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Das Gespräch führten Jörg Biallas und Sören Christian Reimer
Leises Zwitschern

Die Forscher Gerhard Vowe und Marco Dohle über Politikvermittlung 2.0 und warum die Zeitung wichtig bleibt

Herr Vowe, Herr Dohle, Sie haben in mehreren Studien untersucht, wie Abgeordnete des Deutschen Bundestages Online-Medien für politische Kommunikation nutzen. In den vergangenen Jahren hat nicht nur die Bedeutung von Online-Medien zugenommen, sondern auch die von "Sozialen Netzwerken". Sind Kanäle wie Twitter, Facebook und Co. überhaupt geeignet, politische Inhalte zu vermitteln?

Vowe: Kein Medium schließt von vornherein aus, dass man damit politische Inhalte vermittelt. Man muss allerdings den Gesetzen der jeweiligen Form genügen. Twitter und Co. sind deshalb zur Vermittlung komplexer politischer Inhalte erst einmal nur bedingt geeignet. Die Zeit ist knapp, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und die Botschaft rüberzubringen. Das gilt, wenn Sie privat eine SMS schicken, ebenso wie bei der politischen Kommunikation. Auf Twitter haben Sie zwar auch nur 140 Zeichen für eine Botschaft. Sie können aber auf Inhalte verlinken. Dadurch eröffnen sich unendlich viele Möglichkeiten, auch sehr komplexe Sachen zu transportieren.

Aber muss nicht bei Medien, die so von Knappheit und Schnelligkeit geprägt sind, die politische Analyse zwangsläufig auf der Strecke bleiben?

Vowe: Sicher, tiefschürfende Analyse ist darüber schwer machbar. Stattdessen gibt es Nachrichten und Meldungen, aber vor allem auch Stimmungsmitteilungen. Diese Kanäle sind in hohem Maße politische Stimmungsbarometer und Motoren für Stimmungsmache, und werden von der Politik auch so eingesetzt. Man analysiert nicht lang und tief, sondern positioniert sich, stark emotional getönt. Trotzdem ist Analyse nicht gänzlich unmöglich. Sie läuft aber eher im Hintergrund ab, eben über die Verlinkung.

Wie nutzen die Abgeordneten Online-Medien?

Dohle: Unterschiedlich. Twitter zum Beispiel ist gar nicht so beliebt. Nur ungefähr die Hälfte der Abgeordneten hat einen Account. Und nur etwa ein Drittel gibt an, ihn auch regelmäßig zu nutzen. Die persönliche Homepage und einen Facebook-Zugang nutzen hingegen fast alle Abgeordneten. Das ist Standard. Wir verzeichnen allerdings einen Trend hin zu den sogenannten Social Media. Abgeordnete geben an, inzwischen weniger Zeit in die Pflege ihrer Webseiten zu investieren, dafür aber mehr in den Facebook-Account.

Wie lässt sich die online-affine Gruppe der Parlamentarier definieren?

Dohle: Parteizugehörigkeit oder auch Geschlecht haben keinen messbaren Einfluss auf die Online-Medien-Nutzung. Das Alter spielt die entscheidende Rolle. Wenig überraschend: Die jüngeren Abgeordneten nutzen die Online-Medien intensiver. Die zweite entscheidende Variable ist die Einschätzung der Effektivität. Wer diese Medien für geeignet hält, Botschaften unter Journalisten, Bürger und Kollegen zu bringen, bedient sich ihrer auch öfter.

Vowe: Man kann die Abgeordneten darüber hinaus in drei Gruppen einteilen. Die Gruppe der sehr intensiven Onliner, die selbst wirklich begeistert im Internet unterwegs ist. Dann natürlich die klassischen Verweigerer. Und in der Mitte die Menge der Abgeordneten, die Online-Kanäle mittelbar nutzen, also beispielsweise über Mitarbeiter twittern lassen.

Mit welcher Absicht setzen Abgeordnete Online-Medien ein?

Dohle: Bei allen Kanälen stehen vor allem die politische Information und das Verbreiten von politischen Meinungen im Vordergrund. Es geht also weniger darum, komplexe Zusammenhänge zu erklären. Vielmehr wird auf eigene Anliegen verwiesen oder kurz über die politische Arbeit und den politischen Alltag berichtet. Es wird eine Art Tätigkeitsnachweis erstellt.

Das Private spielt also keine Rolle? Keine Baby- und Urlaubsfotos?

