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Christoph Dieckmann
Wir sind ein Staat

Gemeinsame Erfahrungen und getrennte Vergangenheiten. Ostdeutsche Erwägungen zum Jubiläum

Schon wieder? Es muss wohl sein. Am 3. Oktober jubiliert die deutsche Einheit, abermals. Sind wir ein Volk? So lautet rituell die nationale Festtagsfrage, als wäre ein "Zusammenwachsen" Pflicht. Jede Antwort ist lebensgeschichtlich geprägt, auch die meine: Wir sind zwei Völker in einem. Wenn's langt.

Ich bin Ostdeutscher des Jahrgangs 1956. Den 3. Oktober 1990 verbrachte ich wie kein anderer Überlebender der DDR: in Washington, im Rosengarten des Weißen Hauses, als eingeschlichener Feiergast. Deutsch-amerikanische Honoratioren harrten des Präsidenten. Ein Kinderchor zwitscherte "Auf der schwäbschen Eisenbahne" und "It's a gift to be simple and free". Jetzt betrat George Bush (senior) den Rosengarten, umsprungen von zwei weißbraunen Hunden. Die Kapelle der US-Marines spielte das Deutschlandlied, das Bundeswehr-Blasorchester "Star Spangled Banner". Der Präsident sprach von den Glocken der Freiheit, die heute in Berlin erklängen. Deutschland sei einig und Amerika sein starker Freund.

Ich fand mich recht verloren. Alles und jeder war westlich, ebenso beim Fest der deutschen Botschaft. Ich nahm meine bulgarische Freundin mit, zwecks osteuropäischen Beistands. Auch ihr blühte nun die Freie Welt. Gorbatschows Sowjet-Planet hatte seine Trabanten entlassen. Die globale Zukunft schimmerte im Licht kooperativer Vernunft.

Auf- und Abbau Ost Auch die deutsche? Das folgende Jahrzehnt erlebte ich, pathetisch formuliert, als Chronist der ostdeutschen Übergangsgesellschaft. Das Hamburger Wochenblatt "Die Zeit" begehrte einen landeskundigen Reporter, der den Lesern - zu 97 Prozent Altbundesbürger - das westsibirische Beitrittsgebiet näherbrächte, objektiv, mit hanseatisch kühler Feder. Dazu war ich außerstande, doch zur Vermittlung gewillt. Ich erzählte vom Auf- und Abbau Ost, von rassistischer Gewalt, von der Rettung zerfallender Städte und wie das Lausitzer Dorf Horno in die Grube fahren musste für ein bisschen Kohlestrom. Ich besuchte die hungerstreikenden Kalikumpel von Bischofferode und den taumelnden FC Carl Zeiss Jena. Ich erwog die demokratische Potenz der PDS und die selbstironische Heilkraft der Ostalgie, die im Westen als Verherrlichung des "Unrechtstaates" missverstanden wurde. Ich verweigerte die Reduktion des Landes DDR auf Stasidopingstacheldraht. Ich schrieb als Abkömmling jenes deutschen Volkes, das im Herbst 1989 seine öffentliche Sprache gefunden hatte und also endlich sich selbst.

Privatisierte Freiheit Öffentlichkeit, das freie publizierte Wort, war ein Hauptbegehren der friedlichen Revolution. Bereits mit dem Mauerfall endete der emanzipatorische Volksaufstand, wurde die eben errungene Freiheit privatisiert. Der eilfertige DDR-Beitritt zur Bundesrepublik - de facto ein Anschluss - erfolgte natürlich zu deren Bedingungen. Der bankrotte Osten brauchte den Westen, dieser allerdings keinen Osten. Der Westen prosperierte ja und war in sich komplett. Seine Wirtschaft, seine Mehrheit, seine Ideologie definierten den gemeinsamen Staat. Die BRD blieb Deutschland, die DDR wurde östliche Provinz. Deren Kultur und Geschichte übermalte die nationale, die westliche Medienmacht. Dem Osten, nunmehr Drittelland, verblieben regionale Eigenarten. Die Ostdeutschen, jetzt ein Fünftelvolk, fielen zurück in ihre vorrevolutionäre Mündlichkeit. Dagegen schrieb ich an, mit Eifersucht.

Wie wenig vermochte der Westen sich als deutschen Torso zu begreifen. 40 Jahre lang floss die Nationalgeschichte geteilt; kein Flussarm war mehr oder weniger deutsch als der andere. Zudem existierten beide Deutschländer als Mündel der Siegermächte. Die hatten 1945 den Einheitsstaat kassiert; 1990 rückten sie ihn wieder heraus. Freilich fand auch der Kalte Krieg einen Sieger. Mit den USA triumphierte das marktwirtschaftlich-demokratische Deutschland. Dieser Wesenszug der "Wiedervereinigung" spiegelt sich in zwei markanten Zitaten. Wolfgang Schäuble, der den Einheitsvertrag quasi mit sich selber ausgehandelt hatte, verkündete gen Osten: "Liebe Leute, es handelt sich um einen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, nicht um die umgekehrte Veranstaltung." Lothar de Maizière, der erste und letzte freigewählte Ministerpräsident der DDR, wurde nach deren Mitgift gefragt. Er sagte: "17 Millionen Menschen." Fast klang das wie Martin Luthers Sterbeworte: "Wir sind Bettler, das ist wahr."

