutschen Mütter mit minderjährigen Kindern erwerbstätig und 59,7 der westdeutschen. Keine wirkliche Differenz. Riesige Unterschiede gibt es aber hinsichtlich des Erwerbsumfangs: So arbeitet in Westdeutschland nur jede vierte Mutter in Vollzeit, im Osten jede zweite.

Im Osten sei es üblich, nach einem Jahr wieder in Vollzeit oder reduzierter Vollzeit von etwa 30 Stunden pro Woche einzusteigen, sagt Kreyenfeld. "Im Westen gehen dagegen die allermeisten Mütter in Teilzeit in ihren Job zurück und arbeiten dann 15 Stunden oder weniger pro Woche." Für diese Unterschiede gibt es hauptsächlich eine Erklärung: Angebot und Nachfrage nach institutioneller Kinderbetreuung. In Westdeutschland gibt es nach wie vor weniger Betreuungsplätze speziell für unter Dreijährige. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lag zum Stichtag 1. März 2014 die Betreuungsquote bei unter Dreijährigen bei 27,2 Prozent - im Osten sind es 52 Prozent. An der Frage, ob eine frühe Betreuung für Kinder schädlich oder harmlos sei, würden sich auch ein Vierteljahrhundert nach der Wende die Geister scheiden, sagt Norbert Schneider, Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. "Wenn wir fragen, wann und wie lange lange ein Kleinkind problemlos in einer Kita betreut werden kann, antworten uns westdeutsche Eltern, dass ab zwei Jahren etwa vier Stunden pro Tag ok seien. Ostdeutsche haben kein Problem damit, wenn anderthalbjährige Kinder sechs Stunden täglich betreut werden." Es gebe in Westdeutschland ein sehr starkes Mutterideal, das von Müttern fordere, "für eine bestimmte Zeit die eigenen Interessen und damit auch die Erwerbstätigkeit weitgehend ruhen zu lassen. Eine gute Mutter ist in dieser Lesart eine, die sich in Vollzeit kümmert - möglichst, bis die Kinder in die Schule kommen. Im Osten ist das kein Leitbild." Genauso wenig übrigens wie die Idee, Eltern müssten zwangsläufig miteinander verheiratet sein: Längst wird in den neuen Bundesländern mehr als die Hälfte aller Kinder unehelich geboren. Im Westen dagegen erblickt die große Mehrzahl der Kinder das Licht der Welt in Familien, in denen Mutter und Vater verheiratet sind. Für diese Diskrepanz hat Forscherin Kreyenfeld zwei Erklärungen: Zum einen stelle die Ehe für die meisten ostdeutschen Frauen keine Voraussetzung zum Kinderkriegen dar, weil sie nicht auf die damit einhergehende materielle Absicherung angewiesen sind. Zum anderen spiele wohl die weitverbreitete Konfessionslosigkeit im Osten eine Rolle. Das Zusammenleben ohne Trauschein sei hier vollkommen normal und gesellschaftlich in keiner Weise verpönt.

Viele Wissenschaftler hätten kurz nach 1989 der "mächtigen These" angehangen, Ost und West würden sich nun schnell angleichen, sagt Norbert Schneider, insbesondere, weil im Westen eine längst ausstehende Modernisierung einsetzen werde. "Ich habe daran nie geglaubt. Und wir sehen ja heute, dass wir es mit dauerhaften Divergenzen zu tun haben, die sich vorerst auch nicht auflösen werden".

Blick in die DDR-Vergangenheit Um zu verstehen, warum die Einstellungen in Ost und West so hartnäckig differieren, wenn es um die Familie geht, hilft ein Blick in die Vergangenheit. In der DDR war eine Beschränkung von Müttern auf Haus- und Familienarbeit nicht gewollt; gemäß der Verfassung des sozialistischen deutschen Staates hatten alle arbeitsfähigen Männer und Frauen ein "Recht auf Arbeit und die Pflicht zur Arbeit". Das Lohnsteuersystem begünstigte die Vollzeitberufstätigkeit von Frauen, ein flächendeckendes System von Kinderbetreuungseinrichtungen stellte die praktische Vereinbarkeit von Job und Familie sicher. Gleichzeitig wurde eine frühe Elternschaft durch finanzielle Anreize gefördert. Mit der Einführung eines bezahlten Babyjahres Mitte der 1970er Jahre schnellte die Quote nicht ehelich geborener Kinder nach oben und blieb in den Folgejahren stabil. Der Grund: Die Regelung bevorzugte zunächst unverheiratete Frauen, weil sie die Freistellung schon beim ersten Kind in Anspruch nehmen konnten, Verheiratete erst beim zweiten.

Im Westen dagegen war das Zusammenleben unverheirateter Paare bis 1973 verboten; Rechtsprechung und Familienpolitik setzten klar auf die Versorgerehe und das Ernährer-Hausfrauen-Modell. Das 1958 eingeführte Ehegattensplitting machte dieses Leitbild auch finanziell attraktiv.

Inzwischen präferiert die Politik ein anderes Modell. Und auch die Rechtsprechung setzt etwa mit Urteilen zum Unterhalt klar darauf, dass auch Mütter kleiner Kinder arbeiten - und zwar mehr als nur in geringer Teilzeit. Nichtehelich geborene Kinder sind denen verheirateter Eltern längst gleichgestellt. Man kann das durchaus so sehen: Das staatlich gewünschte Modell hat sich Richtung Osten verschoben. Doch die tradierten Rollenmodelle sind tief in den Menschen verankert; Gefühle und Werte ändern sich langsamer als Gesetze und Rechtsnormen.

Langsamer Wertewandel Dennoch sind Forscherinnen wie Michaela Kreyenfeld und Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, deutlich optimistischer als Norbert Fleischer, wenn es um die Wandlung der Familienbilder geht. In ihrer populären Brigitte-Studie kommt Allmendinger immer wieder zu dem Ergebnis, dass sich die Vorstellungen west- und ostdeutscher Frauen gar nicht mehr so stark unterscheiden: Sie alle würden sich Kinder und finanzielle Unabhängigkeit wünschen. "Sie wollen arbeiten und zwar mehr als Teilzeit. Und sie wollen ein partnerschaftliches Lebensmodell."

Für eine größere Vielfalt an akzeptierten Modellen plädiert Norbert Schneider. Die fehle in Deutschland derzeit noch. "Wir haben im Moment kein positives Modell. Egal, wie Eltern leben: Ob in der klassischen Hausfrauenehe oder als Doppelverdiener-Paar: Sie laufen immer Gefahr, kritisiert zu werden.

Mehr Akzeptanz für die Vielfalt der Lebensmodelle: Die würde vielleicht auch dafür sorgen, dass Frauen wie Katja Falk und Simone Kanz einander mit weniger Vorbehalten sehen würden. Denn bei allen großen Unterschieden eint sie eine Überzeugung: dass das Leben mit Kindern ein riesiger Gewinn ist, auf den sie nie mehr verzichten möchten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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