Dohle: Nein, wirklich Privates bleibt in den Profilen der Abgeordneten weitgehend außen vor. Was wir aber schon finden, sind alltägliche Situationen. Gehen Sie in einer Sitzungswoche auf 20 Facebook-Seiten von Abgeordneten und Sie werden auf zehn Seiten ein Foto finden, wie ein Abgeordneter gerade eine Schulklasse oder eine Seniorengruppe aus seinem Wahlkreis betreut. Ist das eine Vermittlung von politischen Inhalten oder politischen Ideen? Wohl kaum. Ebenso wenig übrigens wie Berichte aus dem Wahlkreis, etwa vom Schützenfest oder dem Spiel des örtlichen Fußballvereins.

Wen erreichen die Abgeordneten damit?

Dohle: Es wird ja immer behauptet, dass neue Medien Politikern in erster Linie die Möglichkeit böten, sich ungefiltert an die Bevölkerung zu richten. Aber unsere Studien zeigen, dass die Politiker mit ihren Botschaften vor allem die Journalisten und Kollegen und weniger die allgemeine Bevölkerung erreichen wollen. Das zeigen auch die relativ niedrigen Zugriffszahlen auf Twitter-Accounts, auf die Facebook-Profile und vor allem auf die Homepages der Abgeordneten. Erreicht werden außer Journalisten vor allem die eigenen Wähler oder die engeren Unterstützer, keineswegs aber die breite Masse.

Gemessen an der Popularität der Netzwerke sind die Reichweiten also sehr überschaubar. Woran liegt das?

Dohle: Zur politischen Information setzen die meisten Menschen immer noch auf die klassischen Massenmedien: Fernsehen, Radio und vor allem auch Zeitungen, gedruckt wie digital. Facebook oder auch Twitter werden dafür eher selten genutzt. Die jüngere Generation wächst allerdings mit den neuen Medien auf und sucht dort auch verstärkt nach politischen Informationen.

Das heißt, Politiker können nicht auf traditionelle Medienarbeit verzichten?

Dohle: So ist es. Und das sehen die Abgeordneten ganz genauso. Der Einsatz von Online-Medien ist eine Ergänzung zum bestehenden Kommunikationsrepertoire und zur Medienarbeit, die auch durch persönliche Gespräche oder auch über die Zeitung erfolgt, etwa im Wahlkreis über das Lokalblatt. Dieses Engagement wird auch nicht reduziert, wenn die Abgeordneten zusätzlich andere Kanäle einsetzen. Abgeordnete sind immer noch selbst sehr intensive Nutzer von Zeitungen. So gut wie jeder Abgeordneter gibt an, dass er täglich mindestens eine Tageszeitung liest.

Twitter und Co. bieten die Möglichkeit, sehr schnell Position zu beziehen. Das bedeutet aber auch: Abgeordnete können sich leicht in die Nesseln setzen. Was erstmal im Internet ist, lässt sich ja kaum wieder zurückholen.

Vowe: Das ist in der Tat eine Schwierigkeit. Es ist sehr verlockend, sich sofort bemerkbar zu machen. Aber man kann sich damit auch schnell die Finger verbrennen, beispielsweise mit zu überhasteten Äußerungen. Es schleifen sich aber langsam bestimmte Regeln ein. Die Abgeordneten lernen zunehmend, behutsam damit umzugehen und Vorsicht walten zu lassen.

Spätestens seit der Diskussion um Hass-Postings bei Facebook ist auch die dunkle Seite der "Sozialen Medien" ins Licht der Öffentlichkeit geraten. Verroht durch Facebook, Twitter und Co. unsere politische Kultur?

Vowe: Die neuen Kanäle ermöglichen uns, Stammtischdebatten mitzubekommen, die uns früher verborgen geblieben sind, weil wir nicht mit am Tisch saßen. Jetzt ist das anders und wir sind furchtbar erschrocken, was da passiert. Wir werten diesen Unsinn dann wie einen Leserbrief oder eine offizielle Verlautbarung. Für die Verfasser hat das aber oft einen ganz anderen Charakter. Das ist eben wie eine Äußerung, die man nach dem dritten Bier am Stammtisch unter Freunden macht. Das erklärt die Unbedarftheit und Einfältigkeit dieser Einträge. Gut ist, dass jetzt Regeln entwickelt werden sollen, wie zivilisierter Umgang im Netz sichergestellt werden kann, damit die Grenzen der Meinungsfreiheit nicht überschritten werden.

Das Gespräch führten Jörg Biallas und Sören Christian Reimer.

Die Kommunikationswissenschaftler Gerhard Vowe und Marco Dohle von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf forschen innerhalb des Forschungsprojektes "Politische Kommunikation in der Online-Welt". Weitere Informationen zu dem Projekt sind im Internet auf www.fgpk.de zu finden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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