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HANS-CHRISTIAN STRÖBELE
Susanne Kailitz
»Die ostdeutschen Bürgerrechtler hatten weniger Berührungsängste«

Durch den Umzug des Parlaments nach Berlin ist die Politik näher dran an den Fragen der Wiedervereinigung

Ich bin in Halle (Saale) geboren, habe aber die sowjetische Besatzungszone schon verlassen, bevor die DDR gegründet wurde. Deshalb habe ich keine Erinnerungen an den Staat, die über ein paar Besuchseindrücke von Schulreisen nach Berlin, auch nach Ost-Berlin, hinausgehen würden.

Woran ich mich aber sehr gut erinnere, sind die Flüchtlingskinder, die ich als Jugendlicher in Westdeutschland kennen gelernt habe. Die waren mit ihren Familien aus der DDR oder den früheren Ostgebieten gekommen - und wurden von uns nicht immer gut behandelt. Im Grunde waren die Ost-Flüchtlinge damals so ungern gesehen wie die Flüchtlinge heute: Sie wurden als fremd wahrgenommen, wir machten uns über ihre Art zu reden lustig. Man erkannte sie auch schnell, Frauen trugen oft schwarze Kopftücher. Für die Westdeutschen waren sie Konkurrenz - auf dem Arbeits- und auf dem Wohnungsmarkt. Damals gab es ja Zwangseinquartierungen, da bekam man Post von der Gemeinde und es wurde mitgeteilt, dass in den zwei Zimmern, die man im Haus noch frei hatte, ab Montag vier Personen wohnen würden. Für Begeisterung hat das nicht gesorgt. Dennoch sehe ich einen entscheidenden Unterschied: Die Ressentiments gegen Flüchtlinge heute haben eine deutlich rassistischere Färbung. Man fragt, was die hier wollen; sie werden vielerorts für weniger wert gehalten. Dass man nach all den Jahrzehnten heute immer noch so eine Angst vor Fremden hat: Ja, das finde ich frustrierend.

Meine interessantesten Kontakte zu ehemaligen DDR-Bürgern hatte ich dann in der Politik, als Bündnis 90 und die Grünen zusammengingen. Ich habe die früheren Bürgerrechtler in Bündnis 90 als sehr selbstbewusst wahrgenommen. Das lag nicht nur, aber auch daran, dass Bündnis 90 im Herbst 1990 in den Bundestag gewählt wurden, die Grünen aber nicht.

Es gab auch ein anderes Politikverständnis: Diese Ostdeutschen hatten klare Forderungen: dass es etwa eine neue Verfassung geben sollte. Sie hatten unter hohem persönlichen Einsatz für die Demokratie gekämpft, für Ideale, die vielen von uns Westdeutschen in die Wiege gelegt worden waren. Und sie wollten sich vielem, was im Bundestag damals üblich war, nicht einfach unterwerfen: etwa, dass Parlamentarier verschiedener Fraktionen nicht auch Sachen gemeinsam machten. Wir Grüne waren ja selbst am Anfang, als wir in den Bundestag kamen, häufig beschimpft worden, wenn wir ans Rednerpult gingen oder man hatte uns ignoriert. Bei den Bürgerrechtlern aus dem Osten gab es viel geringere Berührungsängste, einige von ihnen haben im Lauf der Jahre ja auch die Parteizugehörigkeit gewechselt. Ich kann mich jedenfalls an gute Gespräche mit ostdeutschen CDUlern erinnern, die mit ihren westdeutschen Kollegen niemals möglich gewesen wären.

Durch den Umzug des Parlaments nach Berlin waren wir dann an vielen Fragen der Wiedervereinigung viel näher dran als in Bonn. Wenn man vor Ort den Leuten erklären soll, warum sie nur deshalb weniger Gehalt oder Rente bekommen, weil ihr Arbeitsplatz im Osten der Stadt liegt, werden einem einige Ungerechtigkeiten ganz anders bewusst als aus der Distanz.

Mein Wahlkreis ist einer von nur zweien, der frühere Ost- und Weststadtteile Berlins vereint. Da ist zwar vieles zusammen gewachsen. Aber eine Sache hat sich erstaunlicherweise erhalten: Wenn Eltern eine Schule für ihre Kinder suchen, würden Kreuzberger nicht in Friedrichshain suchen und Friedrichshainer nicht in Kreuzberg. Da gibt es bestimmte Erwartungen an Disziplin oder Strenge von Lehrern, die man offenbar nicht aufgeben will.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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