Wahr ist, dass die Mehrzahl der DDRler 1990 gläubig den Beitritt zur BRD erwählten. Wahr ist, dass laut Helmut Kohlschem Heilsversprechen der Westen zur Lokomotive des Ostens werden sollte; stattdessen wurde er zur Amme. Wahr bleibt bis heute, dass die westdeutsche Zivilgesellschaft sich weitaus stabiler organisiert als der industriell entkernte, entbürgerlichte Osten. Auch der wirtschaftliche Abstand weigert sich zu schrumpfen. Doch wie pauschal, wie lähmend menschenfern sind derlei kategorische Befunde. Wie ermüdeten schon zur Jahrtausendwende die Stereotype der deutsch-deutschen Käferkunde. Die Ostler waren nie ein homogenes Kollektiv, sondern Millionen Individuen höchst verschiedenen Charakters und Geschicks. Nur als Erinnerungsgemeinschaft bilden sie ein Wir. Sie verteidigen nicht den SED-Staat, sondern ihr darin gelebtes Leben. Die existentielle Erfahrung des 1989er Zeitenbruchs unterscheidet Ost und West. Die Biographien des Westens wurden weder umgepflügt noch evaluiert.

Dann geschah der 11. September 2001. Schlagartig fanden sich die Deutschen im selben Boot. Die innerdeutschen Debatten verstummten, die Außenpolitik setzte die Themen. Der Bündnisfall wurde ausgerufen und belehrte auch die Ostler über die Pflichten der deutsch-amerikanischen Freundschaft. Sie erinnerten sich deutlich an ihren vorigen Großen Bruder. Dass sich der Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) nicht zum Spießgesellen des Irak-Kriegers George Bush (junior) machen ließ, war eine neue, erlösende Erfahrung.

Deutschland gilt als pazifistisch. Das meint die Volksmentalität, nicht den Waffenexporteur. Der freiheitspathetische Bundespräsident Joachim Gauck, der "Deutschlands gewachsene Verantwortung" auch militärisch behauptet, wird im Osten "Feldprediger" genannt. Im Urteil über ihre fürchterliche National-Vergangenheit sind Ost und West einig. Die Teilung war hitlerdeutsch verschuldet. Die junge DDR bekam den Antifaschismus von ihrer sowjetischen Siegermacht übergeholfen, die braunfaul restaurative Bundesrepublik entnazifizierte sich erst im Streit der Generationen. Mitunter wird gefragt, warum die jungen Ostdeutschen heute ihre Eltern nicht ähnlich dringend nach der Diktatur befragen wie die 68er einst im Westen. Eher nehmen sie die Eltern in Schutz. Das SED-Regime verbrach ja nicht Krieg und Holocaust. Es knickte Biographien, es limitierte Lebenschancen im Namen "sozialer Geborgenheit". Dass die zur gerechten Freiheit gehöre, blieb eine ostdeutsche Überzeugung.

Ansonsten bedeutet Freiheit: Reisen, Welterfahrung. Reiseweltmeister heißen die Deutschen, die Ostler längst inbegriffen. Der Fußball-Weltmeister Deutschland ist rein westlich bestückt, wie die Bundesliga. Jüngst wurde die 3. Liga zur Eliteklasse Ost ausgerufen, weil dort acht klamme Traditionsvereine Wiederaufführungen alter DDR-Duelle präsentieren. Weltweit war die Fußball-WM 2006, das deutsche "Sommermärchen", der größte Triumph des geeinten Landes. Man sah die Teutonen feiern, in heiterem Schwarzrotgold. Sie wirkten jung, aufgeschlossen, international. Diese Deutschen musste niemand fürchten. Aber dieses Image ist nicht für immer garantiert. Derzeit nimmt es Schaden, weil Deutschland sich als Europas Zentralmacht inthronisiert.

Voller Gemeinsamkeit Zum Schluss ein schlichter Satz: Dieses ist die deutsche Einheit. Eine andere gibt es nicht. Viele Ost-West-Dissonanzen bleiben, generationsbedingt, aber sie nehmen biologisch ab. Die Nachgeborenen der Teilung werden immer mehr - wie Deutschlands Zuwanderer. Doch auch wir Älteren taugen zum Miteinander. 1990 erklärte mir eine US-Amerikanerin, warum Schwarz und Weiß nicht mehr zu scheiden seien: Weil beide das Land seit Jahrhunderten bewohnen und seine Geschichte teilen. Die deutsche Neuzeit währt erst ein Vierteljahrhundert und ist schon voller Gemeinsamkeit: Kosovo-Krieg, Euro-Einführung, Finanzkrise, Hartz IV, Homo-Ehe, Pegida, Flüchtlingsströme, NSU und NSA sind einheitsdeutsche Erfahrungen. Die Vergangenheiten bleiben getrennt. Das bereichert unsere vielstimmige Geschichte.

Der Verfasser ist Autor der Wochenzeitung "Die Zeit".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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