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GRÜNES BAND
Claus Peter Kosfeld
Die grüne Lebenslinie

Artenreichtum auf früherem Todesstreifen

Die jahrzehntelange Teilung Deutschlands hat am ehemaligen Grenzstreifen einen einzigartigen Naturraum entstehen lassen. Weitgehend ungestört von menschlichen Aktivitäten, wurden auf dem streng abgeriegelten und überwachten, aber brachliegenden Gelände zahlreiche Tier- und Pflanzenarten heimisch.

Schon Mitte der 1970er Jahre, also lange vor der politischen Wende 1989, erkannten Naturschützer in Bayern, dass auf und entlang dem rund 1.400 Kilometer langen sogenannten Todesstreifen ein Refugium entstanden war und setzten sich nach der Revolution in der DDR für den Erhalt dieses speziellen Lebensraumes ein. So entstand 1989, vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) maßgeblich mit initiiert, das Projekt "Das Grüne Band".

Mehr als 1.200 Tier- und Pflanzenarten der "Roten Liste der gefährdeten Arten" fanden an der ehemaligen Demarkationslinie einen Rückzugsraum, so etwa seltene Vögel wie das Braunkehlchen und der Schwarzstorch, aber auch Fischotter. Der scharf bewachte Grenzstreifen zwischen Ost- und Westdeutschland war zwischen 50 und 200 Metern breit. Um die eigentlichen Grenzanlagen herum befanden sich Brachflächen, aber auch Wald, Flüsse, Feuchtgebiete und Moore.

Bund, Länder, Kommunen und Umweltverbände setzten sich in den vergangenen Jahren für den Erhalt der Flächen ein, die durch Bauprojekte und die Agrarwirtschaft nach wie vor bedroht sind. Seit 2003 wird die Idee des Biotopverbundes entlang dem früheren "Eisernen Vorhang" auch über Deutschland hinaus als europäische Initiative fortgeführt. Das "Grüne Band Europa" erstreckt sich auf einer Länge von rund 12.500 Kilometern von Russland und Norwegen im Norden über die Küstenregion der baltischen Staaten und Polen quer durch Deutschland und im Süden über den Balkan bis nach Griechenland und in die Türkei. Um den neuen Geist der friedlichen Kooperation zu dokumentieren, übernahm 2002 der frühere sowjetische Präsident Michail Gorbatschow die Schirmherrschaft über den größten Biotopverbund Europas.

Das Grüne Band soll die Natur erhalten, aber zugleich Menschen über Grenzen hinweg verbinden und deutlich machen, dass ein vereintes Europa nicht nur ein gemeinsames kulturelles, sondern auch ein Naturerbe umfasst. Angestrebt wird die Aufnahme ist das Weltnaturerbe der Unesco. Der Bundestag beschloss 2004, das Grüne Band als "einzigartigen Biotopverbund und als Erinnerungsstätte der deutschen Teilung" zu sichern. Im November 2005 wurde das Naturschutzprojekt als "Nationales Naturerbe" anerkannt. Damit einher geht die Verpflichtung, "gesamtstaatlich repräsentative Naturschutzflächen im Eigentum des Bundes nicht zu privatisieren, sondern in Naturschutzhände zu geben, die die Flächen nach anspruchsvollen naturschutzfachlichen Vorgaben betreuen und entwickeln". Heute besteht die Aufgabe vor allem darin, Lücken zwischen den Biotopen zu schließen. Rund 85 Prozent der Fläche gelten als intakt, der übrige Teil ist durch Straßen, Siedlungen oder landwirtschaftliche Nutzung beeinträchtigt. Laut BUND entstanden die derzeit 26 "großen Löcher" überwiegend schon Anfang der 1990er Jahre.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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