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FRANK HEINRICH
Susanne Kailitz
»Heimat ist da, wo die vertrauten Menschen sind«

Der gebürtige Siegener und heutige CDU-Abgeordnete zog 1997 als Offizier der Heilsarmee nach Chemnitz

1997 bin ich nach Chemnitz gekommen. Vorher habe ich mit meiner Familie in Freiburg gelebt. Der Umzug war nicht unsere Entscheidung: Als Offiziere der Heilsarmee wurden meine Frau und ich mit einem Dienstauftrag nach Sachsen geschickt. Ganz ehrlich: Am Anfang hat die Stadt uns nicht verzückt. Wenn Sie damals die Zentralhaltestelle am Abend und bei Regen gesehen haben, war das kein Ort, an dem man sich spontan heimisch gefühlt hätte.

Aber zum Glück kannten wir schon einige Menschen dort, ich war schon ganz früher mal im damaligen Karl-Marx-Stadt gewesen. Deshalb hatten wir keine Schwierigkeiten, uns zu akklimatisieren. Ich bin sowieso immer der Meinung, Heimat ist da, wo die vertrauten Menschen sind. Heute ist Chemnitz schon lange unsere Heimat.

Dass ich gebürtiger Westdeutscher mit Geburtsort Siegen bin, spielt hier eigentlich gar keine Rolle. Wir haben bei den beiden Bundestagswahlkämpfen, die ich bislang mitgemacht habe, vorher immer ein bisschen befürchtet, das könne ein Thema und vielleicht sogar eine offene Flanke sein. Aber dann bin ich auf der Straße vielleicht zweimal danach gefragt worden. Dass ich 2009 und 2013 für die CDU in Chemnitz Direktmandate geholt habe, spricht ja auch dafür, dass es da offenbar keine Berührungsängste gibt.

Wo ich aber tatsächlich noch einen Unterschied zwischen Ost und West sehe, ist die Wahrnehmung der Außenpolitik. Ich glaube, Bundestagsabgeordnete im Westen sind bislang nicht das gefragt worden, was bei mir immer mal wieder Thema ist: Warum sich denn Kanzlerin Merkel (CDU) so durch den US-Präsidenten bevormunden lässt. Hier gibt es schon so eine Tendenz, die Auslandseinsätze der Bundeswehr und der Nato-Partner mit einer gewissen Skepsis zu betrachten. Und nicht umsonst hat ja die Bewegung der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" mit ihrer starken Kritik an den USA in Sachsen so großen Zulauf. In Thüringen gibt es sogar die "Europäer gegen die Amerikanisierung des Abendlandes".

In meinen Bürgersprechstunden kommt das immer wieder auf den Tisch. Die Leute wollen auch wissen, warum die Wahrnehmung Russlands in den deutschen Medien und im Bundestag so kritisch ist. Mir wird häufig signalisiert, Putin sei längst nicht so böse, wie er immer dargestellt werde.

Natürlich sind solche Unterhaltungen immer nur Momentaufnahmen und eignen sich schlecht zur Verallgemeinerung. Und natürlich wissen die Leute, die zu mir kommen, in der Regel auch, dass ich mich selbst ja immer schwer getan habe mit der Zustimmung zu den Auslandseinsätzen der Bundeswehr. Ich war selbst Wehrdienstverweigerer.

Ich hoffe, dass das Vertrauen, das mir wegen meiner Haltung bezüglich der Einsätze entgegen gebracht wird, auch die Herzen öffnet für mein Plädoyer für eine Lösung unserer akuten Flüchtlingsproblematik - auch wenn ich weiß, dass die Ressentiments in meiner Heimat gegenüber Asylsuchenden nicht klein sind.

Als ehemaliger Pastor und Mensch in doch sehr privilegierten Lebensumständen kann ich mich mit den Katastrophen, wie sie auf dem Mittelmeer wieder und wieder passieren, nicht abfinden. Ich habe deshalb eine Schülerprojektwoche zum Thema Asyl gemacht, bei der junge Chemnitzer mit einer Flüchtlingsfamilie und ihrem Paten ins Gespräch kommen konnten. Ich habe einen syrischen Flüchtling gefragt, ob es nicht schwer war, sein Land zu verlassen. Er sagte: "Wenn in Deiner Straße Bomben fallen, ist es leicht, die Heimat zu verlassen." Natürlich vermisse seine Familie vieles in Damaskus. "Aber wir wissen auch, dass es das, was wir vermissen, nicht mehr gibt." Diesen Austausch brauchen wir, um einander verstehen zu können.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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