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sONJA STEFFEN
Susanne Kailitz
»Es ist für die Mütter schlicht eine ökonomische Notwendigkeit zu arbeiten«

Die SPD-Abgeordnete sieht in der Betreuungssituation von Kindern den letzten großen Unterschied zwischen Ost und West

Eigentlich hatte ich nur einen schönen Sommer an der Ostsee geplant, als ich 1995 nach Brandenburg ging. Ich bin in der Eifel geboren, habe in Köln Jura studiert und wurde dann von meiner Kanzlei "verschickt", um Umschüler in Sachen öffentliche Verwaltung auszubilden.

Damals hatte ich erst ein Kind, da erschien es mir ganz unproblematisch, meine Sachen zu packen und mich auf ein paar Monate am Meer einzustellen. Dass alles dann so ganz anders kommen würde, habe ich damals nicht geahnt.

Zuerst habe ich den Wechsel von West nach Ost gar nicht als so gravierend empfunden. Ich zog von einem Dorf in ein anderes, die Lebensumstände habe ich als sehr ähnlich empfunden. Die Mentalitätsunterschiede lagen eher am Nord-Süd-Gefälle: In der Eifel quatscht man gern, der Norddeutsche kann eher brummelig sein.

Wirklich gravierende Unterschiede sind mir eigentlich erst aufgefallen, als ich der Liebe wegen blieb und noch zwei Töchter bekam. In Westdeutschland ist es ja bis heute häufig so, dass Frauen nach der Geburt ihrer Kinder höchstens halbtags wieder arbeiten. Das ist ein Riesenunterschied zu Ostdeutschland: Hier steigen die Frauen in Vollzeit wieder ein. Als inzwischen selbstständiger Anwältin blieb mir selbst auch gar nichts anderes übrig, als schnell wieder weiter zu arbeiten - und ich habe es immer als wohltuend empfunden, deshalb nicht schräg angeschaut zu werden. Hier im Osten muss man sich da auch überhaupt keine Gedanken machen: Man meldet das Kind in der Kita an, fertig. Da muss man keine Sorgen haben, dass es eventuell keinen oder vielleicht nur einen Halbtagsplatz geben könnte.

Natürlich beneide ich manchmal diejenigen Frauen, die reduziert oder sogar überhaupt nicht arbeiten - ich glaube, das geht jeder Frau so, die versucht, Vollzeitjob und Familie unter einen Hut zu bekommen. Aber ganz ehrlich? Spätestens 13 Uhr daheim das Essen auf den Tisch bringen und dann die Kinder zum Sport oder zur Musikschule fahren zu müssen, wäre auch nicht mein Traum. Als inzwischen Alleinerziehende könnte ich meinen und den Lebensunterhalt meiner Kinder so auch nicht bestreiten. Und ich finde auch überhaupt nicht, dass das sein muss. Hier im Osten gibt es eine tolle Ganztagsbetreuung mit gut qualifiziertem Personal. Die Kinder haben in der Kita oder später im Hort ganz viele Angebote, die ich dann nicht auf eigene Faust selbst organisieren muss. Das ist doch großartig!

Ob wir damit im Osten Trendsetter sind, weiß ich nicht. Letztlich sehe ich in der Familienpolitik und der Betreuungssituation auch kleiner Kinder inzwischen den letzten großen Unterschied zwischen den beiden Landesteilen. Ich habe hier zum Beispiel noch nie jemanden getroffen, der das Betreuungsgeld in Anspruch genommen hätte. Wenn die Frauen in meinem Umfeld sich das durchrechnen, geben ihnen diese 150 Euro keine Wahlfreiheit. Es ist deshalb gut, dass das Bundesverfassungsgericht im Juli 2015 das Betreuungsgeld gekippt hat. Wir müssen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die frühkindliche Bildung fördern. Und wir müssen die Kinderbetreuungsmöglichkeiten ausbauen. Mit dem Betreuungsgeld werden bildungs- und familienpolitisch völlig falsche Signale gesetzt.

Ich glaube, ein großer Unterschied zwischen Ost und West besteht auch im Vertrauen gegenüber staatlichen Institutionen. Hier im Osten gibt es dieses Misstrauen, der Staat könne die Kinder irgendwie indoktrinieren, einfach nicht. Im Westen scheint das größer zu sein. Manchmal bin ich mir aber nicht sicher, ob das Argument, nur eine Mutter könne sich richtig gut um die Kinder kümmern, nicht auch vorgeschoben ist, um das eigene Lebensmodell zu rechtfertigen. Man hat da wohl das Gefühl, man müsse begründen, warum man als Mutter nicht oder nur reduziert arbeitet und schiebt dann gelegentlich vor, es ginge da rein ums Kindeswohl. Vielleicht ist im Westen aber auch dieser Individualisierungswahn größer; das Bestreben, die Kinder nach einem Plan aufwachsen zu lassen und jede Ressource optimal zu nutzen. Ich finde es gut, wenn ein Kind in der Kita mal eine Stunde ganz unbehelligt im Sandkasten spielt, anstatt nach einem durchdachten Konzept gefördert zu werden.

Ich sehe einfach, dass wir hier im Osten schon stärker das leben, was im Westen auch kommen wird. Mehr als die Hälfte der Kinder in der Klasse meiner Tochter lebt in Familien, in denen sich die Eltern getrennt haben. Da ist es für die Mütter schlicht eine ökonomische Notwendigkeit zu arbeiten. Ich bin aber überzeugt, dass ihnen das gleichzeitig auch Freiheit gibt: Wer selbst für sich sorgen kann, ist einfach nicht gezwungen, in einer Beziehung auszuharren, die nicht mehr glücklich ist. Für die Selbstbestimmung der Frauen ist es meiner Meinung nach ein Glück, dass die traditionelle Versorgerehe inzwischen zum Auslaufmodell geworden ist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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