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EDITORIAL
Jörg Biallas
Hauptsache cool

Seit dem 3. Oktober 1990 gehen der Osten und Westen Deutschlands wieder vereinigt durch die Zeitläufte. Als dieses Ereignis in Berlins neuer Mitte gefeiert wurde, war die Begeisterung der Menschen in den gleichzeitig neu entstandenen Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bereits vielerorts den Alltagssorgen gewichen. Arbeitslosigkeit, finanzielle Ungewissheit und Zukunftsangst hatten das erwartete Dasein im westlichen Konsumparadies relativiert. In West wie Ost war in dem knappen Jahr seit dem Mauerfall die Erkenntnis gewachsen, dass es nicht so leicht wie erhofft werden würde, die nach neuen Maßstäben unproduktive Wirtschaft und marode Infrastruktur der untergegangenen DDR modernen Standards anzupassen.

Heute, ein Vierteljahrhundert später, ist dieser Prozess längst abgeschlossen. Das war nicht leicht und auch nicht immer gerecht. Vielen, die sich selbst als "Wendeopfer" bezeichnen, darf man diese Gefühle nicht absprechen, wenngleich die Schuldzuweisungen mitunter zu simpel sind und das tatsächliche Dilemma nur einseitig beschreiben.

In den vergangenen 25 Jahren ist die Nation immer fester zusammengewachsen. Die Menschen in Ost und West haben sich und das jeweils andere Lebensumfeld kennen, oft auch schätzen gelernt. Am Arbeitsplatz, in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis ist über Trennendes wie Verbindendes diskutiert worden. Obwohl die Kontroverse dabei mitunter den Konsens überflügelte, waren solche Gespräche gewinnbringend. Auch das hat dazu beigetragen, dass sich in Ostdeutschland keine grundsätzliche Skepsis gegenüber den Spielregeln der Demokratie etabliert hat, wie zeitweise zu befürchten stand. Beispielsweise ist eine niedrige Wahlbeteiligung gewiss kein ausschließliches Problem der neuen Länder.

Wer den Wegzug junger Menschen aus Vorpommern, der Lausitz oder dem Erzgebirge beklagt, vergisst, dass es solche Bewegungen auch in Dithmarschen, Franken und im Hunsrück gibt oder gegeben hat. Ohnehin spielen die Himmelsrichtungen bei der Zukunftsplanung eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist das Angebot. Bei der Wahl des Ausbildungs- oder Studienortes konkurrieren Düsseldorf mit Dresden, Rostock mit Regensburg, Göttingen mit Greifswald. Ost oder West? Egal, Hauptsache eine coole deutsche Stadt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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